"Es hätte schon vor 33 Jahren für eine Anklage gereicht"

29. September 2010, 18:30
  • Artikelbild
    foto: ap/axel heimken

    STEFAN AUST (64) war von 1994 bis 2008 "Spiegel"-Chefredakteur. Seit Juni ist er am TV-Sender N24 beteiligt. Aust beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der RAF, er schrieb das Standardwerk "Der Baader-Meinhof-Komplex".

RAF-Experte Stefan Aust im STANDARD-Interview: Später Prozess gegen Becker ist richtig

RAF-Experte Stefan Aust findet den späten RAF-Prozess richtig. Er glaubt aber nicht, dass Verena Becker 1977 auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback feuerte. Mit ihm sprach Birgit Baumann.

***

Standard: 33 Jahre nach dem RAF-Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback steht Verena Becker nun in Stuttgart vor Gericht. Ist das späte Gerechtigkeit?

Aust: Es hat seine Richtigkeit. Die Leute müssen sich ihren Taten stellen. Ehemalige RAF-Terroristen schweigen seit Jahrzehnten über ihre Taten und die genauen Umstände. An Verena Becker sieht man, dass Schuld und die Möglichkeit einer Anklage jemanden ein Leben verfolgen kann.

Standard: Als Becker in den 70er-Jahren vor Gericht stand, hat sie getobt und gebrüllt. Erwarten Sie Derartiges beim neuen Prozess wieder?

Aust: Nein. Die RAF-Leute sind heute alle ruhiger und im Rentenalter. Die meisten von ihnen leben zurückgezogen von Hartz IV (staatliche Grundsicherung).

Standard: Glauben Sie, dass Becker Buback umgebracht hat?

Aust: Nein. Nach Aktenlage und meinen Recherchen war sie damals beim Attentat gar nicht dabei. Das sagt auch der Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock, einer der wenigen, der sich zu den Taten äußert, weil ihm das eigene Versagen und die Schuld schwer auf der Seele liegen. Es gibt viele Hinweise, dass es Stefan Wisnewski war. Er saß jahrelang für den Mord an Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer 1977 in Haft.

Standard: Warum kommt es erst jetzt zum Prozess gegen Becker?

Aust: Eigentlich hätte es schon vor 33 Jahren für eine Anklage zu gemeinschaftlichem Mord gereicht. Als Becker 1977 verhaftet wurde, fand man bei ihr die Tatwaffe aus dem Buback-Mord, auf dem Bekennerschreiben ist ihre DNA.

Standard: Dass Becker nun überhaupt vor Gericht steht, ist Michael Buback zu verdanken.

Aust: Der Sohn des ermordeten Siegfried Buback kämpft seit Jahrzehnten für die Aufklärung des Falls. Es ist nur verständlich, dass die Angehörigen wissen wollen, was wirklich passiert ist. Das ist wie bei Menschen, die Familienmitglieder im Krieg verloren haben und die Umstände nicht kennen. Wenn sich ein Grab in der Ukraine findet, fahren sie hin, um wenigstens das zu sehen.

Standard: Es gibt die Theorie, dass Becker damals nicht angeklagt wurde, weil sie mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeitete.

Aust: Becker hat sicher umfangreich kooperiert. Die Vorstellung, dass sie den Mord an Buback begangen hat, aber wegen ihrer Kontakte zum Staat dafür nicht angeklagt wurde, geht aber zu weit. Es gibt Hinweise, dass Becker auspackte, wo die unterirdischen Waffendepots der RAF lagerten. Als diese gefunden wurde, hieß es ja, ein österreichischer Pilzesammler sei zufällig darauf gestoßen. Das habe ich nie geglaubt.

Standard: Vor 30 Jahren hat die RAF die Bundesrepublik an den Rand der Existenz gebracht. Wie sehen Sie diesen Prozess heute?

