"Ich halte die These von Kim Jong Il als reine Marionette für falsch"

28. September 2010, 13:45
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Experte Rüdiger Frank im Chat über die anstehende Machtübergabe in Nordkorea, seine eigenen Erfahrungen im Land und hervorragendes Taedonggang-Bier

In Nordkorea trifft zur Zeit das höchste Führungsgremium des Landes zusammen. Bei diesem Parteitag sollen die Weichen für die Nachfolge des Machthabers Kim Jong Il gestellt werden, der Medienberichten zufolge von seinem Sohn Kim Jong Un abgelöst werden soll. Anlässlich des Parteitages stellte sich Nordkorea-Experte Rüdiger Frank, der das Land mehrfach bereist hat, im derStandard.at-Chat den Fragen der UserInnen.
Rüdiger Frank ist Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien und betreut dort den gleichnamigen Master-Studiengang.

ModeratorIn: derStandard.at begrüßt den Nordkorea-Experten Rüdiger Frank von der Universität Wien zum Chat. Wir bitten die UserInnen um Fragen.

Rüdiger Frank: Schön, dass der Standard sich für die Thematik so interessiert.

anatol778 #1: Geht Kim, oder bleibt er?

Rüdiger Frank: Gegenfrage: welcher? Wenn es um Kim Jong Il geht, so wird dieser vermutlich noch so lange bleiben, wie es ihm möglich ist.

Lilitu Nyx: Ich komme gerade aus Nordkorea zurück und konnte diee Vorbereitungen auf die Parade am 10. Oktober überall beobachten. Rechnen Sie damit dass Jong Eun auf dieser Parade der Öffentlichkeit präsentiert wird?

Rüdiger Frank: Eigentlich nicht, jedenfalls nicht als Nachfolger. Nachdem er aber am Montag erstmals in den offiziellen Medien namentlich erwähnt worden ist, ist es durchaus möglich dass man nun auch die Person zu Gesicht bekommt. Immerhin geht es darum der nordkoreanischen Öffentlichkeit den potentiellen Nachfolger von Kim Jong Il überhaupt einmal zu präsentieren.

anatol778 #1: Wer zieht hinter Kim Jong-il die Fäden? Oder ist der gesundheitlich angeschlagene Diktator wirklich das Machtzentrum?

Rüdiger Frank: Das ist in der Tat eine berechtigte Frage. Es ist ohnehin schwer anzunehmen, dass eine einzelne Person ein Land von der Größe und mit den Problemen Nordkoreas effektiv allein regieren kann. Man kann also davon ausgehen, dass es ohnehin einen engeren Kreis von Vertrauten gibt, der in einem uns unbekannten Maße Führungsaufgaben übernimmt. Allerdings halte ich die These von Kim Jong Il als reine Marionette ebenso für falsch.

king pin: welche möglichkeiten gibt es, das land privat zu bereisen?

Rüdiger Frank: Touristische Reisen nach Nordkorea sind überraschend einfach, aber recht teuer und natürlich mit starken Beschränkungen versehen. Auch geschäftliche Reisen sind möglich, vor allem wenn man als Investor in strategisch gewünschten Bereichen auftritt. Darüber hört man aber aus verständlichen Gründen nur sehr wenig in den Medien. Keine Firma möchte mit ihren Geschäftskontakten zu Nordkorea angeben.

Kaiser_Wilhelm: Wie kann sich so ein Regime an der Macht halten, bzw. welchen Rückhalt hat es in der Bevölkerung?

Rüdiger Frank: Der Kern der Antwort liegt im Nationalismus, der in Korea eine besondere Bedeutung hat. Diese hängt vor allem mit dem Verlust der Unabhängigkeit und der kolonialen Besetzung der Japaner und der als tragisch empfundenen nationalen Teilung zusammen. In Nordkorea ist es gelungen die ursprünglich sozialistische Ideologie eng mit dem Nationalismus zu verknüpfen. Wer gegen das Regime ist, stellt sich automatisch gegen die Nation, und das ist sehr schwer. Auch ist uns wenig von offenen Protesten bekannt, so dass man davon ausgehen kann, dass das Regime derzeit über hinreichenden Rückhalt in der Bevölkerung verfügt. Dies kann sich allerdings schnell ändern, wie das Beispiel 1989 in Europa gezeigt hat.

