Spanische Proteste

"Immer sollen die Gleichen bezahlen"

Reiner Wandler, 29. September 2010, 17:41
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    foto: dpad

    Trillerpfeifen und wenig Glaube an positive Veränderungen

Generalstreik in Spanien gegen Arbeitsmarktreform - Gewerkschafter wollen Wirtschaft lahmlegen

Ich bin wütend, immer sollen die Gleichen bezahlen", begründet Patricia Vargas, warum sie sich am Generalstreik beteiligt. Die 30-jährige Madriderin gehört zu dem, was Spaniens Presse gerne die "verlorene Generation" nennt. "In den letzten zwei Jahren habe ich nur vier Monate gearbeitet", erzählt die studierte Bühnenbildnerin und Kunsthistorikerin.

Patricia ist eine von vier Millionen Arbeitslosen in Spanien. Das sind 20 Prozent der arbeitenden Bevölkerung. Bei unter 30-Jährigen sind gar 41 Prozent ohne Job. 56 Prozent der jungen Menschen, die noch arbeiten, haben nur einen Zeitvertrag. Die Lockerung des Kündigungsschutzes, den die Regierung des Sozialisten José Luis Rodríguez Zapatero vor drei Wochen durchs Parlament brachte, soll Unternehmer anregen, Jobs zu schaffen. Für die Gewerkschaften UGT und CCOO war dies nach einer achtprozentigen Lohn- und Gehaltskürzung im öffentlichen Dienst der endgültige Auslöser, um zum fünften Generalstreik der spanischen Demokratie zu rufen.

Die Hälfte zahlen

Patricia glaubt nicht, dass die Flexibilisierung des Kündigungsschutzes positive Auswirkungen haben wird: "Die Unternehmen werden dies nutzen, um die Arbeitsbedingungen weiter zu verschlechtern." Die junge Frau weiß, wovon sie redet. Vor zwei Jahren verlor sie ihren ersten und bisher letzten festen Job in einem Designerstudio: "Von 15 wurden zwölf entlassen. Wir verdienten 24.000 Euro brutto pro Jahr." Vor ein paar Wochen habe sie zufällig gesehen, dass das Studio wieder Leute sucht. "Jetzt zahlen sie nur noch die Hälfte", beschwert sich Patricia, die ihre Wohnung nur deshalb halten kann, weil ihr Freund arbeitet. Auch Beatriz Salmerón kam kurz vor Mitternacht zum Lokal der Arbeiterkommissionen im Zentrum Madrids, um bei den Streikposten dabei zu sein. Die 26-Jährige, die in einem Beratungsbüro für Genossenschaftsbetriebe aller Art arbeitet, sieht sich als Opfer der Kürzungen zur Sanierung des Staatshaushaltes. "Gemeinden, Regional- und Zentralregierung geben immer weniger aus. Das bekommen unsere Kunden zu spüren", weiß sie zu berichten. In ihrem Büro sind mittlerweile alle in Kurzarbeit. Statt spärlichen 850 Euro netto monatlich verdient Beatriz jetzt nur noch 650 Euro. "Klar wohne ich noch bei den Eltern", sagt sie und zieht mit ihren Kollegen los.

"Geschlossen wegen Streiks"

Überall sind Trillerpfeifen der Streikposten zu hören. Wo sie vorbeikommen, gehen die Läden der letzten offenen Kneipen herunter. "Geschlossen wegen Streik" kleben jubelnde Gewerkschafter auf die Scheibe. Immer wieder kommt es zu Scharmützeln mit der Polizei. Beamte in Zivil mit Gewerkschaftsaufklebern mischen sich unter die Streikposten. Blitzschnell ziehen sie metallene Totschläger und versuchen, Einzelne zu verhaften. Die Stimmung heizt sich auf. Vor allem bei den Betriebshöfen der Linienbusse und vor dem Großmarkt spitzt sich die Lage zu. Ein riesiges Polizeiaufgebot versucht die hunderten Streikposten aufzulösen. Mehrere Menschen werden schwer verletzt, andere festgenommen.

