RAF-Prozess in Stammheim

Verena Becker zeigt keine Reue

30. September 2010, 18:30
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    foto: epa/bernd weissbrod

    Verena Becker betritt in Begleitung ihrer Anwälte das Gericht in Stuttgart. Sie wird beschuldigt, 1977 Mittäterin beim Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback gewesen zu sein.

Dem ehemaligen RAF-Mitglied wird Beteiligung am Mord an Generalbundesanwalt Buback vorgeworfen - Prozess vertagt

In Stuttgart hat der Prozess gegen Verena Becker begonnen. Zur Frage, wer im Jahr 1977 Generalbundesanwalt Siegfried Buback erschossen hat, schweigt die RAF-Terroristin auch weiterhin.

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Stuttgart - "Ihr Nazischweine! Scheiße! Ihr Schweine!" Als die Richter des Oberlandesgerichts Stuttgart am 28. Dezember 1977 ihr Urteil verkünden und die RAF-Terroristin Verena Becker zu lebenslanger Haft verurteilen, springt diese auf und brüllt mit wutverzerrtem Gesicht.

Am Donnerstag, wieder im Stuttgarter Gericht, ist alles ganz anders. Becker betritt am Vormittag das Gericht und schweigt. Daran wird sich den ganzen ersten Prozesstag auch nichts ändern. "Sie wird weder Angaben zur Person noch zur Sache machen", kündigt ihr Anwalt Walter Wenedey an. Becker trägt eine große schwarze Sonnenbrille - nicht aus "Ungehörigkeit", wie der Vorsitzende Richter Hermann Wieland erklärt, sondern weil sie wegen einer rheumatischen Erkrankung lichtempfindlich sei.

Und zunächst blitzen ihr unzählige Fotografen ins Gesicht. Der Prozess ist der vermutlich letzte große RAF-Prozess, er wird möglicherweise mehr als ein Jahr dauern. Geklärt werden soll, ob die heute 58-Jährige, die in Berlin lebt, 1977 Mittäterin beim Mord der RAF an Generalbundesanwalt Siegfried Buback war. Er starb am 7. April 1977 in Karlruhe. Bis heute ist nicht bekannt, wer die tödlichen Schüsse vom Beifahrersitz eines Motorrades abgab.

Dass es Becker war, davon geht selbst Bundesanwalt Walter Hemberger nicht aus. Er sieht sie aber als Mittäterin. "Die Angeklagte wirkte (...) maßgeblich an der Entscheidung, einen Anschlag auf Generalbundesanwalt Buback zu begehen, an der Planung und Vorbereitung dieses Mordanschlages sowie an der Verbreitung der Selbstbezichtigungsschreiben mit", heißt es in der Anklageschrift. Gemeinschaftlich mit anderen habe Becker "aus niedrigen Beweggründen und heimtückisch drei Menschen getötet" - Buback, seinen Fahrer und einen Sicherheitsbeamten.

Richter Wieland verliest dann eine Passage aus Notizen von Becker, die sie am 7. April 2008, dem 31. Jahrestag des Buback-Mordes, verfasst hat. Sie habe überlegt, ob sie für Buback beten solle. Aber: "Die Zeit für Reue und Schuld ist noch nicht da." Es sei "noch ein weiter Weg". Zur Sprache kommt auch, dass Becker einen Brief an Michael Buback, den Sohn des Ermordeten, verfasst habe. Auf Anraten ihres Anwalts habe sie das Schreiben jedoch nie abgeschickt.

Spiritueller Konflikt

"Spirituell haben Herr Buback und ich einen Konflikt, den es noch zu heilen gilt" , hatte Becker laut Vernehmungsprotokoll erklärt. Sie meinte damit, dass Michael Buback sie öffentlich beschuldigte, auf dem Motorrad gesessen und geschossen zu haben.