ModeratorIn: Lambert Oitzinger über facebook: Stimmt es, dass 200.000 Menschen in Straflagern interniert sind und wird sich Nordkorea irgendwann mal in friedvoll in ein offenes Land und damit einhergehend in eine Demokratie wandeln oder bedarf es dazu einen Krie

Rüdiger Frank: Details zu Straflagern gibt es ausschließlich von nordkoreanischen Flüchtlingen. Solche Informationen sind schwer zu verifizieren, sie häufen sich aber. Das Beispiel Chinas hat gezeigt, das bei allen unerledigten Aufgaben durchaus eine friedliche Transformation des Systems und damit auch eine Verbesserung der Menschenrechtslage möglich ist. Ob die besonderen Bedingungen in und um Nordkorea eine Wiederholung zulassen werden, ist allerdings unklar. Wünschenswert wäre es in jedem Fall. Hinzuzufügen ist, dass keines der Nachbarländer Nordkoreas Interesse an einem Krieg hat.

ModeratorIn: Userfrage per Mail: Ist die Angst des Westens und vor allem der USA eigentlich begründet?

Rüdiger Frank: Angst ist immer begründet wenn ein Land über Atomwaffen verfügt, das gilt nicht nur für Nordkorea. Angesichts unseres ungenügenden Wissens über dieses Land und seine nachgewiesene Bereitschaft zum Einsatz militärischer Mittel wäre es fatal eine Bedrohung auszuschließen. Besondere Sorgen muss sich aber wohl vor allem Japan machen.

39ed115f-9060-46ef-bb45-677f5d859326: Sehr geehrter Herr Frank, wie schätzen Sie die Gefahr, so es eine gibt, ein, daß es zu "familieninternen" Machtkämpfen um die Nachfolge Kim Jong Ils kommen kann, die eventuell auch eskalieren können (bishin zum Bürgerkrieg?)? Gibt es überhaupt eine

Rüdiger Frank: Die koreanische Geschichte ist voll von solchen familiären Machtkämpfen, die in der Regel schlimme Folgen für das Land hatten. Hier liegt die große Herausforderung bei der Nachfolgeregelung in Nordkorea. Ein einzelner Führer muss stark genug und anerkannt genug sein, um die Ambitionen möglicher Fraktionen unter Kontrolle zu halten. Kann Kim Jong-un diese Aufgabe erfüllen? Das wissen wir derzeit nicht, ich halte es für unwahrscheinlich. Schließlich geht alle Autorität im Lande von Kim Il Sung aus, und Jong-Un ist nur sein Enkel. Zur Opposition hab ich mich schon geäußert und möchte noch hinzufügen, dass in der nordkoreanischen Elite viele Menschen sich große Sorgen um die Zukunft ihres Landes machen. Zu welchen tatsächlichen Handlungen das führen wird, bleibt abzuwarten.

petzi_bär90: Wieso rebelliert die Bevölkerung in Nordkorea nicht?

Rüdiger Frank: Nationalismus + System + Informationslage

ModeratorIn: Sehr geehrter Herr Frank, als die Südkoreaner nach der Wiedervereinigung Deutschlands gesehen haben, welche Geldresourcen für eine Wiedervereinigung nötig sind, haben sie eine Mauer zum Abhalten von Flüchtlingen an der Grenze gebaut. Jetzt hat Südk

Rüdiger Frank: Erstens, der Wille ist da und zwar auf beiden Seiten. Man hat in Südkorea aber auch verstanden, dass eine Vereinigung nicht umsonst zu haben sein wird. Darum richtet man nun endlich einen Fonds für die Vorbereitung auf die Kosten der Vereinigung ein. Allein aus globalstrategischer Sicht ist für Korea die Vereinigung wichtig, da das Land sich von großen Mächten umgeben sieht und seine Kräfte bündeln muss, um seine Interessen adäquat wahren zu können. Auch hier sind sich Nord und Süd einig. Was die Möglichkeit einer Vereinigung angeht so wird ein friedlicher Prozeß eine Harmonisierung voraussetzen, die sehr viel Zeit benötigen wird. Sorge hat man in Seoul vor allem bezüglich eines Kollaps. Die Kosten der Vereinigung sind hier nur ein Aspekt. Man fragt sich auch, wie sich China verhalten wird.

