Neue Sichtweisen korrigieren Therapie

3. Oktober 2010, 18:19
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Thema bei Tagung europäischer Experten: Herzinfarktrisiko bei Diabetes - Ein Medikament, das die Gefahr erhöht, wurde vom Markt genommen.

Zwei Proteine als Superstars: Kein Wissenschafter, kein Arzt und auch keines der neuen schicken Blutzuckermessgeräte zog bei der kürzlich zu Ende gegangenen Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) ähnlich viel Aufmerksamkeit auf sich wie zwei Wirkstoffe, denen laut Meinung vieler Ärzte bei der Behandlung der Stoffwechselerkrankung Typ-2-Diabetes die Zukunft gehört.

Glucagon-like-Peptid 1 (GLP-1) ist ein Hormon, das im Dünndarm produziert wird und eine wichtige Rolle beim Zuckerstoffwechsel spielt. Nahezu alle Pharmafirmen, die in der Diabetologie aktiv sind, haben entsprechende Produkte entwickelt. Derzeit sind Präparate auf dem Markt, die man täglich ein- bis zweimal injizieren muss, um den Blutzuckerspiegel zu stabilisieren. Voraussichtlich ab 2012 soll eine Injektion pro Woche genügen.

Der Diabetologe Bernhard Ludvik, Leiter der Stoffwechsel-Ambulanz im AKH Wien, glaubt in diesem Zusammenhang an eine nachhaltige und deutliche Reduktion des Blutzuckerspiegels. Die zweite Gruppe gibt es noch nicht am Pharmamarkt: SGLT-2-Hemmer. Sie sollen bewirken, dass der Zucker mit dem Harn ausgeschieden und nicht wie bei jedem Menschen üblich vom Körper wieder aufgenommen wird. Beim Diabetiker würde dies eine Senkung des Blutzuckerspiegels zur Folge haben.

Eine dritte Medikamentengruppe machte im Umfeld der EASD-Tagung in Stockholm wieder einmal, vielleicht zum letzten Mal, negative Schlagzeilen: Avandia, Avadamet und Avaglim vom Konzern GlaxoSmithKline wurden von der europäischen Arzneimittelbehörde EMEA die Zulassungen entzogen. Grund: Der enthaltene Wirkstoff Rosiglitazon erhöhe das Herzinfarktrisiko für Typ-2-Diabetiker, das aufgrund der Erkrankung und der damit oft verbundenen Fettleibigkeit ohnehin größer als bei Gesunden sei.

Umstrittenes Medikament

"Ich habe diese Medikamente schon seit langem nicht verschrieben", sagt die Wiener Diabetologin Elisabeth Krippl, Ambulanzleiterin im Sanatorium Hera, und weist darauf hin, dass Avandia und Co schon seit der Marktzulassung vor etwa zehn Jahren umstritten waren. Die Diskussion wurde 2007 verschärft, als Steve Nissen von der Cleveland Clinic in Ohio eine Studie präsentierte, wonach das Herzinfarktrisiko erstmals bestätigt wurde.

Im Februar dieses Jahres berichtete schließlich die renommierte New York Times unter Berufung auf einen US-Regierungsreport, im letzten Quartal 2009 habe das Mittel insgesamt 304 Todesopfer gefordert. In den USA sind die Rosiglitazon-Medikamente noch immer auf dem Markt, freilich mit Einschränkungen durch die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA. Ludvik analysierte die späte Reaktion der europäischen Behörde: "Bisher wurde mehr auf Ergebnisse medizinischer Studien geachtet, die Rosiglitazon kein so schlechtes Zeugnis ausstellten. Nun hält man die Ergebnisse von Datenbanken, die einen Zusammenhang mit Herzinfarkten ergeben, für wichtiger."

