Eine Frau will an die Spitze

30. September 2010, 17:55

Lulas Wunschnachfolgerin Dilma Rousseff geht als Favoritin in die Präsidentschaftswahl am Sonntag

Nach letzten Umfragen ist aber wahrscheinlich, dass eine Stichwahl Ende Oktober nötig wird.

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Es wird noch einmal spannend vor der Präsidentschaftswahl in Brasilien. Zwar steuert die große Favoritin Dilma Rousseff von der linken Arbeiterpartei (PT) einem ungefährdeten Sieg entgegen. Aber nach zuletzt sehr guten Umfragewerten ist es nun wieder denkbar, dass die 62-Jährige am Sonntag die absolute Mehrheit knapp verpasst und am 31. Oktober in die Stichwahl muss.

Die Tochter eines bulgarischen Einwanderers wurde schon vor Jahren vom scheidenden Präsidenten Luiz Inácio "Lula" da Silva (64) im Alleingang zur Wunschnachfolgerin gekürt. Es ist ein offenes Geheimnis, dass der charismatische Ex-Gewerkschafter 2014 wieder selbst antreten möchte - eine zweite Wiederwahl in Folge untersagt die Verfassung.

Dilma, wie sie fast nur noch genannt wird, profitiert nicht nur von Lulas Prestige und seiner Erfolgsbilanz, sondern auch von dem breiten Regierungsbündnis, das ihr Mentor in den letzten Jahren geschmiedet hat. Wichtigster Partner ist dabei die Zentrumspartei PMDB, die seit dem Ende der Diktatur 1985 noch an jeder Regierung beteiligt war und Schlüsselpositionen in Staatsapparat und Parlament besetzt.

Schon jetzt drängen deren wichtigsten Leute darauf, nach dem Sieg genauso viel Posten zu erhalten wie die PT. Zu Rousseffs Wahlkoalition gehören zudem acht Kleinparteien von den Kommunisten bis zu den "Republikanern" des mächtigen Sojaunternehmers Blairo Maggi.

Im Fernsehen verspricht Rousseff Kontinuität in allen Bereichen: "Bis 2016 soll kein Brasilianer mehr im Elend leben" , sagt sie immer wieder. Anfang 2009 unterzog sie sich einer Schönheitsoperation und tauschte ihre Brille gegen Kontaktlinsen. Wenige Monate darauf gab sie bekannt, dass sie an einem Lymphkrebs erkrankt war, der jedoch mittlerweile geheilt sein soll.

Chancenlos bei den Armen

Rousseffs gewichtigster Kontrahent ist José Serra (68). Der rechtsliberale Sozialdemokrat tritt nach 2002 bereits zum zweiten Mal für das konservative Lager an. Als Gesundheitsminister, Bürgermeister von São Paulo und Gouverneur des gleichnamigen Bundesstaates war Serra recht erfolgreich, doch in den ärmeren Regionen Brasiliens, wo es heute dank Lulas Sozialpolitik Millionen Menschen deutlich besser geht als vor acht Jahren, bleibt er chancenlos. Zumal er programmatisch nichts anderes anbietet als die Regierung: Wachstum und Sozialprogramme.

Dritte starke Kandidatin ist die Grüne Marina Silva (52) die in den letzten Tagen spürbar zulegen konnte. Als Lulas Umweltministerin war sie Rousseffs Gegenspielerin im Kabinett, bis sie Mitte 2008 entnervt das Handtuch warf. Die Polarisierung Rousseff-Serra konnte sie aber bislang nicht aufbrechen. Ihre "kostenlosen" Wahlspots zur besten Sendezeit sind gerade eine Minute und 23 Sekunden lang - Serra hat fünfmal, Rousseff achtmal so viel Zeit.

So habe Silva kaum Chancen, ihr Programm bei einfachen Leuten bekanntzumachen, beklagt Greenpeace-Chef Marcelo Furtado. Mit ihrer Vision eines nachhaltigen, CO2-armen Brasilien punktet die Grüne fast ausschließlich in der urbanen Mittelschicht. Auch ihr Antikorruptionsdiskurs verfängt kaum. Die Selbstbedienungsmentalität bei Politikern löst beim Volk eher Schulterzucken aus als Empörung.

Dennoch: Dass Rousseff zuletzt doch wieder Punkte einbüßte, liegt auch an den brasilianischen Medien. Pünktlich in den Wochen vor den Wahlen decken sie auch jetzt wieder Abhör- und Korruptionsskandale im Umfeld des PT auf - allen voran die liberale Tageszeitung Folha de São Paulo und das auflagenstärkste Wochenmagazin Veja. In den Nachrichtensendungen von TV Globo werden diese Storys aufgegriffen und in einem besorgten Tonfall tagelang wiederholt.

Politisch unbedarfte Zuschauer können leicht den Eindruck bekommen, dass die "petistas" die korruptesten Politiker in der jüngeren Geschichte Brasiliens sind. 2006 funktionierte das perfekt: Einen Tag vor der Wahl wurde der lange Zeit klar führende Lula mit einem Foto ausgebremst, das die Titelseiten fast sämtlicher Zeitungen zierte: Bündel von Geldscheinen, die sich lang, breit und hoch auf einem Tisch stapelten. Lula musste in die Stichwahl.

