Stefan Wehinger über spanische Kühe, was die neue Westbahn von Billigairlines und die Mitarbeiter am Westbahnhof abschauen
Ab Dezember 2011 werden die ersten privaten klassenlosen Züge unter dem Namen "Westbahn" im Stundentakt zwischen Wien und Salzburg fahren. Mit Ex-ÖBB-Personenverkehrsvorstand Stefan Wehinger als "Lokführer". Die ÖBB wird von Wehinger nicht kommentiert. Kein Wort will er zu seinem ehemaligen Arbeitgeber sagen. Was sein Projekt, die neue Westbahn (betrieben von der Rail Holding mit Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner im Hintergrund) von den ÖBB unterscheiden wird, wieso die Zugbegleiter keine Zugbegleiter sind, was ihre Aufgabe ist, was man von den Low-Cost-Airlines abschaut und was das Zug fahren mit der Westbahn kostet, erzählt er im Interview mit Regina Bruckner.
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derStandard.at: Noch rund 440 Tage bis zum Start der Westbahn. Die ÖBB bauen Personal ab. Sie haben wohl keine Probleme, Mitarbeiter zu bekommen?
Stefan Wehinger: Wir haben seit es uns gibt - also 16. Oktober 2008 - sehr viele Bewerbungen bekommen, sowohl aus dem Bahn- als auch aus dem Busbereich. Nein, Personalsorgen haben wir keine.
derStandard.at: Sie wollen ja mit vergleichsweise wenig Personal auskommen. Halb so viel wie die ÖBB, Ihr ehemaliger Arbeitgeber.
Wehinger: Bei uns werden wenige Mitarbeiter im Büro sitzen, aber sehr viele am Zug sein, also überall dort, wo es Kundenkontakt gibt. An einem Zug sind sieben Leute von uns, bei einem vergleichbaren ÖBB-Zug sind es drei Leute. Insgesamt werden bei uns 250 Mitarbeiter beschäftigt sein.
derStandard.at: Bei den ÖBB gibt es wiederkehrende Diskussionen um "überbezahltes" Personal. Werden Ihre Mitarbeiter halb so viel verdienen wie jene bei den Bundesbahnen?
Wehinger: Die ÖBB zahlen nicht besser als der Markt. Sie haben nur sehr viele Mitarbeiter, die in einem bestimmten Schema sind und dadurch fortschreitend höhere Gehälter bekommen. Die ÖBB zahlen bei Einsteigern in den Markt sehr schlecht. Es ist kein Spaß, heute Lokführer zu werden. Absolut nicht.
derStandard.at: Die Anforderungen an Ihre zukünftigen Mitarbeiter unterscheiden sich einigermaßen von jenen bei den Bundesbahnen. Die Zugbegleiter sollen eher Allrounder sein.
Wehinger: Bei uns sind das Kundenbegleiter, weil diese Mitarbeiter ja den Kunden begleiten und nicht den Zug. Zuständig sind sie für alles. Der Mitarbeiter beginnt seinen Dienst damit, dass er den Zug in Ordnung bringt, grob reinigt, WC kontrolliert, Klopapier und Seife nachfüllt. Einfach alles, sodass man gerne einsteigt.
derStandard.at: Werde ich sofort merken, dass ich nicht in einem Zug der ÖBB, sondern mit Ihnen mitfahre?
Wehinger: Der Kundenbegleiter empfängt Sie gleich an der Tür. Sagt: "Das ist Ihr Wagen, Sie haben ja reserviert. Ich komme sofort zu Ihnen." Das passiert an jeder Station. Das ist unser Trick und vermittelt eher das japanische Gefühl. Schon am Eingang weiß man, wo man hingehört. Es gibt auch keine Automaten. Wenn die Leute sitzen, kommt der Kundenbegleiter und verkauft dort die Fahrkarte - ohne Aufschlag. Am Ziel, in Salzburg, wird wieder der Zug gereinigt, Klopapier und Flaschen nachgefüllt. Wenn die nächsten Fahrgäste kommen, ist der Waggon schon wieder in Top-Zustand.
derStandard.at: Das klingt wie das Modell der Low-Cost-Airlines.
Wehinger: Absolut. Eigentlich orientieren wir uns sehr stark an der ursprünglichen Lauda Air, die das meiner Meinung nach richtig gemacht hatten. Dass das wirtschaftlich anders ausgegangen ist, hatte ganz andere Gründe. Die Mitarbeiter zu den Kunden bringen, und nicht umgekehrt, ist die Devise.
derStandard.at: Stichwort Lauda Air: Man hat Sie nach Ihrem Rücktritt bei Niki, bei LaudaMotion oder auch bei KTM verortet. Eigentlich alles recht sexy Marken. Werden Sie aus der Westbahn auch eine sexy Marke machen?
Wehinger: In vielen Ländern ist Bahnfahren sehr sexy und eine ganz aufregende Industrie. Es ist nur bei uns aufgrund des Rufes der ÖBB nicht so aufregend. In Deutschland, in der Schweiz und in Frankreich sind das ganz tolle Industrien. Da sind Milliarden an Investitionen dahinter. Was die Luftfahrt vor zwanzig Jahren war, wird die Bahn jetzt erst werden. Leider noch nicht bei uns.
derStandard.at: Sie wollen mit sieben Doppelstock-Triebwagenzügen mit je 500 Sitzplätzen unterwegs sein. Sie werden aber nicht schneller sein als die ÖBB?