Aust: Davon ist nichts übrig. Es ist nur noch ein Rest an Aufklärungsarbeit, weil die Bundesanwaltschaft es nicht ertrug, dass es ausgerechnet im Fall eines ermordeten Bundesanwalts so viele offene Fragen gibt. Ich rechne auch nicht damit, dass man noch neue, sensationelle Erkenntnisse gewinnt. Vermutlich werden einige Morde der RAF wie etwa der 1991 am Chef der Treuhandanstalt Detlef Rohwedder unaufgeklärt bleiben. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 99
1 2 3
buji2011
 
12
RAF vs Politik damals & heute

Die RAF hatte damals viele Sympathisanten. Doch waren die allg. Zukunftsaussichten positiv. Allen ging es von Jahr zu Jahr besser. Außerdem waren viele politische Posten mit Personen besetzt, die einigermaßen glaubwürdig wirkten. Nur allein aus diesem Grund haben viele dann nicht direkt mitgewirkt.
Wären die Zustände in Europa damals so beschissen wie heute (Korruption, Abbau des Sozialstaates, usw) gewesen, ich denke, dann hätte die RAF "gewonnen". Die RAF (und nicht nur die) hätte einen ungeheuren Zulauf, sowohl unter Intellektuellen, wie auch unter Arbeitnehmern gehabt.
Also, ich denke, ich (1957 geboren) hätte damals mitgemacht. Es hat sowieso nicht viel gefehlt.
Nun ja, EU! Es fehlt wohl auch heute nicht mehr viel!

MIP1
11

Absurd. Die RAF hat damals die BRD entgegen den Phantasien der Frau Baumann natürlich überhaupt nicht "an den Rand ihrer Existenz gebracht". Sie könnte das auch heute nicht. Sie wäre nie mehrheitsfähig, und für die Errichtung einer Diktatur hätte sie nicht die Mittel.

"Korruption" (die übrigens keine Erfindung des Herrn Grasser ist - schauen Sie einmal nach, was diesbezüglich in den siebziger Jahren los war) und "Abbau des Sozialstaates" (so furchtbar viel ist noch nicht abgebaut worden) führen höchstens dazu, daß man jemand anderen wählt. Dann gibt es gelegentlich einmal eine neue Partei.

buji2011
 
10
RAF

... und bedenken sie bitte auch Folgendes: unsere Freiheit von Heute verdanken wir dem Blutigen Arbeits- und Freiheitskampf unserer Urgroßeltern. Ohne deren Blut das sie selbst vergossen haben, dürften wir heute nirgendwo auf dieser Welt so eine offene Diskussion führen. Die 68er haben dann diesen Blutigen A+F-Kampf eingestellt. Ich selbst war damals auch dafür! Doch heute denke ich manchmal, vielleicht war es doch ein großer Fehler?! Denn die "Bösen" haben gelernt: es geschieht ihnen nichts Böses! Der Täterschutz geht immer vor dem Schutz der Opfer! Und genau deshalb sind wir heute dabei, alle unsere Menschenrechte wieder zu verlieren, siehe Spanien: Dort will man Demonstrationen ein für alle mal verbieten. Siehe Ungarn, uswusf

buji2011
 
10
RAF

Und denke an Griechenland, Spanien, Portugal, die Banlieues in Frankreich, oder einfach nur an London .........
Dort fangen sie gerade an, sich zu radikalisieren! Es dauert halt, weil die Intellektuellen immer noch hoffen, weil diese Proteste zurzeit nur von den Verlierern der unteren Schichten ausgehen. Aber warte ab, wenn diese Wut eine allg. verständliche Stimme bekommt!

Träume weiter bis dahin!

buji2011
 
10
RAF

Die Jugend ist heute politisch eingelullt! Die würden höchstens dann auf die Straße gehen, wenn man ihnen Internet und TV wegnehmen würde.
Alles andere interessiert die kaum.
Aber nehmen wir an, es kommt tatsächlich zu einem Welt-Wirtschaftszusammenbruch, und TV und Internet funktioniert auch nicht mehr ganztags, hihihihi, hui .....

Wenn du einigermaßen querdenken kannst, dann weißt du, was dann geschieht!?????

Thinking_Citizen
 
33
30.9.2010, 14:30
Im historischen Kontext evaluieren

Ein grosser Teil der Postings hier ist auf Be- (und Ver-) urteilung bedacht.

In meiner Meinung sind natuerlich Gewalttaten wie jene Morde der RAF zu verurteilen; allerdings denke ich dass es nicht nur wichtig was jemand getan hat sondern auch warum, also die Beweggruende (nicht um zu rechtfertigen, sondern um zu verstehen).