Unterbelichtete Gender-Medizin

Das Herzinfarktrisiko wurde in Stockholm auch im Zusammenhang mit zuckerkranken Frauen diskutiert. Das Thema Gender-Medizin ist in der Diabetologie noch unterbelichtet. Karin Schenck-Gustafsson aus Schweden kritisierte während der Tagung, dass Diabetikerinnen oft "unterbehandelt" werden, obwohl sie ein um achtmal höheres Risiko hinsichtlich "kardiovaskulärer Ereignisse" (Herzinfarkt) haben. Sie forderte eigene Kliniken, in denen auf die speziellen Bedürfnisse von Frauen eingegangen wird. Die Gründe für die Fehlbehandlung scheinen ausschließlich in der etablierten Sichtweise zu liegen. Frauen sind durch das weibliche Sexualhormon Östrogen verhältnismäßig gut geschützt. "Der gefäßerweiternde Schutz dürfte allerdings bei Diabetikerinnen nicht funktionieren", sagt die Kardiologin Jeanette Strametz-Juranek von der Med-Uni Wien.

Sie weist auf den deutlich längeren Diagnoseweg hin, den zuckerkranke Frauen mit Herzproblemen in ländlichen Regionen gehen müssen, weil die Probleme unterschätzt werden. In Städten sei die Versorgung deutlich besser. Insgesamt sieht sie "einen langwierigen Prozess. Man muss Geduld haben." Auch ethnische Unterschiede bei der Herzinfarkt-Risikoabschätzung würden eine immer größere Rolle spielen, sagt Strametz-Juranek. Viele Asiaten galten, sagt die Ärztin, lange als weniger gefährdet. Durch den Siegeszug von Fastfood sei dieser "Schutz" aber längst Geschichte.

Rasante Zuwächse in Asien

Der Wiener Diabetologe Guntram Schernthaner, Vorstand der 1. Medizinischen Abteilung der Rudolfstiftung, analysiert schon seit Jahren die rasante Ausbreitung des Diabetes in asiatischen Ländern. Am Rande der EASD- Tagung erwähnte er, dass in China bereits 90 Millionen Menschen erkrankt sind. Schuld daran sei eine weitgehende Änderung der Ernährungsgewohnheiten. Während der Schwerpunkt früher auf Gemüse und Reis lag, dominieren nun fetthaltige Nahrungsmittel. Dazu kommt die Motorisierung der Bevölkerung. "Wie kann man diese rasanten Zuwächse stoppen?" Das sei wohl eines der zentralen Probleme im Zusammengang mit Diabetes.(Peter Illetschko aus Stockholm, DER STANDARD Printausgabe, 04.10.2010)

Die Epidemie Diabetes

Laut aktueller Zahlen der International Diabetes Federation (IDF) sind weltweit 285 Millionen Menschen zuckerkrank. In Österreich sind es 600. 000 Menschen, nach Angaben der Österreichischen Diabetes-Gesellschaft sind nur 420.000 davon diagnostiziert. Die Krankheit gilt längst als Epidemie: Die IDF schätzt, dass 2030 insgesamt 438 Millionen Menschen zuckerkrank sein werden.

95 Prozent aller Diabetiker leiden am Typ 2. Diese Erkrankung entsteht oft als Folge von Bewegungsarmut, schlechter Ernährung und Fettleibigkeit. Hier wird zunächst genügend körpereigenes Insulin von der Bauchspeicheldrüse produziert, der Körper kann das Hormon aber nicht aufnehmen. Ärzte warnen besonders im Zusammenhang mit Typ-2-Diabetes vor Spätfolgen, weil Symptome wie häufiger Harndrang, Gewichtsverlust, Antriebslosigkeit und starker Durst hier nur schwach oder möglicherweise gar nicht vorhanden sind. Unbehandelter Diabetes kann zu Herzinfarkt, Schlaganfall, Blindheit, dem diabetischen Fußsyndrom und in der Folge zur Amputation führen.

Der Typ 1, eine Autoimmunerkrankung, tritt deutlich seltener und meist bei Kindern und Jugendlichen auf. Hier werden die Insulin produzierenden Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört. Symptome treten stärker auf. Die Patienten müssen Insulin spritzen. (pi)

  • Diabetes bei Frauen ist in Fachkreisen ein bisher noch wenig diskutiertes Thema.
    foto: standard/matthias cremer

    Diabetes bei Frauen ist in Fachkreisen ein bisher noch wenig diskutiertes Thema.

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