Politik des sozialen Kits
Wie viel revolutionäres Potenzial haben Facebook und Twitter? Als im Frühjahr 2009 zehntausende Menschen in der Republik Moldau protestierten, soll Twitter eine wesentliche Rolle gespielt haben, um Leute auf die Straße zu bringen.
Auch bei der letztlich niedergeschlagenen "grünen Revolution" im Iran wurde sozialen Medien eine wesentliche Rolle zugesprochen. Das US-Außenministerium intervenierte bei Twitter, damit eine planmäßige kurze Abschaltung zur Wartung verschoben wurde.
#unibrennt
Und als vor rund einem Jahr, unter weit weniger gefährlichen Bedingungen als in Teheran, Studenten in Wien das Audimax besetzten, war #unibrennt die Online-Drehscheibe, wurden Facebook-Seiten zum Zentralorgan des Studentenaufstands bis nach Deutschland hinaus.
Es ist naheliegend, soziale Medien als das neue Mittel der Wahl in politischen Auseinandersetzungen zu sehen. Ob sie dabei auch effektiv sind, darüber gibt es eine spannende Debatte. Der Internet-Forscher Evgeny Morozov weist darauf hin, dass es in Moldau kaum Twitter-Konten gegeben habe. Und in Foreign Affairs schrieb vor kurzem die Redakteurin des Blogs Persian Letters, Golnaz Esfandiari, dass die meisten #iranelection-Tweets in Englisch und nicht in Farsi waren - weil die Twitterer wohl eher im sicheren Westen als auf den Straßen Teherans zu finden waren.
Soziale Bewegungen wie die US-Bürgerrechtsbewegung in den 60ern oder "Wir sind das Volk" in der DDR in den 80ern seien erfolgreich gewesen, weil sie straff hierarchisch organisiert waren und die Mitglieder stark verbunden waren und sich so Mut machten, argumentiert der Journalist Malcolm Gladwell diese Woche im New Yorker. Soziale Netzwerke seien das Gegenteil: anarchisch und eine Sammlung schwacher Bindungen zwischen Usern. Damit könne man allenfalls gegen Missstände in Systemen angehen, die im Großen und Ganzen funktionieren - aber nicht gegen repressive, gewaltbereite Regimes.
"Ein seelenloser Ziegelstein hat mehr Freunde als Barbara Rosenkranz"
Es ist leicht, ein "Fan" der Facebook-Seite "Ein seelenloser Ziegelstein hat mehr Freunde als Barbara Rosenkranz" zu sein. Aber es braucht viel Mut, gegen die Revolutionären Garden Ahmadi-Nejads auf die Straße zu gehen - und die entsteht (und überlebt) vor allem in realen Freundesgruppen und nicht in virtuellen. Sowohl in den USA als auch in der DDR haben kirchliche Gemeinden starke Bindungen geschaffen und den Anführern der Bürgerrechtsbewegungen eine Plattform gegeben.
Aber das ist nicht die ganze Geschichte. Eben erst hat das iranische Staats-TV Facebook und Twitter als "versteckten Feind" und Werkzeug westlicher Geheimdienste gebrandmarkt. Autoritäre Regimes fürchten sich mit gutem Grund davor, dass soziale Medien wie steter Tropfen ihre Autorität aushöhlen.
Es braucht wohl beides für große Änderungen: Leadership und Strukturen, um Ziele zu formulieren, und persönliches Engagement einer Kerngruppe - sowie ein soziales Netzwerk, das viele anzieht, informiert und bei der Stange hält. Letzteres ist online viel leichter und schneller geworden. (helmut.spudich@derStandard.at, DER STANDARD Printausgabe 30. September 2010)