Die Kunstfigur Austrofred seziert in "Du kannst dir deine Zauberflöte in den Arsch schieben", seinem fiktiven Briefwechsel mit Mozart, einmal mehr die österreichische Grundbefindlichkeit
Im Wiener Rabenhof war Premiere.
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Wien - Literatur, die auf den Menschen zugeht und ihm ganz grundsätzlich sagt, wie er beschaffen ist, ist eine gefährliche Sache. Ein Kilo Ohrwascheln ist da schnell einmal gebrockt, wenn das Volk zur Kunst eine Meinung bekommt und die Künstler nicht schnell genug die Beine in die Hand nehmen.
Der Mensch ist ja an und für sich ein klassisches Fluchttier. Aber rechthaberisch ist er leider auch. Gerade der Künstler stellt sich in diesem Zusammenhang oft extra ganz weit vorn in die Auslage und schneidet Gesichter, um den Depperten draußen zu zeigen, was er von ihnen hält. Sofort beginnen sich die Depperten patriotisch zu fühlen, rotten sich zum gesunden Empfinden zusammen, und wir haben es mit einem handfesten Kulturskandal zu tun.
In diesem Zusammenhang ist die österreichische Kunstfigur Austrofred ein seltener Glücksgriff. Anders etwa als sein Kollege Thomas Bernhard geht der "Champion" in seiner Musik wie auch als Schriftsteller nicht den Weg der direkten Konfrontation und schimpft auf Land und Leute, was das Zeug hält. Das macht er natürlich auch. Im Wesentlichen aber kommt die Kritik am ländlich eingefärbten Österreichertum als beinharter Protest gegen sich selbst daher. Stichwort: der Bauer in der großen weiten Welt. Und was er davon hält. Nämlich nichts.
Das geht nur, weil Austrofred nur bedingt weiß, was er tut. Er ist ein ignoranter, selbstmitleidiger, größenwahnsinniger, cholerischer und mit Minderwertigkeitskomplexen beladener Klemmer, der seine Dummheit als Orden vom Volkswandertag stolz vor sich herträgt. Austrofred, die Erfindung des österreichischen Medienkünstlers Franz Adrian Wenzl, ist ein dennoch sympathischer Soziopath, der im Kostüm Freddie Mercurys den Welt- zum Kleingeist rückführt und das Ganze als eine der größten Show-Karrieren der Geschichte verkauft.
Wer nichts weiß, muss alles glauben. Insofern hat sich Austrofred über die letzten zehn Jahre freigespielt. Dieser Mann will gar nicht alles wissen. Er ruht selig in sich selbst. Und tief drinnen wüten die Hunnenhorden, bis der Druck zu groß wird und ihm das Geimpfte aufgeht.
Austrofred spielt mit Hits wie Die Computerkids wollen nur Computerhits oder Amadeus (Magst net obakumma auf an schnell'n Kaffee) den größten Rockstar, den dieses Land je gesehen hat. Zwar wird mit bescheidenen Mitteln künstlerisch nichts weiter gemacht als auf alte Hits der britischen Rockband Queen erbärmliches Austropop-Karaoke mit Texten von Stefanie Werger oder STS zu topfen, in dieser wahnwitzigen Mischung gelangt es allerdings zu einer beispielhaften Verdichtung der österreichischen Mentalität wie man sie sonst nur von Ski-Weltcup-Übertragungen, vom Stammtisch oder aus der Schau-in-die- Krone kennt. Das Niachterltum ist die Basis des Landes der Berge.
Nach der Autobiografie Alpenkönig und Menschenfreund und dem misanthropischen Humorfeuerwerk Ich rechne noch in Schilling - Anmerkungen eines unbequemen Zeitgenossen stellte Austrofred nun im Wiener Rabenhof sein neues Buch wie auch Programm vor. Du kannst dir deine Zauberflöte in den Arsch schieben (Mein Briefwechsel mit Wolfgang Amadeus Mozart), erschienen im Czernin-Verlag, beinhaltet ebendiesen. Es geht darin im zünftigen Idiom seiner oberösterreichischen Heimat neben Originalkorrespondenzen Mozarts vor allem darum, dass Austrofred diese mit eigenen Ansichten zu jenem Thema kombiniert, das ihn am meisten interessiert. Es geht um ihn selbst - und warum ihn in der Welt vieles ordentlich anzipft.
"Lebts eichan Traum!"
Gemeinsam mit dem Streicherensemble Rondo Vienna geigt Austrofred die Arie der Königin der Nacht als Schlumpfentechno. Er interpretiert die Bundeshymne recht eigenwillig, fängt mit dem über Leinwand zugeschalteten und ihm sehr ähnlich sehenden Mozart einen Kelch an und erklärt am Ende die Begnadung des Volkes für das Schöne mit einem einmal ihm zu Ehren errichteten Wurstbuffet. Mit dem Aufschnitt wurde der Namenszug unseres Helden nachgebildet. Der Künstler war von so viel Schönheit zu Tränen gerührt. Am Ende werden wir königlich amüsiert, aber auch recht nachdenklich in die Nacht entlassen: "Lebts eichan Traum!" (Christian Schachinger, DER STANDARD - Printausgabe, 1. Oktober 2010)