Von Friseurinnen und Edelsteinschleifern

5. Oktober 2010, 16:26
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In Österreich gibt es 239 Lehrberufe - Warum manche davon heiß begehrt, andere eher unbeliebt und einige sogar vom Aussterben bedroht sind

Ein Viertel aller weiblichen Lehrlinge lernt Verkäuferin, ein Zehntel aller männlichen Lehrlinge lässt sich derzeit zum Automechaniker ausbilden. In den Top 10 der beliebtesten Lehrberufe folgen bei den Mädchen Bürokauffrau, Friseurin, Restaurantfachfrau. Die Buben wählen nach wie vor Berufe wie Installateur, Elektroinstallateur, Maschinenbauer. Gleichermaßen beliebt ist die Ausbildung zum Koch bei Mädchen und Burschen: Jeweils rund vier Prozent aller weiblichen und männlichen Lehrlinge befinden sich laut Lehrlingsstatistik 2009 der Wirtschaftskammer in einer Kochlehre.

Höherer Bedarf in gewissen Branchen

In Österreich gehen derzeit rund 130.000 Jugendliche einer Lehre nach, davon sind rund 44.000 weiblich und 86.000 männlich. Die nackten Zahlen sprechen für sich: Fast 70 Prozent aller weiblichen Lehrlinge entscheiden sich für nur zehn verschiedene Lehrberufe, bei den Burschen sind es knappe 50 Prozent. Manche Berufe scheinen nach wie vor heiß begehert zu sein, andere wecken kaum Interesse. Dabei gibt es österreichweit rund 239 Lehrberufe. "Man darf die Zahl der Lehrlinge aber nicht automatisch mit begehert gleichsetzen", warnt Alfred Freundlinger von der Abteilung für Bildungspolitik der Wirtschaftskammer. "Die Wirtschaft braucht eben mehr Bürokaufleute als Geigenbauer." In gewissen Branchen gebe es eben einen grundsätzlich höheren Bedarf an Lehrlingen.

Schwierige Lehrlingssuche für Dachdecker

Es gibt aber auch Bereiche, in denen der Bedarf an Auszubildenden vorhanden ist, das Interesse der jungen Leute aber fehlt. Kurz gesagt: Manche Lehrbetriebe suchen zwar händeringend nach Lehrlingen, tun sich dabei aber immer schwerer. "Es ist mittlerweile Tradition, dass Dachdeckerbetriebe ihre freien Lehrstellen nicht einmal mehr beim AMS melden, weil sie damit ohnehin keinen Erfolg haben", weiß Freundlinger.

Dachdecker Josef Mayer aus Straßwalchen bestätigt die schwierige Suche nach geeigneten Kandidaten: "Die Auswahl potenzieller Lehrlinge ist nicht sehr groß, man muss sich mit den wenigen Bewerbern zufrieden geben, die sich melden." Sein Betrieb nimmt rund alle drei Jahre einen Lehrling auf. Mayer glaubt, dass viele Jugendliche sich heute aus Bequemlichkeit für einen anderen Beruf entscheiden. Auch Dachdecker Werner Linhart aus dem niederösterreichischen Gänserndorf, der pro Jahr einen bis zwei Lehrlinge aufnimmt, tut sich bei der Suche nach geeigneten Lehrlingen nicht gerade leicht: Einerseits liege das an der "erschreckend" schlechten Schulbildung, andererseits am Desinteresse für den Beruf. "Es bewerben sich immer weniger Lehrlinge und unter diesen sind immer weniger gute zu finden", fasst er zusammen.

Wenig begehrt: Arbeit im Freien

Auch andere handwerkliche Berufe wie Zimmerei, Fleischverarbeitung oder Bäcker sowie bestimmte Metallberufe sind wenig begehrt. Freundlinger nennt naheliegende Gründe: kein gutes Image, Arbeiten im Freien oder frühes Aufstehen. Generell stünden Angebot und Nachfrage von Lehrberufen auch immer im Zusammenhang mit der jeweiligen Region. Im Westen, zum Beispiel in Tirol, gebe es zwar viele Lehrlinge im Tourismus, der sehr hohe Bedarf könne damit aber nicht gedeckt werden.

