Esel im Safranland

3. Oktober 2010, 16:48
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In den Abruzzen machte Tex Rubinowitz Bekanntschaft mit zwei liebreizenden Tieren und lernte sich dabei selber besser kennen

Es gibt ein schlechtes Wort, nur faule Journalisten verwenden es, dieses Wort heißt Entschleunigung, man muss das nicht erklären. So wie die ähnlich scheinkreativen Vokabel "unrund" und "gefühlte" (vier Jahre für vier Minuten), wird es verwendet, um anzuzeigen, dass man einen lockeren Umgang mit der Sprache kann, gerne neue Zierwörter in seinen aktiven Wortschatz einzupflegen sich bemüßigt fühlt, dabei sind das nur hohle Töne, wie die einer Eule aus einer metaphysischen Stechpalme. In jedem Text über Eselwandern käme also bei diesen Herrschaften das Wort Entschleunigung vor, jetzt also auch hier.

Esel, warum? Nur einmal eine Gedankenkapriole: Man hundertstele die Zahl der Hunde und verhundertfache die Anzahl der Esel auf Erden, dann gäbe es von den einen immer noch zu viele und von den anderen zu wenig, aber es wäre schon einmal ein richtiger Schritt gemacht, jener in Richtung Weltverbesserung.

Denn ein Esel kläfft nicht und knurrt nicht, ein Esel führt keinen Krieg, er beißt nicht, er steht nur da, so wie es ihn frommt, und wenn er gehen will, dann geht er, und wenn nicht, nutzt Klagen, Locken und Strafen nicht, du kannst ihn nicht erobern, er zeigt einem, wer der Chef ist, und wenn man mit einem Esel wandert, wandert nicht er mit einem, sondern man mit ihm, der Esel führt.

Er ist nicht so hypernervös wie ein Pferd, auch kann ihm nicht die Luft ausgehen, wie dem Fahrradschlauch. Ein Esel ist der bessere Mensch. Ein Hund oder Pferd, oder ein Fahrrad sind nur willfährige Idioten. Lasst uns mit dem Esel reisen, und wir reisen zu uns selbst, innere Kriege werden befriedet, unsere Körper von innen mit Samt ausgeschlagen, so einen Schwachsinn denkt man dann und wann, wenn man an seinem Esel zerrt oder ihn fluchend schiebt, weil er sich aus einem unerfindlichen Grund weigert weiterzugehen, vielleicht ist ihm auf diesem Streckenteil einmal etwas passiert, Traumakonfrontation interessiert ihn einfach nicht, Dr. Freud hätte seine Freude mit ihm. Kuhherden mögen die Esel übrigens eigenartigerweise auch nicht, diese lieben, friedlichen Kühe, da muss wohl auch einmal was vorgefallen sein, dass sich das genetisch eingebrannt hat.

Wer eine Eselwanderung machen möchte, für den gibt's ein paar Anbieter, nicht viele, in Frankreich einen in den Cevennen, auf den Spuren Robert Louis Stevenson (Travels with a Donkey in the Cévennes, 1879), man kann auch auf dem Jakobsweg eselbegleitet werden, also wirklich, das muss nicht sein, und die vielleicht schönste Strecke bieten Saskia Steigleder und ihr Freund Guiseppe an, und zwar im Bergdorf Goriano Valli, dreißig Kilometer von L'Aquila, das ist in den Abruzzen und insofern eine praktische Gegend, weil sie in Italien liegt, und man naturgemäß keinen Mitwanderern begegnen muss, weil Italiener ja bekanntermaßen nicht wandern können, sie haben einen erblichen Gehdefekt, spazieren ja, schlendern auch, wandern nicht, soll so sein, ich und mein Esel begrüßen das.

Bevor man mit dem Esel losgeht, muss man erstmal eine Art Führerschein machen, Bürsten, Hufe auskratzen, Packtaschen effizient befüllen und satteln, mein Esel ist eine Frau namens Pauline, ihr Sohn, Werner, kommt mit, der braucht nichts zu tragen, der ist grad in der Pubertät, ist ein bisschen nassforsch, tänzelt und rennt vor und zurück, und rempelt seine Mutter, seine Form "Ich liebe dich" zu sagen, Mütter kennen das.

Die erste Etappe geht drei Stunden einen Berg hinauf, in einer Wolke von Fliegen und Bremsen, die ausgerechnet nur Frau Pauline attackieren, und nur an Hals und Gesicht, und da erweist sich zweierlei, erstens, was für nutznießende Satansbraten eigentlich Fliegen sind, die Bremsen öffnen die Haut, dass Blut fließt, in das sich dann die Fliegen setzen und möglicherweise Eier legen, aber dafür hat man dann einen Wedelast und der erweist sich als ein idealeres Werkzeug, den Esel anzutreiben, als ihn mit ihm zu schlagen, denn wer schlägt schon gerne ein Tier? Er merkt, da nimmt jemand Anteil, wedelt mir die Biester vom Hals, er sorgt sich um mich, dann tu ich ihm den Gefallen und bewege mich. Wenn indes eine Bremse so unklug war, sich auf seine Lippen zu setzen, wird sie einfach eingeleckt und zermalmt, das ist offenbar so etwas wie für uns eine Erdnuss.

