#unibrennt

Wie viel revolutionäres Potenzial haben Facebook und Twitter?

30. September 2010, 10:28
  • Artikelbild
    foto: cc

    Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789

Politik des sozialen Kits

Wie viel revolutionäres Potenzial haben Facebook und Twitter? Als im Frühjahr 2009 zehntausende Menschen in der Republik Moldau protestierten, soll Twitter eine wesentliche Rolle gespielt haben, um Leute auf die Straße zu bringen.

Auch bei der letztlich niedergeschlagenen "grünen Revolution" im Iran wurde sozialen Medien eine wesentliche Rolle zugesprochen. Das US-Außenministerium intervenierte bei Twitter, damit eine planmäßige kurze Abschaltung zur Wartung verschoben wurde.

#unibrennt

Und als vor rund einem Jahr, unter weit weniger gefährlichen Bedingungen als in Teheran, Studenten in Wien das Audimax besetzten, war #unibrennt die Online-Drehscheibe, wurden Facebook-Seiten zum Zentralorgan des Studentenaufstands bis nach Deutschland hinaus.

Es ist naheliegend, soziale Medien als das neue Mittel der Wahl in politischen Auseinandersetzungen zu sehen. Ob sie dabei auch effektiv sind, darüber gibt es eine spannende Debatte. Der Internet-Forscher Evgeny Morozov weist darauf hin, dass es in Moldau kaum Twitter-Konten gegeben habe. Und in Foreign Affairs schrieb vor kurzem die Redakteurin des Blogs Persian Letters, Golnaz Esfandiari, dass die meisten #iranelection-Tweets in Englisch und nicht in Farsi waren - weil die Twitterer wohl eher im sicheren Westen als auf den Straßen Teherans zu finden waren.

Soziale Bewegungen wie die US-Bürgerrechtsbewegung in den 60ern oder "Wir sind das Volk" in der DDR in den 80ern seien erfolgreich gewesen, weil sie straff hierarchisch organisiert waren und die Mitglieder stark verbunden waren und sich so Mut machten, argumentiert der Journalist Malcolm Gladwell diese Woche im New Yorker. Soziale Netzwerke seien das Gegenteil: anarchisch und eine Sammlung schwacher Bindungen zwischen Usern. Damit könne man allenfalls gegen Missstände in Systemen angehen, die im Großen und Ganzen funktionieren - aber nicht gegen repressive, gewaltbereite Regimes.

"Ein seelenloser Ziegelstein hat mehr Freunde als Barbara Rosenkranz"

Es ist leicht, ein "Fan" der Facebook-Seite "Ein seelenloser Ziegelstein hat mehr Freunde als Barbara Rosenkranz" zu sein. Aber es braucht viel Mut, gegen die Revolutionären Garden Ahmadi-Nejads auf die Straße zu gehen - und die entsteht (und überlebt) vor allem in realen Freundesgruppen und nicht in virtuellen. Sowohl in den USA als auch in der DDR haben kirchliche Gemeinden starke Bindungen geschaffen und den Anführern der Bürgerrechtsbewegungen eine Plattform gegeben.

Aber das ist nicht die ganze Geschichte. Eben erst hat das iranische Staats-TV Facebook und Twitter als "versteckten Feind" und Werkzeug westlicher Geheimdienste gebrandmarkt. Autoritäre Regimes fürchten sich mit gutem Grund davor, dass soziale Medien wie steter Tropfen ihre Autorität aushöhlen.

Es braucht wohl beides für große Änderungen: Leadership und Strukturen, um Ziele zu formulieren, und persönliches Engagement einer Kerngruppe - sowie ein soziales Netzwerk, das viele anzieht, informiert und bei der Stange hält. Letzteres ist online viel leichter und schneller geworden. (helmut.spudich@derStandard.at, DER STANDARD Printausgabe 30. September 2010)

 

Kommentar posten
12 Postings
so go
01
30.9.2010, 17:57

Wie viel revolutionäres Potenzial haben Facebook und Twitter?

Nicht mehr, als die Menschen die es benutzen!

fred h
00
30.9.2010, 17:46
Potential bitte!