Nun sieht das Umfrageinstitut Datafolha Rousseff bei 47 Prozent. Serra käme demnach auf 28, Silva auf 14 Prozent. (Gerhard Dilger aus Porto Alegre/DER STANDARD, Printausgabe, 1.10.2010)

Kommentar posten
12 Postings
edson arantes do nascimento
00
2.10.2010, 18:13
bei aller berechtigten kritik an lula,

er hat brasilien sehr zum positiven verändert (möchte an dieser stelle nur an collor de mello und itamar franco erinnern) und man muss die widerstände kennen, mit denen er sich auseinander zu setzen hatte. (großgrundbesitzer, konzerne, medien)
hatte heuer im sommer das zufällige vergnügen dilma in lissabon persönlich kennen zu lernen und aus dem bauch heraus gesagt, ich traue ihr zu, dass sie lulas weg erfolgreich weiter geht.

drmukti
00
3.10.2010, 01:18
nicht wirklich so

lula hat nichts gegen grossgrundbesitzer, konzerne oder medien (besonders die, der die evenagelischen kirchen gehören) getan. Keine auseinandersetzung mit denen, daher auch kein wiederstand lula gegenüber.

edson arantes do nascimento
00
3.10.2010, 11:54
stimmt so nur teilweise:

http://www.zeit.de/2010/40/B... -Wahlkampf

er hat vieles nicht getan oder nicht tun können, das ich mir von ihm gewünscht hätte, trotzdem hat er mehr für brasilien (und AUCH für die armen) getan als jeder andere vor ihm.

A_Schläsinger_vu_Brassel
00
2.10.2010, 10:12

Obgleich auch ich der Meinung bin, dass Dilma Rousseff Brasilien gut täte, hat sie mich enttäuschet, als ich von ihren Schönheitsoperazionen hörte... im Grunde gehet dies mich ja nichts an, aber vand es trotzdem unpassend. Und wenn sie ihre Brille gegen Kontaktlinsen tauschet, darf sie das auch; aber selbstbewusst ist sie eben nicht - scheint damit zusammenzuhängen, dass schieche Menschen von Brasilianern nicht gekoren werden...

sixtus dohostdus
11
1.10.2010, 22:48

Neben all den arroganten Politikern (zb Sarkozy, Berlusconie,Putin etc)der letzten
zehn Jahre ist Lula das Gegenteil.

drmukti
00
2.10.2010, 13:21
nicht so

der ist noch mehr arrogant als die drei zusammen! Lese bitte die brasilianische presse der letzten monaten.

Beobachter zweiter Ordnung
00
1.10.2010, 13:21
Hoffentlich schaut Dilma mehr auf die indigene Bevölkerung und auf die Umwelt und verkauft das Land nicht an die Konzerne - für ein bisschen Wohlstand!

Malkaye
10
1.10.2010, 10:04
mensch Lula...

wie wäre es denn die korrupte zentrumspartei gegen die grünen als partner auszutauschen?!
zwischen rousseff und silva hätte sich bestimmt auch eine basisdemokratischere lösung finden lassen können, als dass papa lula einfach jemanden bestimmt.

ohne harte bekämpfung der korruption wird eine linke regierung das land nie wirklich verändern können. auch wenn brasilien makroökonomisch schöner als andere lateinamerikanische staaten aussieht.

byron sully
12
30.9.2010, 20:09

zwei artikel zur brasilien-wahl, noch mehr artikel zur bosnien-wahl (find ich beides auch gut so), aber bislang kein einziger artikel zur ebenfalls dieses wochenende stattfindenden parlamentswahl in einem eu-staat. interessant...

ebenfalls interessant: so wie in portugal nennen sich die konservativen in brasilien "sozialdemokraten" (am besten sind ja in dieser hinsicht die dänischen rechtsliberalen, die sich "venstre", also "links" nennen). offenbar aus angst, mit einem rechten parteinamen keinen erfolg zu haben...?

A_Schläsinger_vu_Brassel
00
2.10.2010, 10:22

Ich glaube kaum, dass ein rechter Name weniger Erfolg brächte - auch wenn Ihre Gesinnung linkslinks ist, sollten Sie die Rechte nicht unterschwellig madig machen.
Entkämen Sie endlich einmal Ihrem eurozentristischen Denken, sollte Ihnen einleuchten, dass gleich einmal eine Bewegung "sozial" und "demokratisch" sein kann, das gehet von völkisch-konservativ bis hin zu kommunistisch. So "sozialdemokratisch" wie die SPÖ (haha^^) sind sie allemal, auch die Rechten.

(.Y.)
00
2.10.2010, 07:59

Und die Republikaner in den USA haben die Parteifarbe Rot...

apparatschik
02
1.10.2010, 00:57

Brasilien ist immerhin fast 200 Millionen Einwohner stark und 100 Mal so groß wie Österreich. Da dürfens ruhig 2 Berichte in der letzten Woche vor der Wahl machen. Lettland (sorry liebe Letten) interessiert da halt wohl doch nicht so, trotz EU-Zugehörigkeit.
Recht spannend dürfte die Wahl aber heuer trotzdem nicht werden. Sieht alles ziemlich gut für Dilma aus...
Die Parteinamen in Brasilien haben generell wenig Aussagekraft was traditionelle links-rechts Schemata betrifft. Tatsächlich ist die PSDB eher bürgerlich, aber die PT (Partido dos Trabalhadores) wird auch nicht mehr nur von Arbeitern gewählt. Es gibt in BR irsinnig viele Parteien, die alle um die Gunst der Wähler kämpfen und nach der Wahl fast nur in die eigene Tasche wirtschaften

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