Die Etappe endet in Fontecchio, nette Bleibe, nette Besitzerin, es gibt Safrannudeln (denn Safran blüht hier überall in voller Pracht), Wildschweinpappardelle und Hammelbeine, im Fernsehen läuft die Millionenshow, und man ist stolz, dass man sogar die 10.000 Euro-Frage im Gegensatz zum Kandidaten weiß, von welchem Laster kam Italo Svevo Zeit seines Lebens nicht los? Vom Rauchen natürlich.


 

Steinerner Schlaf

Nach einem steinernen Schlaf, Pauline bepackt, Werner tänzelt um sie herum, traumhafte Strecke, man kommt durch Bominaco, in der Kirche eine Hochzeit, man lässt die Esel auf dem Friedhof stehen und lauscht dem Kantor, er spielt Ennio Morricones bekannte Melodie "Spiel mir das Lied vom Tod", eine Frau singt dazu markerschütternd (im guten, pathetischen Sinne).

Die Etappe endet im Agrotourismo von Maria Battistelli in Caprociano, da werden die Esel in ein Gehege mit Rieseneseln geparkt (groß wie Pferde), denen man die Hufe nicht pflegt, das sieht sogar der Laie, sie sind lang und spitz und sehen aus wie High Heels, Pauline und Werner verdrücken sich in eine Ecke, ich bringe ihnen noch Eichenlaub und Eicheln, das essen sie am allerliebsten, Safran interessiert sie nicht.

Maria Battistellis Herberge und Essen wären allein eine eigene Reise wert, das Haus, jeder Raum bis in den letzten Winkel ist mit Schnickschnack und Krimskrams, nun ja, angeräumt wäre eine Untertreibung, man weiß nicht, ob nicht das Zeug mittlerweile das Haus hält, als andersrum, und was sie dann auftischt, will niemals enden, 11 Gänge, Safran hie, Safran da, Trüffel, Wildschwein, Kaninchen, eine fröhliche Mast.

Dann sackt man in die Federn, alles bedruckt mit Katzen, die einen anstarren, Figuren, Figurinnen, vielleicht gibt es auch noch andere Tierthemenzimmer, Esel vielleicht, aber man schläft trotzdem gut, und wie kann es anders sein, am nächsten Morgen bekommt man ein dickes Lunchpaket mit vier riesigen exquisiten Speckbroten.

Die Orte, durch die man kommt, sind teilweise durch das Erdbeben im letzten Jahr in Mitleidenschaft gezogen worden, und auch wenn sie nicht zerstört worden sind, sind die Jungen fortgezogen, man überlässt die jahrhundertealte organische Bausubstanz den alten Frauen und Katzen und dem Schimmel und Moos, alles vergammelt, bedrückende Hoffnungslosigkeit, die Zeit, die Zerstörerin aller Dinge, leistet hier sichtbare Arbeit.

Man wandert um die Städte herum einen fantastischen Hügel hinan, durch verbrannte Wälder, die Bäume stehen da wie Geisterkrallen inmitten sprießenden Grüns, die Natur kommt zurück, oben auf dem Monte Sirente eine Atmosphäre wie in einem Westernfilm, eine kleine Kapelle, im Gästebuch Einträge von Eselwanderern, Pauline und Werner waren also auch schon hier, aber auch ein Eintrag von einem, der bedauert, diesen schönen Fernblick nicht mit einem Esel teilen zu können, immerhin, sagt er, kommt er mit einer lästigen Fliege, die ihn hier herauf begleitet hat, na ja, ist ja auch ein Tier.

Der letzte Teil der Reise ist dann ganz besonders schön, ein Flüsschen, am Bahnhof von Beffi vorbei, aus der eine Libelle kommt, die Strecke, dramaturgisch geschickt gesetzt, tut alles, um nicht in Vergessenheit zu geraten, es geht ans Abschied nehmen, Pauline kriecht einem mit ihrer weichen Schnauze unter die Achsel, so als wolle sie sich bedanken, dass man ihr die Bremsenplage abgenommen hat, vielleicht will sie auch nur würzigen Mensch schnuppern, so wie wir am Safrankelch, Werner ist das alles egal, er bockt, schwingt die Hufe und springt im Kreis und über ein paar Hühner, und rempelt ein Schaf. (Tex Rubinowitz/DER STANDARD/Rondo/01.10.2010)

  • Wer hier so sehnsuchtsvoll in die Ferne blickt ist Eseldame Pauline.
    foto: saskia steigleder

    Wer hier so sehnsuchtsvoll in die Ferne blickt ist Eseldame Pauline.

  • Informationen: www.abruzzomio.de
    foto: saskia steigleder

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  • Die Esel haben selbstverständlich auch eine Facebookseite.
    grafik: der standard

    Die Esel haben selbstverständlich auch eine Facebookseite.

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