Disti4: wie geht es der Fussballnationalmannschaft? Ist sie tatsächlich in Kohlewerken?

Rüdiger Frank: Keine Ahnung.

thechief: Mit einem Blick auf Nordkorea, glauben Sie der Ostblock oder zumindest die UdSSR hätte bei ähnlich repressiver Politik immer noch Bestand?

Rüdiger Frank: Das hatte sie über viele Jahre hinweg.

Lukas Chen: Wie alt ist der junge Kim eigentlich?

Rüdiger Frank: Das wüsste ich auch gern.

Lilitu Nyx: In Nordkorea konnte ich, als ich vor einer Woche dort war nirgens Bilder von Jong Eun sehen und auch unsere Guides haben (zumindest offiziell) von nichts gewusst. Wie schnell lässt sich ein neuer "geliebter General" Ihrer Meinung nach aufbauen?

Rüdiger Frank: Sehr gute Frage. Bei Kim Jong Il hat es etwa zwei Jahrzehnte gedauert. Der Punkt ist, dass Führung in Nordkorea sich auch aufgrund von Leistung legitimiert, wobei über den Inhalt durchaus gestritten werden kann. Andererseits gibt es ein sehr schmales Zeitfenster, welches durch die Lebenszeit Kim Jong Ils begrenzt ist. Die Frage ist also nicht, wie lange ein solcher Aufbau dauern wird, sondern wie viel Zeit dafür noch bleibt. Hierzu gibt es jedoch nur Spekulationen, und wir müssen abwarten. Ich gehe davon aus, dass die Nachfolgefrage offiziell im Jahre 2012 beim siebten Parteitag gelöst werden wird. Ob das genügt? Das werden wir abwarten müssen.

Briefmarkenkleber: Wie stellt sich das derzeitige Verhältnis Korea-Kuba dar?

Rüdiger Frank: Darüber weiß ich nur wenig, es ist aber weniger eng als man vielleicht vermuten würde.

Misery Goat: Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, die realistischerweise von Nordkorea tatsächlich ausgeht?

Rüdiger Frank: Wurde bereits beantwortet.

Orang-Utan-Klaus ist kein Name für eine Katze: Wie verlässlich ist China als Partner Nordkoreas?

Rüdiger Frank: Für China stehen wie für jedes andere Land auch die eigenen Interessen klar im Vordergrund. Davon hängt auch die Verlässlichkeit als Verbündeter ab.

Gianni Agnelli: Gibt es irgendwelche Hinweise darauf, wie der jüngste Sohn von Kim, wenn er an die Macht kommen sollte, das Land führen wird? Wie bisher oder eher auf Öffnung nach aussen bedacht

Rüdiger Frank: Da wir nicht einmal wissen wie er aussieht oder wie alt er ist, ist eine Antwort auf diese Frage leider noch nicht möglich.

frührücken: Welche Branchen sind an Kontakten nach Nordkorea interessiert?

Rüdiger Frank: Vor allem Bergbau.

Nine-Nine: Sehen Sie die Möglichkeit eines Staatsstreichs oder zumindest eines offenen Machtkampfes gegeben, falls sich Teile des Militärs gegen eine Ernennung Kim Jong-uns zum Nachfolger Kim Jong-ils stellen?

Rüdiger Frank: Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass sich das Militär als unabhängige politische Macht in Nordkorea darstellen wird. Wenn überhaupt, dann wäre ein Machtkampf innerhalb der Familie, der Partei oder grundsätzlich des obersten Führungszirkel denkbar.

spartipps: Hat das Land wirtschaftliche Probleme?