Ich selbst war zu der Zeit des Hoehepunktes des RAF-Terrorismus zu jung, allerdings finde ich dass der Film "Deutschland im Herbst" (1977; Regisseure Rainer Werner Fassbinder) den Zeitgeist sehr gut festgehalten hat. Fuer jeden interessierten kann ich diesen Film sehr empfehlen.

Es hilft nicht nur zu VERurteilen, sondern auch zu BEurteilen.

*QED*
74
30.9.2010, 18:46
Die Beurteilung kann nur lauten:

Bei diesen Desperados handelt(e) es sich um niederträchtige, mordlüsterne Bestien, die
keinerlei Mitleid verdienen. Punctum!

Veronika, der Spargel wächst!
42
30.9.2010, 15:25
Denken Sie über die...

...Mörder, die Asylheime anzünden auch so?
Wie würden sie Menschen beurteilen, die eine BEurteilung von denen einfordert?

Nebenbei:
Wie BEurteilen Sie denn die Ermordung von Chauffeuren, Passanten, bedeutungslosen GIs? (Ach ja! Bedauerliche Kollateralschäden!)
Wo liegt die Schuld eines Staatsanwalts eines Rechtsstaats? (Ach ja, ich weiß. Die BRD war ja bekanntlich faschistisch!)

Thinking_Citizen
 
24
1.10.2010, 00:47

Ja, allerdings denke ich so.
als Gewalt wuerde ich beide dieser Verbrechen (und dass sind sie nunmal) verurteilen. Aber ich wuerde auch in beiden Faellen verstehen wollen wie denn Menschen soweit gekommen sind so etwas zu tun.

In dem von ihnen geforderten Vergleich wuerden wir wahrscheinlich auch seeehr verschiedene Beweggruende finden.

Und bitte nicht vergessen: Mein posting hat eine Empfehlung bz. besseren Verstaendnis des Zeitgeist empfohlen (um besser zu beurteilen wie es zu diesen Dingen gekommen ist).

Harald Bruckner
22
30.9.2010, 16:33
ja, die Lage ist Komplex!

Schliesslich hat sich herausgestellt, dass der nicht verurteilte Polizist, der einen Studenten erschossen hat, und damit für Bader-Mainhof -Untriebe wesentlich mitverantwortlich war, im Auftrag und Interesse der DDR gehandelt hat. Im Doppelspiel hat die DDR später die Bandenmitglieder gedeckt.
So gesehen sind sie nicht nur Täter, sonder auch Opfer einer gigantischen Manipulation.

ich selbst
 
11
30.9.2010, 23:20
hier sind ein bisschen zu viel verschwörungstheorien verpackt

der polizist kurras war zwar stasi-agent, es deutet aber nach bisherigen erkenntnissen nichts darauf hin, dass er im auftrag der stasi gehandelt hat (beim schuss auf benno ohnesorg)
die raf als produkt einer stasi-provokation ist mE eine - mit verlaub - etwas paranoide verschwörungstheorie. es gibt zwar verbindungen aber das ist mE bestenfalls ein kleiner teil der geschichte.

Munis
35
30.9.2010, 13:43
Ich habe jetzt auf You tube die Rede Schmidts zum RAF Terror gesehen....

Lustig wie von unseren politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern immer geäußert wird, der RAF Terror betreffe uns alle, die Gesellschaft und Demokratie und bla bla bla...Schwachsinn - kein Lohnabhängiger musste jemals Angst davor haben kaltgemacht zu werden. Die, die Angst hatten und haben das sind ausschließlich korrupte Existenzen, die Verbrechen an den Lohnabhängigen und Benachteiligten der Welt begangen und begehen und denen vergönne ich auch die Angst - die haben sie verdient.

Daskleineichbinich1
63
30.9.2010, 15:26
"kaltgemacht", "Lohnabhängiger", "korupte Existenzen"

Wenn dich das Thema interessiert dann lies doch Bücher darüber - gibt es genug. Recherchiere im Internet auch da gibt es genügend Material, informiere dich über den zeitgeist, um die Aussagen auch einordnen zu können. Die Thematik ist wirklich interessant, aber verzapfe keinen Unsinn.