Michael Buback, der im Prozess als Nebenkläger auftritt, sitzt Becker an diesem ersten Verhandlungstag direkt gegenüber. Er bleibt dabei: Becker hat seinen Vater getötet. Buback beruft sich auf eine Reihe von Zeugen, die nach dem Attentat erklärten, die Schüsse seien von einer kleinen, zierlichen Person (wohl einer Frau) abgegeben worden. "Wir erhoffen uns, dass es zur Wahrheit kommt. Wir wollen nur die Wahrheit wissen" , sagt er im Gericht.

Becker war 1977 wegen Mordversuchs an Polizisten zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Nach der Begnadigung durch den deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker verließ sie das Gefängnis am 30. November 1989 - dem Tag, an dem die RAF den Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, ermordete. (bau/DER STANDARD, Printausgabe, 1.10.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 143
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Guderian
176
3.10.2010, 12:39
Verena Becker zeigt keine Reue

einfach weg mit dem pack!

Kowosch
 
611
3.10.2010, 23:20
"einfach weg mit dem pack!"

Womit man sich dann selbst zu einem ebensolchen "Pack" machte...

Wer so denkt, ist ethisch allerdings eh schon auf solch niedrigem Niveau angelangt. Und dessen Gesellschaftsbild dürfte ähnlich durchdacht sein.

Lucky Luke 1988
85
9.10.2010, 12:40
und was schlagen sie vor? tanz und gesangstherapie?

Walter Kaiser
29
11.10.2010, 07:49
Verhandlung und Urteil nach rechtstaatlichen Grundsätzen?

Oder kommt das in Ihrer Denkunsgweise nicht vor?

der der beim golf tanzt
311
1.10.2010, 15:48
"Spirituell haben Herr Buback und ich einen Konflikt, den es noch zu heilen gilt"

was immer die raucht, es ist eindeutig zu viel

Ich bin klug
82
1.10.2010, 12:54
Da wird jahrzehntelang vom Systemwechsel, kapitalistische Verbrechen und westlichem Sozialismus gefaselt

und am Ende stellt sich heraus, dass die Politik nur der Überbau spiritueller Probleme war. Atheisten sind sehr religiös und basteln sich Seelenwanderungen, Muttererde- Gebete und Ernährungsvorschriften mit einer spirituellen Tiefe, dass der Vatikan vor Neid erblasst.

Nick Tameer
16
1.10.2010, 13:56

Wir werfen gerne alles in einen Topf, gell?

Die deutsche 68er-Bewegung war eigentlich nicht originär aus poltischen Überlegungen, sondern aus - durchaus nicht unnachvollziehbarer - moralischer Empörung entstanden, wobei ein in Teilen der Bewegung ein säkularisiert protestantisches Gepräge unverkennbar bar. Dies gilt besonders auch für die erste Generation der RAF, die einen kompromisslos extremistischen Moralismus vertrat, für den weniger der Zweck die Mittel heiligte als das Richtige bedingungslos durchzuführen war. Im weiteren Verlauf nahm dies sektenhafte, manichäische Züge an ("das Schweinesystem"). Einen zwangsläufigen Weg von dort zum Kartenlegen oder Pendeln sehe ich allerdings nicht.

El Bulli
86
1.10.2010, 11:39
lebenslang in echt?

ich wage es ja nicht zu hoffen, aber sollte diese blüte der menschheit diesmal wieder verurteilt werden, könnte lebenslang dann wirklich lebenslang sein? oder wird sie eh wieder nach ein paar jahren begnadigt?

1234xxx567xx
01
13.5.2012, 20:27
12 jahre - ein paar?