Rüdiger Frank: Ist der Papst katholisch?

sir_lancelot: Wird sich Nordkoreas Lage bzw. Kurs ändern wenn Kim Jong-un an die Macht kommen würde. Er scheint zumindest in den wenigen Berichten etwas westlicher eingestellt zu sein mit Schweizer Schulbildung und Basketball Spielen.

Rüdiger Frank: Wie gesagt, darüber liegen uns noch keine Erkenntnisse vor.

flo-on-tour: Man liest, dass es wichtig für Kim Jong Il war, seinen eventuellen Nachfolger vom Militär "bestätigen" zu lassen. Wer ist bei den Streitkräften faktisch Entscheidungsträger?

Rüdiger Frank: Eigentlich Kim Jong Il und natürlich alle Militärs im Range von Generälen, Admiralen, etc.. Diese sind aber gleichzeitig auch Parteimitglieder und langjährige Protegees von Kim Jong Il.

Martin Stix: Man hört ja immer von der völlig kollabierten Wirtschaft in Nordkorea und von Hungersnöten. Wie sieht es tatsächlich vor Ort aus, wie hoch ist die Arbeitslosigkeit - bzw wie sind die Leute beschäftigt. Wie kann sich das Regime in diesem desolaten Zu

Rüdiger Frank: Arbeitslosigkeit in sozialistischen Systemen ist in der Regel versteckt, das heißt, 10 Leute machen den Job von einer Person. Offiziell gibt es keine Arbeitslosigkeit. Wir wissen aber, dass aufgrund von Energie und Ersatzteilmangel viele nordkoreanische Produktionsanlagen nur zu einem Bruchteil ihre Kapazitäten betrieben werden. Was den desolaten Zustand angeht, so ist das zynischerweise eine Frage der Perspektive und der Wertigkeiten. Wenn man die derzeitige Lage etwa mit dem 19. Jahrhundert vergleicht oder Unabhängigkeit und Sozialismus als wichtige Werte betrachtet, was in Nordkorea der Fall ist, dann stellt sich die Lage ganz anders dar, als für uns. Hunger ist allerdings unter keinen Umständen tolerierbar. Darum unternimmt die Regierung auch verschiedene massive Anstrengungen, um dieses Problem zu lösen. Dazu gehören auch diplomatische Mittel.

thechief: haben sie etwas von der Versourgungssituation der Zivilbevölkerung mitbekommen? herrscht hunger?

Rüdiger Frank: Dies ist eine der am schwierigsten zu beantwortenden Fragen, da die meisten unserer Informationen nur stichprobenartig sind. Dies gilt sowohl für Besucher, als auch für Flüchtlinge. Relativ gesichert scheint, dass es 1995 bis 1997 eine schwere Hungersnot gab. Seither ist die Lage sehr angespannt, aber von einer Hungersnot in großem Ausmaße kann man trotz der weitgehend mangelhaften Versorgung nicht sprechen.

J4ReD: wie ist die stimmung in NK im Moment, glauben Sie, dass die Machthaber das Volk voll hinter sich hat oder ist die Lage da eher wackelig?

Rüdiger Frank: Am 7. Oktober 1989 paradierte das Volk wie immer an Erich Honecker in Ostberlin vorbei. Zwei Tage später gingen in meiner Heimatstadt Leipzig 70.000 Menschen gegen die Regierung auf die Straßen. Noch in dieser Woche wurde Honecker von seinen Funktionen entbunden. Was ich sagen will: das ist schwer vorhersagbar.

Stephan Si-Hwan Park: welchen Stellenwert hat Nordkorea in Obamas Außenpolitik?

Rüdiger Frank: Offenbar einen geringeren, als man sich erwartet hat, und zwar sowohl in Nordkorea, wie auch im Westen. Offen gestanden ist mir Washington oft ähnlich unverständlich, wie Nordkorea.

J4ReD: Gibt es in NK eigentlich bestrebungen, ein "Internet" zu entwickeln bzw. sich an das WWW (für alle bürger) anzuhängen?

