RAF-Experte Stefan Aust im STANDARD-Interview: Später Prozess gegen Becker ist richtig
RAF-Experte Stefan Aust findet den späten RAF-Prozess richtig. Er glaubt aber nicht, dass Verena Becker 1977 auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback feuerte. Mit ihm sprach Birgit Baumann.
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Standard: 33 Jahre nach dem RAF-Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback steht Verena Becker nun in Stuttgart vor Gericht. Ist das späte Gerechtigkeit?
Aust: Es hat seine Richtigkeit. Die Leute müssen sich ihren Taten stellen. Ehemalige RAF-Terroristen schweigen seit Jahrzehnten über ihre Taten und die genauen Umstände. An Verena Becker sieht man, dass Schuld und die Möglichkeit einer Anklage jemanden ein Leben verfolgen kann.
Standard: Als Becker in den 70er-Jahren vor Gericht stand, hat sie getobt und gebrüllt. Erwarten Sie Derartiges beim neuen Prozess wieder?
Aust: Nein. Die RAF-Leute sind heute alle ruhiger und im Rentenalter. Die meisten von ihnen leben zurückgezogen von Hartz IV (staatliche Grundsicherung).
Standard: Glauben Sie, dass Becker Buback umgebracht hat?
Aust: Nein. Nach Aktenlage und meinen Recherchen war sie damals beim Attentat gar nicht dabei. Das sagt auch der Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock, einer der wenigen, der sich zu den Taten äußert, weil ihm das eigene Versagen und die Schuld schwer auf der Seele liegen. Es gibt viele Hinweise, dass es Stefan Wisnewski war. Er saß jahrelang für den Mord an Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer 1977 in Haft.
Standard: Warum kommt es erst jetzt zum Prozess gegen Becker?
Aust: Eigentlich hätte es schon vor 33 Jahren für eine Anklage zu gemeinschaftlichem Mord gereicht. Als Becker 1977 verhaftet wurde, fand man bei ihr die Tatwaffe aus dem Buback-Mord, auf dem Bekennerschreiben ist ihre DNA.
Standard: Dass Becker nun überhaupt vor Gericht steht, ist Michael Buback zu verdanken.
Aust: Der Sohn des ermordeten Siegfried Buback kämpft seit Jahrzehnten für die Aufklärung des Falls. Es ist nur verständlich, dass die Angehörigen wissen wollen, was wirklich passiert ist. Das ist wie bei Menschen, die Familienmitglieder im Krieg verloren haben und die Umstände nicht kennen. Wenn sich ein Grab in der Ukraine findet, fahren sie hin, um wenigstens das zu sehen.
Standard: Es gibt die Theorie, dass Becker damals nicht angeklagt wurde, weil sie mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeitete.
Aust: Becker hat sicher umfangreich kooperiert. Die Vorstellung, dass sie den Mord an Buback begangen hat, aber wegen ihrer Kontakte zum Staat dafür nicht angeklagt wurde, geht aber zu weit. Es gibt Hinweise, dass Becker auspackte, wo die unterirdischen Waffendepots der RAF lagerten. Als diese gefunden wurde, hieß es ja, ein österreichischer Pilzesammler sei zufällig darauf gestoßen. Das habe ich nie geglaubt.
Standard: Vor 30 Jahren hat die RAF die Bundesrepublik an den Rand der Existenz gebracht. Wie sehen Sie diesen Prozess heute?
Aust: Davon ist nichts übrig. Es ist nur noch ein Rest an Aufklärungsarbeit, weil die Bundesanwaltschaft es nicht ertrug, dass es ausgerechnet im Fall eines ermordeten Bundesanwalts so viele offene Fragen gibt. Ich rechne auch nicht damit, dass man noch neue, sensationelle Erkenntnisse gewinnt. Vermutlich werden einige Morde der RAF wie etwa der 1991 am Chef der Treuhandanstalt Detlef Rohwedder unaufgeklärt bleiben. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2010)