Die Gewerkschaften sprechen von einem Erfolg. Landesweit sollen sich rund 70 Prozent der Arbeiter beteiligt haben. Das staatliche Fernsehen TVE sendet Filme aus den 50ern. Die Region Madrid und das südspanische Andalusien erwachen ohne Regionalfernsehen. Bei mehreren kleineren Privatsendern bleibt der Bildschirm ebenfalls schwarz. Zeitungen erscheinen nur mit Notausgaben. Ausgeliefert wird vielerorts nicht einmal diese.

Die Industrie wird im ganzen Land komplett bestreikt. Viele große Kaufhäuser bleiben geschlossen, Geschäfte und Kneipen ebenso. Es gibt kaum Flüge in Barcelona und Madrid. Mehrere Großmärkte haben die Auslieferung eingestellt. In Madrid fahren so gut wie keine Busse, der Müll wird nicht abgeholt. Und der Stromverbrauch ist so niedrig, als wäre das halbe Land auf Urlaub.(Rainer Wandler aus Madrid, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 30.9.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 31
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Christian Zimmermann
00
2.10.2010, 10:57

Fernsehzuschauer bekommen wie immer ein völlig falsches Bild. Ihnen werden derzeit fast täglich aus irgendeiner Stadt Europas ein paar aufgeregt mit Fahnen und Transparenten, Gebrüll und Lärmmaschinen demonstrierende Menschen gezeigt. Und Kommentatoren jenseits aller Objektivität zeigen ihre Begeisterung über die (endlich!) stattfindenden Generalstreiks und vermitteln den Eindruck, ganz Europa stehe still.
Die Wahrheit ist aber eine völlig andere: Sämtliche Proteste und Streiks in Europa haben im heurigen Jahr viel weniger Teilnehmer gehabt als von den Gewerkschaften erhofft. Ein paar Tausend aufgeregte Demonstranten bedeuten überhaupt nichts, die bringt selbst die bedeutungslose Österreichische Hochschülerschaft außerhalb von Ferienzeite

wer wenn nicht er
32
30.9.2010, 14:29
Dies ist die wichtigste Reform Spaniens!!

Der einzige Grund für die hohe Arbeitslosigkeit SIND diese strengen Arbeitsmarktregelgungen.

Man kann quer durch Europa schauen: Wer den Arbeitsmarkt liberalisiert erntet Jobwachstum, wer ihn sperrig hällt, bekommt hohe Arbeitslosenzahlen.

Die Gewerkschaften spielen Arbeitnehmer gegen Arbeitslose aus. Traurig.

Dänemark ist das klassische Beispiel für eine erfolgreiche Liberalisierung...

frune
12
30.9.2010, 16:32
Wer den Arbeitsmarkt "libralisiert",

bekommt ein sinkendes Lohnniveau, Kaufkraftschwund.

Und was soll der "glücklich Beschäftigte" mit einem Gehalt von 650 Euro machen, wenn eine Wohnung allein schon mindestens 700 Euro an Miete aufrisst ? Ausser natürlich, mit 30 weiter bei den Eltern zu leben.

Eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes führt zu einer schrittweisen Angleichung des Lohnniveaus vom europäischen zum südostasiatischen Mittel.

Wollen Sie das?
Bitte gehns mit Ihrer 08/15 Theorie vom neoliberalen Wunderland zur ÖVP. Dorthin haben sich die Fundamentalisten des "die Wirtschaft reguliert sich selbst" - Wahns verkrochen.

wer wenn nicht er
11
30.9.2010, 17:03
Noch ein Beispiel

Ich habe schon öfter jemand eingestellt, der sich beim Gespräch gut darstellte, in der Praxis aber nicht passte.

Die Leute passten aber nur nicht zu UNS, sie bekamen dank des bei uns sehr flexiblen Arbeitsmarktes rasch einen anderen Job, der zu ihnen passte.