Rüdiger Frank: Nordkorea besitzt bereits ein Intranet, und das Land exportiert sogar Software und Computerdienstleistungen. Ein Internet im Sinne des unreglementierten Zuganges zu globalen Informationen ist allerdings völlig illusorisch. Kurz: die Fähigkeiten sind durchaus vorhanden, zumindest partiell, aber es fehlen die Möglichkeiten.

teukros: Haben Sie die Nordkorea Ausstellung im MAK besucht? Wenn ja, wie hat es Ihnen gefallen?

Rüdiger Frank: Ich habe das MAK bei der Vorbereitung unterstützt und vom 3.-4. September im MAK ein internationales Symposium zur nordkoreanischen Kunst organisiert. Dort haben wir uns mit dieser recht komplexen Frage beschäftigt. Hier nur ganz kurz: ich finde es gut, dass die Ausstellung stattgefunden hat, weil sie erstens das öffentliche Interesse an Nordkorea verstärkt hat und uns ferner einen sehr speziellen Blick auf das Land und seine Ideologie gewährt hat.

Coldplay21: Gibt es in Nordkorea Bier?

Rüdiger Frank: Ja. Ich hatte einmal fürchterliche Kopfschmerzen von einer Flasche Pjongjang-Bier. Daher war ich sehr froh, als mit Maschinen aus England und mit Unterstützung deutscher Ingenieure die Taedonggang-Brauerei gebaut wurde. Ich habe diese besucht und kann berichten, dass dieses Bier hervorragend schmeckt, besser als die südkoreanischen Marken. Man sieht hier sogar Exportpotential.

os.cay: Wie geht man als Tourist mit einem Nordkorea-Besuch um ? Ich habe gehört, dass Interaktion mit der Bevölkerung von den Guides unterbunden wird und wenn sie trotzdem stattfindet, massive Probleme für die betreffenden Personen nachsichzieht. Wie sind

Rüdiger Frank: In der Tat ist es so, dass man als Ausländer zwar ohne großes Risiko auch gegen Regeln verstoßen kann. Als verantwortungsbewusster Mensch bedenkt man aber auch immer die möglichen Folgen für andere. Das Resultat ist ein schmaler Grat aus zivilem Ungehorsam und Selbstzensur, den man als Besucher beschreitet. Dies ist nicht immer leicht. Im Zweifel habe ich es immer vermieden andere Personen in Gefahr zu bringen, zumal ich als Aussenstehender die Situation in der Regel nicht volllständig einschätzen kann.

Dead Man Working: Stößt man als privat Reisender auf Einheimische, die einem bereitwillig mit Informationen versorgen oder ist die Angst vor Repressalien so hoch, dass das faktisch unmöglich ist?

Rüdiger Frank: Auf solche Personen stößt man durchaus, was die Frage aufwirft, wie spontan solche Angebote wirklich sind. Grundsätzlich scheinen die Menschen auf dem Lande deutlich offener neugierig zu sein, als in der Hauptstadt. Doch dort geht ohne Koreanischkenntnisse gar nichts.

nonpostingnick: Frage zur Isolation der Bevölkerung: Inwieweit ist die Bevölkerung über die Veränderungen in der Welt seit 1990 informiert? Weiß man über die Veränderungen in China bescheid?

Rüdiger Frank: Man weiß Bescheid. Gerade über China berichten auch die offiziellen Medien Nordkoreas sehr positiv. Osteuropa wird als Beispiel dafür dargestellt, was passiert, wenn man seine ideologischen Prinzipien aufgibt und auf die "zuckersüßen" Versprechungen des Westens hereinfällt. Totgeschwiegen wird also nichts, aber man interpretiert.

Jumper: sie sprechen hier sehr offen brisante themen an: straflager, arbeitslosigkeit, wiedervereinigung, etc... haben sie bei ihrem nächsten besuch in nordkorea nichts zu befürchten, wenn sie sich regimekritisch äussern?

Rüdiger Frank: Ich bemühe mich immer um eine objektive und ausgewogene Haltung. Das wird derzeit offenbar akzeptiert.