Wehinger: Nein. Ab 2013 fahren wir in zweieinhalb Stunden nach Salzburg. Das ist eine Zeit, die Sie mit einem Auto nicht auf legalem Weg erreichen. Und ob Sie zwei oder zweieinhalb Stunden fahren, spielt nicht so eine große Rolle wie die Frage, wie Sie sich in der Zeit fühlen, was Sie geboten bekommen und was es kostet.
derStandard.at: Ich sehe hier schon den Prototyp eines Sitzes mit Steckdose. Ist das eines der Dinge, die ich geboten bekomme?
Wehinger: Jeder Sitz, also ausnahmslos jeder Kunde im ganzen Zug, hat eine eigene Steckdose.
derStandard.at: Sie haben bereits die Kosten als wichtiges Argument für den Bahnkunden angesprochen. Haben Sie sich die Tarife schon ausgedacht?
Wehinger: Wir fahren zum Halbpreis der zweiten Klasse der ÖBB. Viel tiefer kann es nicht gehen. Der Vorteilskartenpreis der ÖBB ist also unser Hauspreis.
derStandard.at: Dafür muss ich wahrscheinlich auf Gastronomie verzichten.
Wehinger: Keineswegs. Wir haben ein Restaurant pro Wagen, wenn auch ein kleines. Das heißt, Sie müssen nicht durch den gesamten Zug wandern, um dorthin zu kommen. Auch das wird von den Mitarbeitern mitbetreut. Das ist sein Kaffee und sein Wagen und sein Zuhause sozusagen.
derStandard.at: Haben Sie schon Uniformen und den Rest vom Corporate Design entworfen?
Wehinger: Alles fertig. Aber das halten wir geheim bis zuletzt.
derStandard.at: Haben Sie schon einen fertigen Zug?
Wehinger: Im März bekommen wir den ersten fix fertigen Zug. Das ist ein brandneues Modell. Die Außenhülle ist vorgegeben - die SBB (Anm. Schweizer Bundesbahnen) fährt mit den gleichen Zügen. Der Rest ist wie Wohnung einrichten; wir haben eigene Designer, die das für uns machen. Unsere Sitze gibt es zum Beispiel in ganz Europa nicht. Die sind speziell für uns gemacht, sie sind verstellbar, aus Leder - spanische Kühe - mit abgesetzten Nähten. Wir wollen aber keinen Luxus bieten, sondern unauffällig gut sein.
derStandard.at: Mit Investitionen von 120 bis 125 Millionen Euro will die Rail Holding AG nach fünf Jahren operativ positiv fahren. Womit verdient man in diesem Business das Geld?
Wehinger: Mit den Fahrkarten, womit sonst?
derStandard.at: Wir haben ja über die Billig-Airlines gesprochen. Könnte ja sein, dass ich bei Ihnen dann als Kunde so wie dort für alle möglichen Services zahlen muss, etwa wenn ich fünf Koffer mit auf Reisen nehme.
Wehinger: Das gibt es bei uns nicht. Es gibt einen Hauspreis und fertig. Wir haben ein ganz einfaches Tarifsystem. Alle unsere Preise passen auf eine Internet-Seite und können auf einen Blick eingesehen werden. Sie können jedes Ticket umtauschen, stornieren, das ist alles 100 Prozent transparent.
derStandard.at: Sie wollen ja auch expandieren. Gibt es Interesse an der einen oder anderen Nebenbahn, die die ÖBB auslaufen lässt?
Wehinger: Nein. Da bräuchte man bei den meisten Nebenbahnen hohe Investitionen um überhaupt fahren zu können. Der Unterschied zwischen Österreich und der Schweiz ist: In der Schweiz wurden die Nebenbahnen - also die Gleise - immer erhalten. Bei uns wurde keine Entscheidung getroffen, und man hat die Nebenbahnen langsam hinsiechen lassen. Jetzt ist es zu spät. Was andere Expansionspläne betrifft, die wir haben, wollen wir nicht zu früh die Klappe aufreißen. Zuerst müssen wir beweisen, dass die Westbahn funktioniert.
derStandard.at: Wir sind ja hier (Anm.: Das "Westbahnbüro" ist in der Wiener Mariahilfer Straße angesiedelt) nicht weit weg vom Bahnhof. Lassen Sie sich durch einen Baustellenbesuch gelegentlich inspirieren für Ihre neue Bahn?
Wehinger: Jede Woche. Mit jedem neuen Mitarbeiter machen wir einmal eine Führung am Westbahnhof. Wir schauen uns die Baustelle an und die ÖBB-Züge, wie sie dastehen, ob sie schmutzig sind, ob der Bahnsteig schmutzig ist, wie die ÖBBler ausschauen, wenn sie ankommen. Wir schauen uns ankommende Reisezüge an. Da fällt auf, dass als erster der Schaffner aussteigt und dann erst die Passagiere. Das wird es bei uns nicht geben. (rb, derStandard.at, 28.9.2010)
Wissen: Die WESTbahn Management GmbH ist eine 100- Prozent- Tochter der Rail-Holding. An dieser sind Stefan Wehinger und Hans-Peter Haselsteiner zu je 35, ein Schweizer Investor zu 30 Prozent beteiligt.
STEFAN WEHINGER geb. 1966 in Ludesch, Vorarlberg. Dipl. Ing der technischen Physik, Dr. rer. nat der Naturwissenschaften. Vor der WESTbahn war er Vorstand der Montafonerbahn AG und anschließend Vorstand der ÖBB Personenverkehr AG.
Link: WESTbahn