Ich schlage vor, Sie setzten sich mal ein Monat in ein Gefängnis. Dann können Sie mitreden. Bis dahin sollten Sie solche dummen Bemerkungen unterlassen.
P.S.: Ich hatte bereits das Vergnügen, 107 Tage in österreichischer U-Haft gesessen zu haben, bevor ich freigesprochen wurde. Ich weiß, was Zeit im Gefängnis bedeutet - Sie offensichtlich nicht.

davide gregoire
 
511
1.10.2010, 07:26

Welche Inkongruenz der Rechtslage in Deutschland herrscht, wenn die Judikative darangeht, (versuchten) Polizistenmord zu bestrafen, sieht man, wenn man dies mit den Morden von Polizisten vergleicht. Für die Eskalation der Studentenunruhen und die Entwicklung der militanten Bewegung war einer der Auslöser sicherlich der Mord (eines Polizisten) an dem Studenten Benno Ohnesorg. Man muß, auch wenn man das ideologische Programm der RAF nicht oder nur zum Teil gutheißen kann, 30 Jahre später doch versuchen, diese politische Entwicklung historisch zu verstehen. Und dann zeigt sich eben, daß Begründung und Taten der RAF der (vielleicht notwendigen) Auseinandersetzung eines Teils der Bevölkerung mit Autorität und Staatsgewalt geschuldet sind.

Desert Eagle .50
11
9.10.2010, 12:57

Da verlangst du einfach zu viel von deinen Mitmenschen, die meist nur in einfachen Schemata wie schwarz-weiss denken können!

Versau dir nicht das Wochenende, indem du dich hier auf eine Diskussion zum Thema 68er und RAF einlässt mit der Hoffnung, auf differenzierende Gebildete zu treffen...

Dr.Michi
11

Ja, leider stimmt das.
Mich regt auch immer auf wenn die Argumente der Nazi-Verfahren (Kollektivschuld gilt nicht, es muss eine individuelle Schuld nachgewiesen werden) auf einmal nicht mehr gelten (lebenslänglich wegen vermuteter Mittäterschaft?).
Auch wenn es schwer erträglich ist wie die alten RAFler immer noch die gleichen Töne anstimmen, kommt es mir schon über-hart vor diese Person nun nochmal anzuklagen (und evtl ein 2. Mal mit lebenslang einzusperren).
Es gibt eine große Tradition in D Verbrecher wiedereinzugliedern (ob nach '45 oder '89), warum sich der Staat bei der RAF so unversöhnlich gibt versteh ich nicht.

torch
 
01
13.5.2012, 18:43
Es gibt eine große Tradition in D Verbrecher wiedereinzugliedern ...

denken Sie da an z.B. an Bundeskanzler Kiesinger (Mitgliedsnummer 2633930) und andere NS-Karrieristen in Deutschland West?

torch
 
00
13.5.2012, 19:51

oder die Bundespräsidenten Lübke, Scheel, Carsten.

more more
71
4.10.2010, 12:02

Du rauchst aber ganz schön heftiges Zeug.

davide gregoire
 
12
4.10.2010, 12:29

yeah, soothing my nerves... :-)

erinnye
 
22
2.10.2010, 11:02
na, nur der Vollständigkeit halber

der "Polizist", welcher Ohnesorg ermordet hat, war ein kommunistischer Stasiagent. Vermutlich hat er im Auftrag der Kummerln gearbeitet.

stj911.org physics911.net
11
1.10.2010, 16:51
"diese politische Entwicklung historisch zu verstehen. Und dann zeigt sich eben, daß Begründung und Taten der RAF der (vielleicht notwendigen) Auseinandersetzung eines Teils der Bevölkerung mit Autorität und Staatsgewalt geschuldet sind."