Nathaniel Winerib: Teilen Sie die Meinung der Medien, dass KIM Jong-il einfach verrückt ist? Ich halte ihn für einen sehr rational handelnden Menschen, der alles der Maxime des Machterhalts unterordnet. Außerdem erscheint er mir als sehr berechenbar. Was ist Ihre Mein

Rüdiger Frank: Ich habe ihn nur einmal aus der Ferne gesehen und kann mich daher nicht zu seinen persönlichen Eigenschaften äußern. Allerdings war sein Vater unbestritten, auch seitens seiner Gegner, ein sehr fähiger Politiker. Er hätte seinen Sohn niemals zum Erben seiner Arbeit gemacht, wenn er diesen für unfähig gehalten hätte.

teukros: Im Foreign Policy Magazin las ich vor einiger Zeit einen Artikel, der die außergewöhnlichen Vorlieben Kim Jong-Ils beschrieb und uA scheint er die österreichische Küche zu lieben. Ist dies korrekt?

Rüdiger Frank: Das ist in der Tat ungewöhnlich.

Präservative für Konservative!: Ist es wahr, dass um Kim Jong Il bzw. Kim Il Sung ganz großartige Märchen gedichtet werden, á la "Bei seiner Geburt stiegen 1000 weiße Tauben in den Himmel" und ähnlichem Unfug? Glauben die Nordkoreaner das wirklich?

Rüdiger Frank: Nun ja, solche und andere Geschichten gibt es in der Tat. Sie werden sogar in verschiedene westliche Sprachen übersetzt. Mir wurde erklärt, dass diese vor allem symbolisch gemeint seien und auch so verstanden werden. Auch weisen mich Nordkoreaner bei der Gelegenheit auf die diversen Geschichten zu den Heiligen der Bibel hin und fragen, ob man das bei uns auch glaubt.

Lilitu Nyx: Welche Rolle spielt Kims Jong Ils Schwester (?) die ja ebenfalls zum General befürdert wurde. Angeblich begleitet sie ihn ja auf jeder wichtigen Reise

Rüdiger Frank: Die Beförderung der Schwester könnte ein Hinweis auf eine kollektive Führung sein, die aus Familienmitgliedern besteht. Wir haben schon die Frage der Loyalität angesprochen. Bei der Familie kann man sich am ehesten darauf verlassen, da trotz möglicher Meinungsdifferenzen letztlich das Schicksal der Familie, das Schicksal aller Familienmitglieder von einer geregelten und stabilen Machtübergabe abhängt.

Sepp Seppi: Ist dem normalen Bürger die internationale (schlechte) Stellung seines Landes bewusst? Hat er eine Vorstellung wie man in zb. Südkorea, Japan oder Europa lebt ?

Rüdiger Frank: Die Zahl derer, die über realistische Vorstellungen darüber verfügen, ist sehr gering. Allerdings arbeitet man in Nordkorea auch offensiv in diese Richtung. Den Menschen wird erklärt, dass es besser sei, arm aber stolz zu sein, anstatt reich und ein Knecht der USA. Das scheint zumindest derzeit erstaunlich gut zu funktionieren.

flo-on-tour: Lt. Nordkorea Handbuch aus dem Trescher Verlag soll eine Schwägerin Kim Jong Ils die Frau vom Botschafter in Wien sein; wissen Sie mehr dazu?

Rüdiger Frank: Solche Gerüchte gibt es.

herbert friesacher1: Frage 1: kürzlich haben einige österreichische Politiker unter der Leitung von Peter Wittmann (Abgeordneter zum Nationalrat) Nordkorea besucht. Machen solche internationalen Besuche irgendeinen Sinn um dem Land irgendwie die Tür für Kontakte oder Bu

Rüdiger Frank: Ich halte grundsätzlich jeden Austausch für sinnvoll, weil er auf beiden Seiten Augen öffnet. Welchen Effekt das letztlich hat, wird sich zeigen.

Schottentor U-Bahn: Sehr geehrter Herr Frank, mich hat immer schon interessiert, wie und welche Informationen überhaupt nach außen dringen. Wie informiert man sich als Nordkorea-Experte eigentlich über ein Land, das so abgeschottet ist.