Lehrberufe ohne Lehrplätze

Zurück zu den 239 Lehrberufen: Darunter finden sich so exotisch anmutenden Bezeichnungen wie Oberteilherrichter, Posamentierer, Präparator oder Harmonikamacher. Auch traditionelle Berufe wie Uhrmacher, Schuhmacher und Fassbinder bestehen nach wie vor. Die Liste der möglichen Lehrberufe ist zwar lang, für einen Teil davon gibt es aber nur wenige oder vorübergehend gar keine Ausbildungsplätze. "Es gibt Lehrberufe, in denen über Jahre hinweg in ganz Österreich kein neuer Lehrling aufgenommen wird", sagt Freundlinger.

Zu jenen Berufen, die es zwar formal noch gibt, aber in denen derzeit niemand ausgebildet wird gehören Dessinateur für Stoffdruck, Edelsteinschleifer, Kappenmacher, Porzellanmaler oder Schiffbauer. Der letzte Edesteinschleifer-Lehrling taucht in einer Statistik von 1999 auf. Selten aber doch bleibt am Ende manchmal nichts anderes übrig, als den Beruf aufzulassen. Der Lehrberuf Korb- und Möbelflechter ist eines der wenigen Beispiele aus den vergangenen Jahren.

Modulberufe sollen Flexibilität erhöhen

Eine mögliche Strategie um traditionelle Handwerksberufe am Leben zu erhalten ist die Unterbringung in so genannte Modulberufe: Mehrere Berufe werden dabei unter einen Hut gepackt, es gibt ein Grund-, ein Haupt- und ein fakultatives Spezialmodul. Ein Beispiel dafür ist der Beruf Bekleidungsgestaltung, der als Basis den Herren- und Damenkleidermacher hat und sich später in Bereiche wie Handschuhmacher spezialisiert. Weitere Modulberufe sind Installations- und Gebäudetechnik, Werkstofftechnik, Holztechnik oder Glastechnik. "Das erhöht die Mobilität der Lehrlinge, sie sind später in unterschiedlichen Betrieben einsetzbar", sagt Freundlinger.

Liste verändert sich ständig

Die Liste der Lehrberufe ist also einer ständigen Veränderung unterzogen. Jedes Jahr kommen entweder neue Berufe hinzu oder alte Berufe werden novelliert und an den Stand der Technik angepasst. 2010 wurde etwa der Hufschmied, den es längere Zeit nicht mehr gab, wieder eingeführt. Auch Gießereitechnik und der Schwerpunkt Feinkostverkauf im Einzelhandel haben jetzt einen Platz auf der Liste. Andere Berufe wie Bäcker, Sattlerei oder Steinmetz wurden neu gestaltet. (Maria Kapeller, derStandard.at, 5.10.2010)

  • Offiziell gibt es die Lehre zum Edelsteinschleifer. Laut Lehrlingsstatistik 2009 werden aber aktuell in ganz Österreich keine Lehrlinge ausgebildet - und das schon seit mehr als zehn Jahren.
    foto: harald tittel

    Offiziell gibt es die Lehre zum Edelsteinschleifer. Laut Lehrlingsstatistik 2009 werden aber aktuell in ganz Österreich keine Lehrlinge ausgebildet - und das schon seit mehr als zehn Jahren.

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    Traumberuf Friseurin? Fast zwölf Prozent oder mehr als 5.000 Mädchen lassen sich in diesem Beruf ausbilden, nur einige Hundert Burschen. In Österreich stehen 2.490 Lehrbetriebe zur Auswahl.

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    Fast zehn Prozent der Burschen machen eine Lehre zum Automechaniker (Kraftfahrzeugtechnik). 2.410 Lehrbetriebe gibt es im ganzen Land.

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    Die Kochlehre ist bei Mädchen wie Burschen gleichmermaßen beliebt.

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    Dachdecker müssen im Freien und unter teils gefährlichen Bedingungen arbeiten. Das scheint viele Jugendliche abzuschrecken: In den österreichweit rund 70 Lehrbetrieben werden rund 100 Lehrlinge ausgebildet.

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    Für die Lehre zum Blechblasinstrumentenerzeuger stehen in Österreich vier Lehrbetriebe zur Verfügung; derzeit erlernen nur fünf Personen diesen Beruf.

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    In der Fleischverarbeitung werden aktuell rund 400 Lehrlinge ausgebildet, der Job kämpft mit Imageproblemen.

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