Veronika, der Spargel wächst!
23
30.9.2010, 14:30
Außer er wäre zufällig Chauffeur,...

...Polizist oder halt nur ein Passant, der zufällig im Weg war, als die selbstgerechten RAFler gerade mal wieder die Welt durch Morde verbessern wollten.

Übrigens war die Mehrzahl der Verbrechen Banküberfälle zur Geldbeschaffung. Jedesmal waren dutzende Menschen betroffen.
Waren aber sicher alles böse Kapitalisten.

Gery Zenz
12
30.9.2010, 12:56

einst mit Ulrike bei "konkret", heute beteiligt an N24.
Wer ist hier der Verräter?

Daskleineichbinich1
10
30.9.2010, 15:27
Jeder Redakteur bei konkret war bei der RAR oder jeder Redakteuer bei N24 war nie bei RAF,was meinst du?

Roperato
21
30.9.2010, 12:24
In absehbarer Zeit wird eine neue RAF entstehen !

Die Renter und Arbeitslosen Fraktion. Die Politiker wissen das, glauben aber immer noch nicht, davon betroffen zu sein.

Veronika, der Spargel wächst!
12
30.9.2010, 14:32
Die RAF bestand aus wohlhabenden...

...Studenten, die mit ihrem links-Geschwurbel die letzten Proletarier vertrieben haben, und einem egomanem Autodieb.

Arbeiterführer Kuhaltinger
 
74
30.9.2010, 12:11
Ich war dabei

die RAF, das war ein, zwei oder maximal drei durchgeknallte Egomanen, die den affengeilen Linkschargon der 70iger drauf hatten, arbeitsscheu und luxuswütig waren. Nicht auszuschließen ist, dass die wahren Strippenzieher, die kleinen Afferln, für ihre Zwecke im kalten Krieg einspannen konnten. Circa so wie die Grünen unter Petra Kelly und Sebastian!

Daskleineichbinich1
20
30.9.2010, 15:27
Und wann kommst du wieder raus?

raymond a
22
30.9.2010, 10:51

Verena Becker dürfte wenigstens ein Minimum an Einsicht gezeigt haben und später mit dem Verfassungsdienst kooperiert haben.

typisch, dass ausgerechnet ihr, der "Verräterin" der Prozeß gemacht werden soll.

wichtiger wäre es die Geschichte gewisser RZ-Terroristen aufzuklären:

http://aron2201sperber.wordpress.com/2010/04/1... terrorist/

doch da gab sich die Justiz stets milde

pepitant
00
30.9.2010, 15:19
Da könnens aber

gleich auf Foxnews verweisen.
Aber schön zu sehen, dass sich dieser Weblog vorwiegend, um nicht zu sagen ausschließlich, auf Foxnews und Spiegel bezieht. Es zeigt nämlich, wo der Spiegel und seine Leute stehen und demaskiert dieses Blatt ein klein wenig vor weniger informierten Gelegenheitspostern, die den Spiegel bisher vielleicht für seriös oder gar objektiv hielten.

raymond a
00
30.9.2010, 15:28

der Beitrag verweist in erster Linie auf einen aktuelleren FAZ-Artikel

die genannten Spiegel-Artikel sind deswegen so interessant, weil es sich um Oriaginal-Artikel aus der zeit handelt (keine andere deutsche zeitung hat ein soweit zurückgehendes online-Archiv)

Wolfgang Planer
17
30.9.2010, 10:35
"...RAF die Bundesrepublik an den Rand der Existenz gebracht..."

Ziemlich übertrieben. Klar war die Bande brutal und ihre Ziele weitgehend gegen die Demokratie gerichtet. Aber an den Rand der Existenz gebracht hat sie die BRD sicher nicht, daß hätten nur ein paar Extremisten auf der rechten Gegenseite gerne so gesehen. Was die BRD wirklich an den Rand der Existenzbringt, war und ist die diletantisch durchgeführte Wiedervereinigung.

die gelben fuer at
62
30.9.2010, 09:45
...leben von hartz IV...

zum kotzen!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 99
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.