Rüdiger Frank: Das ist zunächst einmal viel Arbeit. Ich lese regelmäßig die offizielle nordkoreanische Parteizeitung, die auch via Internet verfügbar ist. Hinzu kommen andere Publikationen aus Nordkorea. Diese spiegeln zwar ausschließlich die offizielle staatliche Meinung wieder, aber auch diese ist sehr informativ, wenn man sie zu interpretieren weiß. Das erfordert allerdings sehr viel Erfahrung. In letzter Zeit sind auch die Flüchtlinge aus Nordkorea zu einer wichtigen Informationsquelle geworden, auch wenn ihre Aussagen natürlicherweise vor allem negativ sind. Sonst wären sie ja nicht geflohen. Und schließlich nutze ich jede Gelegenheit um mit Nordkoreanern innerhalb und außerhalb des Landes ins Gespräch zu kommen. Wichtig ist auch dass Nordkorea eine Gesellschaft, Volkswirtschaft bzw. politisches System auf der Erde ist und nicht auf dem Mond. Man kann also durchaus auch alle unsere entsprechenden Theorien sinnvoll anwenden, wenn man die übliche Vorsicht und Sachlichkeit walten lässt.

Stephan Si-Hwan Park: Ich überlege mir ernsthaft mich für den neuen Masterstudiengang "East Asian Economy and Society" an der Uni Wien zu inskribieren. Was konkret lernt man dort bzw. welche Jobchancen bietet einem Absolventen am Arbeitsmarkt?

Rüdiger Frank: Dieser Studiengang ist weltweit nahezu einzigartig, da wir uns in der Tat auf die Region und nicht nur auf ein einzelnes Land konzentrieren. Wichtig sind uns eine solide methodische Basis, Sprach- und Landeskenntnisse und die praktische Anwendbarkeit des bei uns erworbenen Wissens. Dazu haben wir gerade eine Initiative zur Kooperation mit Unternehmen gestartet. Ich empfehle den Besuch unserer Website http://wirtschaft.ostasien.univie.ac.at

Fin Fun: Sie schrieben vorhin, dass Sie die Veränderungen zwischen den Nordkoreareisen sehr beeindruckt haben. Was sind die größten Veränderungen bzw. was sind die größten Unterschiede zu anderen sozialistischen Ländern?

Rüdiger Frank: Nordkorea hat insbesondere zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine sehr wichtige Transformation durchlaufen, auch wenn der Staat wohl derzeitig versucht diese wieder rückgängig zu machen. Es geht kurz gesagt um die Monetarisierung der Volkswirtschaft. Die Konsequenzen sind weitreichend, da den Menschen auf diesem Wege erstmals eine Alternative zum sozialen Aufstieg in den staatlichen Institutionen offen steht. Hat man dies einmal kennen gelernt, will man es nicht wieder aufgeben. Ich vergleiche das gerne mit einem Mobiltelefon. In all den Jahren wo es keines gab, hat man es auch nicht vermisst. Aber versuchen sie einmal heute in Österreich die Einführung von Mobiltelefonen wieder rückgängig zu machen. Selbst wenn dies dem Staat mit seiner Gewalt gelänge, würden die Menschen sich doch danach zurücksehen und entsprechende Schritte unternehmen. Bei meinem ersten Besuch wurde ich als Kunde in einem Kaufhaus typischerweise als Belastung angesehen. Eineinhalb Jahrzehnte später wurde mit einem 10%igen Nac

arulco: Was bekommt man in NK für umgerechnet 10 Euro?

Rüdiger Frank: Eine Achtel Nacht im Koryo-Hotel. Oder, wenn man den Gerüchten glauben darf, ca. 30 kg Reis auf einem der Bauernmärkte, allerdings nicht zum offiziellen Wechselkurs.

ModeratorIn: derStandard.at bedankt sich bei Rüdiger Frank und den UserInnen. Auf Grund der hohen Anzahl an Fragen konnten leider nicht alle beantwortet werden. Schönen Tag noch.

Rüdiger Frank: Vielen Dank für die intelligenten Fragen, das sollten wir bei Gelegenheit wiederholen.

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