Potenzen sind was anderes...

Fritz Meyer
00
30.9.2010, 17:43
Die Frage wird sich in dem Moment von selbst beantworten...

wo einer der sog. "autoritären" Staaten diese Dienste dazu auffordert, alle Verbindungen und deren Teilnehmer mitzuloggen und die Daten ggfs. den Ermittlungsbehörden weiterzugeben.

Und wie das bei rein gewinnorientierten Unternehmen im Normalfall ausgeht, muss man sich gar nicht erst lang überlegen.

Frau Plankton
00
30.9.2010, 16:26
seelenloser ziegelstein

... ging der nicht eigentlich gegen strache ins Rennen?

Andreas Grois
00
1.10.2010, 08:28

Es gab beide Gruppen.

Niemand & Keiner
00
30.9.2010, 15:21

Vor allem lassen sich Twitter und Facebook von Geheimdiensten und anderen Verbrecherorganisationen zur Steuerung von Menschenmassen misbrauchen. Wie gut sowas funktioniert hat der aufmerksame Beobachter in letzter Zeit das ein oder andere mal registrieren können.

Die Wahrheit gepachtet
03
30.9.2010, 12:40
des is ois a bledsinn

Spartaner13
02
30.9.2010, 11:56
nur eine Modeerscheinung?

Viele meinen, Facebook & Co sind nur eine Modeerscheinung ist bald wieder weg. Ich glaube langsam, dass dies nicht stimmt. Mir kommt es eher wie eine Sekte vor - ständig höre ich von Freunden und Bekannten, dass ich zu FB kommen soll, Fotos soll ich hochladen, Infos reinschreiben - damit ich halt auch online besser vertreten bin. Vertreter von diversen Sekten sind da genauso mit dem Umwerben ...

Von Vielen
 
22
30.9.2010, 11:14

"Studenten in Wien das Audimax besetzten, war #unibrennt die Online-Drehscheibe, wurden Facebook-Seiten zum Zentralorgan des Studentenaufstands bis nach Deutschland hinaus."

Das stimmt definitiv nicht. Ich war auch einige Tage in einem der besetzten Hörsäle, und habe auch sonst die Geschenise täglich verfolgt. Dass es eine Facebook Seite gab habe ich erst jetzt durch diesen Artikel erfahren. So eine wichtige Rolle kann diese also nicht gespielt haben.

4th wall commentary
02
30.9.2010, 11:12

Facebook und Twitter sind doch bloß eine Möglichkeit miteinander zu kommunizieren. Die Revolution wird ja nicht von Twitter gestartet, sondern da sitzen Leute, die ihre Nachrichten eintippen. Nur erreichen die halt sehr schnell sehr viele Leute.

El Cattivo
00
30.9.2010, 15:11

Richtig. FB und Twitter sind Kommunikationsplattformen aber keine Brutstätte zur Formierung von Bewegungen. 4chan hat mit seiner Aktion gegen die Contentindustrie beispielsweise mehr bewegt als je an genuinem Aktionismus von FB ausgegangen ist.
Im Übrigen glaub ich, daß die Eingliederung in FB überhaupt schon mal als Indiz für tendenziellen Konformismus gedeutet werden kann; und Twitter wird überhaupt nur ein sehr kurzlebigen Phänomen bleiben.

Karl Schoenswetter
 
00
30.9.2010, 10:40

Aber auch soziale Bindungen im realen Raum brauchen Kommunikation und Kontakt. Da sich die Struktur unserer Gesellschaft verändert hat und soziale Bindungen oft nicht mehr geografisch definiert werden, helfen die sozialen Netzwerke ungemein dabei, auf virtueller Ebene den Kontakt aufrecht zu erhalten. Ich denke das ist die große Stärke der social media. Wir waren allein, weil unsere Freunde sich auf der ganzen Welt verteilt haben und jetzt haben wir die Technik, um mit ihnen in Verbindung zu bleiben. Das Überwinden von "ach, ich hab Dich ganz vergessen, weil Du weggezogen bist ..." ist doch das erste, was bei Facebook als Argument verwendet wird.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.