In Spanien wären die Leute weiterhin bei uns, wären ineffizient und unglücklich, durch diese Ineffizienz wären unsere Kosten viel höher, wodurch wir für unsere Produkte mehr Geld verlangen müssten.

Und genau das passiert in Spanien auch: Um mit Mitteleuropa mit halten zu können, ist das Lohnniveau in Spanien um ein Drittel niedriger als bei uns. Die Firmen produzieren viel ineffizienter, weshalb die gesamte Gesellschaft weniger Produkte zur Verfügung hat. Alle sind somit ärmer.

Patxi
00
17.10.2010, 20:16
.....

Nichts für Ungut aber auf welchem Tatsachen Basieren Ihre Ausagen.

Als Spanier kann ich nur sagen das der Arbeitsmarkt verdammt flexibel ist, in der regel aber durch Misswirtschaft den Bach Runterläuft.

wer wenn nicht er
00
17.10.2010, 20:32
Sie als Spanier

...werden ja dann bestens wissen dass man in Spanien rasch hohe Abfindungsansprüche erwirbt, die einen krisenbedingten Jobabbau häufig verhinder, sodass gerade Unternehmen in finanziell schwieriger Lage NICHT Personal reduzieren können.

DAS macht den Arbeitsmarkt unflexibel. Denn warum sollte man jemand einstellen, wenn es nach ein paar Jahren extrem teuer werden könnt, ihn wieder abzubauen?

Genau das soll nun verbessert werden. Dann ist der Arbeitsmarkt flexibler. Dann entstehen auch neue Jobs.

Siehe Dänemark.

wer wenn nicht er
11
30.9.2010, 16:58
Nehmen Sie sich bitte die Zeit und studieren Sie die Veränderungen Dänemarks mit der Liberalisierung

Sie haben nämlich schlicht und ergreifend unrecht.

Die Löhne gingen NIE auf Grund von gewerkschaflichem Druck rauf, sondern IMMER wegen Marktverhältnissen.

Wie auch? Wenn z.B. Jeanspreise unser Lohnniveau nicht mehr ermöglichen kann die Gewerkschaft noch so toll Textiljobs schützen, sie werden dennoch nicht erhalten bleiben.

Umgekehrt kann sich die IT- oder Biotec-Branche in einem Land nicht entwickeln, wo die Firmen erst garkeine Leute einstellen, weil man sie nie wieder kündigen kann, falls man sie später doch nicht braucht.

Christian Zimmermann
10
2.10.2010, 10:58

Von Griechenland über Spanien bis Frankreich haben sich die Arbeitnehmer jedenfalls viel weiser gezeigt als die um ihre eigene Existenzberechtigung bangenden Gewerkschafts- und Parteifunktionäre. Sie sind überwiegend an ihren Arbeitsplätzen geblieben und haben die Funktionäre alleine demonstrieren lassen. Daher gehen auch europaweit die Mitgliederzahlen in den Gewerkschaften zurück. Diese haben nur noch innerhalb der diversen sozialistischen Parteien einen relevanten Einfluss, wie sich etwa jetzt beim Machtwechsel in der britischen Labour-Partei gezeigt hat.

Dalien
 
00
30.9.2010, 14:23
und die spanischen

Politiker stecken weiter Geld und Pöstchen von Spaniens Finanzelite ein...

Hui-Wui!

Politiker saugen wie Maden am Volkskörper!

Herr und Frau Österreicher
 
12
30.9.2010, 12:13
Warum um alles in der Welt geht die Polizei gegen Streikposten vor???!!!

elchtester
41
30.9.2010, 11:16

"In den letzten zwei Jahren habe ich nur vier Monate gearbeitet", erzählt die studierte Bühnenbildnerin und Kunsthistorikerin. "

hättest was g'scheites gelernt.

macaca
02
30.9.2010, 12:14
so...

wie die restlichen 40% die ihre Position teilen?