Ja. Aber ... ergo? Wofür oder wogegen plädieren Sie mit diesem Posting im Endeffekt?

davide gregoire
 
11
1.10.2010, 18:32

Ich denke, ich sage genug, wenn ich behaupte, daß sich in der sozialen oder politischen Geschichte zuzeiten eben mehr oder weniger heftige Machtkämpfe zwischen verschiedenen, aspirierenden Gruppen in der sozialen Hierarchie ereignen. Und als einen solchen Machtkampf, als eine bewußte Unterwanderung der Ordnung der Gesellschaft sollte man auch die Aktionen der RAF wahrnehmen, nicht als bloß kontingente Taten einzelner Verrückter, wie es oft gern geschieht.
Mich ärgern auch so saloppe Focus-Meldungen, wie sie ein holländischer Reporter getätigt haben soll: "Die sieht ja aus wie eine Maus."; - das tut wenig zur Sache. Wie bereits gesagt, man sollte zurückkehren zu einer objektiven Betrachtung der historischen Sachlage.

stj911.org physics911.net
10
1.10.2010, 23:03

Also wenn ich das richtig verstanden habe, prangern Sie die Taten weder an noch verteidigen Sie sie (nicht, dass eines von beiden etwa notwendig wäre), sondern plädieren für besseres Verstehen unter Berücksichtigung des historischen Kontexts?

davide gregoire
 
13
2.10.2010, 11:21

Ja, Sie bringen es auf den Punkt. Es macht sich ja, wie man in den letzten Jahren sieht, rund um die RAF wieder mal so eine allgemeine Bewegung der Geschichtsklitterung im nachhinein breit, die anscheinend wirklich dazu angetan scheint, die "Linke" endgültig entsorgen zu wollen. Deshalb ist es bei solchen öffentlichen Prozessen auch relativ schwierig, von wirklicher Unbefangenheit der Beteiligten zu sprechen. Das beginnt bei niederen Ressentiments und endet bei persönlichen Rachegelüsten. Und das würde eben einer tatsächlichen Wahrheitsfindung dann wirklich im Wege stehen. Aber man wird sehen, was die Realität uns zuträgt...

stj911.org physics911.net
01
2.10.2010, 12:07

Danke für Ihre interessanten Postings.
"entsorgen" im Sinne von "beseitigen/aus der Welt schaffen" oder von "ent-Sorgen/jem. die Sorgen nehmen"?

davide gregoire
 
12
2.10.2010, 12:34

:-) Ja, man will sich dieses "linke Gesocks" in der Gesellschaft nicht länger gefallen lassen, die politische Kraft der Linken wenn nicht gar überhaupt ausmerzen, so doch entscheidend hemmen auf ihrem Weg, den politischen Widerpart zu spielen. Und tatsächlich hat man über weite Strecken Erfolg mit dieser Strategie und die Linke ist dazu gezwungen, sich an die politische Mitte anzubiedern, so daß es bald scheint, sie sei in der politischen Landschaft allmählich überhaupt "inexistent", wohingegen sich die politische Mitte immer mehr dem rechten Rand nähert. Das läßt sich eigentlich in der gesamten okzidentalen Politik, mit jeweils verschiedenen Gradabstufungen, beobachten. Wenn man sich diesen Einheitsbrei ansieht, kann einem schlecht werden.

STJ911.org
00
28.2.2011, 19:18
"Und tatsächlich hat man über weite Strecken Erfolg mit dieser Strategie und die Linke ist dazu gezwungen, sich an die politische Mitte anzubiedern,"

-
wie hat man sie gezwungen?

davide gregoire
 
02
28.2.2011, 19:43

Ja, gute Frage - WIE hat man die Linke gezwungen, sich anzubiedern?

1. durch eine juridische Gegenreaktion der offenen Denunziation der Linken als "illegal" (was mehr oder weniger zutreffen kann)
2. durch eine öffentliche Diffamierung der Linken als "parasitär" für die Gesellschaft

Ich denke, vom Standpunkt der Strategie aus gesehen, kann man politisch andersdenkende Gruppen immer zu einer Gegenreaktion zwingen. Und mir scheinen weder die Taten an sich, noch die Reaktionen, noch die Tatsache, daß diese Reaktionen einander scheinbar wie notwendig folgen, als an und für sich verwunderlich. Irgendwie hat das alles seine vielbeschworene 'innere Logik'.

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