Herr und Frau Österreicher
 
01
30.9.2010, 12:13
"Bei unter 30-Jährigen sind gar 41 Prozent ohne Job."

meinen sie, die haben alle nix "gscheites glernt"? Anstatt reale Probleme zumindest anzuerkennen, verlagert man sich auf künstliche probleme ("Überfredung"). Die realen probleme werden ignoriert oder ins Lächerliche gezogen. Das nennt man dann Politik (der Mitte)!

flotter denker
70
30.9.2010, 11:06
Wenn die 20% Arbeitslosigkeit haben

Dann muessen die Loehne aber kraeftig sinken, damit man sich der Vollbeschaeftigung annaehert. Daran fuehrt kein Weg vorbei. Aber die Protestler sollen halt mal ein bissl Dampf ablassen. Das schuetzt davor, vor Wut einen Herzinfarkt zu bekommen.

Herr und Frau Österreicher
 
14
30.9.2010, 12:29

Was wollens denn bei 650 Ero noch senken, sie Kasperl?

macaca
05
30.9.2010, 12:13
vulgärökonomie

Unternehmen stellen ja nicht ein, nur weil es billig ist. Wenn die Nachfrage nicht besteht hilft auch die billigere Arbeit nicht - wenn es anders wäre, wären wohl afrikanische Flüchtlingslager dioe Boomtowns schlechthin, dort arbeiten die Leute vermutlich gegen einen Laib Brot am Tag.
Generell ist es doch eher andersrum - nicht Lockerung des Arbeitsschutzes sollte erfolgen, sondern breite Enteignung der Eigentümer, die sich als Gruppe (und nicht als Personen) als vollkommen unfähig erwiesen haben, die gesellschaftliche Produktion zu organisieren - oder wie sonst ist es zu erklären,dass 20% Arbeitslos sind, sich keine Wohnung leisten können während halbe Stadtviertel leer stehen.

Sarah L.
 
02
30.9.2010, 11:52
Dann muessen die Loehne aber ....

sie werden doch dieser einfältigen propaganda nicht aufsitzen, "denker"?

saltyjoe
 
05
30.9.2010, 11:14
vollbeschäftigung?

das kann aber in einer "gesunden Marktwirtschaft" nicht sein - das system per se verlangt nach Arbeitslosigkeit - preiswerten nachschub an arbeitskraft...

Michail Bakunin
32
30.9.2010, 10:30

Hui, alleine zehntausende auf den Demos der dem Anarchosyndikalismus nahestehenden Gewerkschaften. Schön ;-).

leaping frog
01
30.9.2010, 10:07
wetten, dass das lotto-spielen nicht betroffen ist.

soviele glücksritter wie in spanien habe ich noch nie gesehen.

sociovation
15
30.9.2010, 09:22
Offenbar kommen jetzt die Menschen doch drauf,

dass da schon seit einiger Zeit gegen sie ein ruinöser Klassenkampf geführt wird.

buena1vista1
01
30.9.2010, 07:56
Siehe Erdrutsch Mexico ...

zuerst 300 Tote, wahrscheinlich viel mehr und dann "nur" mehr 12 .... also ernst nehmen kann man diese Schreiberlinge sowieso schon lange nicht mehr!

Guigui
31
29.9.2010, 23:22
Netter Aufsatz aus der Streikendenperspektive

Aber die Streikposten sind nicht so niedlich, wie hier dargestellt. Sie nötigen jene, die freiwillig arbeiten wollen, zum Heimgehen. Und der Stromverbrauch war nicht "als ob das halbe Land auf Urlaub wäre", sondern höchstens auf Wochenende. Ach ja, und am Flughafen Barcelona flogen über 60% der Flüge (Quelle AENA).

macaca
02
30.9.2010, 12:43
streikbrecher

dürfen halt kein erbarmen erwarten.

Herr und Frau Österreicher
 
01
30.9.2010, 12:17
"Sie nötigen jene, die freiwillig arbeiten wollen, zum Heimgehen."

naja, zuerst werden sie die Leute zum mitmachen animieren.
Wenn Streikposten stehen Nötigung ist, ist ein Streik wohl ein kapitalverbrechen, oder wie?

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