"Firefox für Office"

LibreOffice: Community spaltet OpenOffice.org-Entwicklung

Andreas Proschofsky, 28. September 2010, 08:56

"Alle bis auf Oracle" für "wirklich freies Office"- Support von Novell, Red Hat, Ubuntu und Google

Als Oracle die Übernahme des Computerherstellers Sun verkündete, zeigten sich so manche Mitglieder der OpenOffice.org-Community vorsichtig hoffnungsfroh, dass daraus eine weitere Öffnung des freien Office-Projekts resultieren könnte. Diese Hoffnungen scheinen sich nun recht schnell - und nachhaltig - zerschlagen zu haben: Unter dem Namen "LibreOffice" soll eine vollständige Abspaltung von OpenOffice.org etabliert werden, dies verkündet die zu diesem Zweck ins Leben gerufene Document Foundation.

Zusammensetzung

Eine Organisation, in der sich praktisch alle versammelt haben, die bisher schon in der OpenOffice.org-Entwicklung aktiv waren: Von Unternehmen wie Novell und Red Hat über Community-Bestrebungen wie dem in Brasilien sehr erfolgreichen BrOOo bis zu den diversen Übersetzungsprojekten. Einzige Ausnahme bleibt freilich Oracle selbst, auch wenn man das Unternehmen in der Presseaussendung der Document Foundation offen dazu auffordert sich an einem "wirklich freien Office-Projekt" zu beteiligen.

Kritik

Damit kommt man auch schon auf den Kernpunkt hinter der Entscheidung für den Fork: Schon Sun war in den letzten Jahren immer wieder für mangelnde Offenheit im Umgang mit OpenOffice.org kritisiert worden. Ein Copyright-Assignment, mit dem externe EntwicklerInnen - darunter auch Firmen wie Novell mit ihren signifikanten Entwicklungsteams - Sun/Oracle weitgehende Spezialrechte zugestehen mussten sowie der langwierige bürokratische Prozess, der mit der Einbringung neuer Funktionen verbunden ist, waren hier gewissermaßen "Dauerbrenner" der Kritik.

Wechsel

All dies soll nun mit LibreOffice vollkommen anders werden: Für die grundlegenden Entscheidungen hat man ein Leitungsteam etabliert, bestehend aus schon bisher aktiven EntwicklerInnen und Community-Mitgliedern. So gehören etwa Caolan McNamara von Red Hat und Thorsten Behrens von Novell zu diesem Kreis, auch der bisherige Marketing-Chef des Openoffice.org-Projekts, Florian Effenberg, ist Mitglied des "Steering Commitees". Als Lizenz kommt bei dem neuen freien Office-Projekt die LGPLv3 zum Einsatz, Copyright Assignment wird hingegen keines mehr nötig sein, eine Entscheidung mit der man gerade die Beiträge externer EntwicklerInnen erleichtern will.

Seitenhiebe von Google

Symbolträchtiger Support kommt zum Start auch von anderen im Open-Source-Umfeld umtriebigen Unternehmen. So signalisiert etwa Google Unterstützung für den Fork - und kann sich dabei einen kleinen Seitenhieb auf Oracle nicht ersparen: "Eine aktive und lebendige Community kann es nur geben, wenn alle auf gleicher Augenhöhe diskutierten", so der Open-Source-Chef des Unternehmens, Chris di Bona. Entsprechend sei man "stolz ein Unterstützer und aktives Mitglied der Document Foundation zu sein". Auch Ubuntu-Gründer Mark Shuttleworth meldet sich mit der Ankündigung zu Wort, dass LibreOffice in künftige Versionen von Ubuntu Einzug halten soll.

Firefox für Office

Bei Novell zeigt man sich von der Entstehung des neuen Projekts geradezu begeistert, und bedient ambitionierte Vergleiche aus der Open-Source-Welt: LibreOffice solle für die Office-Welt erreichen, was dem Firefox - als abgespeckter Mozilla - im Browser-Bereich gelungen ist. Red Hat betont hingegen vor allem die neuen Chancen für einen breiteren Einsatz im Unternehmensbereich und der öffentlichen Verwaltung. Gratulationen kommen außerdem von der Open Source Initiative, in der Presseaussendung zitiert man dabei mit Simon Phipps ausgerechnet einen prominenten, ehemaligen Sun-Mitarbeiter - der sich bei der  Übernahme durch Oracle von dem Unternehmen verabschiedet hatte. Besonders über den Fakt, dass LibreOffice keine nicht-freien Addons unterstützen will, freut sich Richard Stallman, Chef der Free Software Foundation, der gleichzeitig aber auch die Hoffnung auf eine Zusammenarbeit mit Oracle betont.

Hintergrund

Ganz neu ist die Idee ein von Sun / Oracle unabhängiges Projekt zu betreiben freilich nicht, schon bisher hatten sich einige Linux-Distributionen im Go-oo-Projekt zusammengetan, um OpenOffice.org mit eigenen Erweiterungen auszubauen und die Entwicklung neuer Funktionen zu erleichtern. Daraus resultiert der Umstand, dass heute schon die meisten Linux-Desktops eine im Vergleich zu den offiziellen Releases von OpenOffice.org um so manches Feature erweiterte Variante des freien Office ausliefern. Eine der großen Ausnahmen bildet dabei Red Hat, insofern ist es als deutliches Signal zu werden, dass sich auch der im Enterprise-Bereich führende Linux-Hersteller der Abspaltung angeschlossen hat.

Vollständiger Fork

Zudem ist LibreOffice-Projekt ist in seiner Ausrichtung wesentlich umfassender, wo Go-oo sich noch auf eine - zeitweise recht umfangreiche - Patch-Sammlung beschränkte, die man tunlichst versuchte im offiziellen OpenOffice.org unterzubringen, etabliert LibreOffice vollständig unabhängige Strukturen. Die Entwicklung wird also unabhängig von OpenOffice.org in einem eigenen Code-Repository vorangetrieben. Dass LibreOffice als unabhängiges Projekt forciert wird, bedeutet außerdem, dass man ab sofort eigene Pakete für Windows, Linux und Mac OS X anbietet und bewirbt, zum Start gibt es entsprechend bereits eine Beta-Version von LibreOffice 3.3.0. Ein weiterer entscheidender Unterschied, ist die dahinter stehende organisatorische Struktur: War Go-oo von Beginn an relativ stark durch Novell dominiert, genießt die "Document Foundation" hingegen eine recht umfassende Unterstützung aus der Community - und kann so mit dem eigenen Leitungsteam wesentlich unabhängiger agieren.

Oracle

Abzuwarten bleibt, wie Oracle auf die Ankündigung der Abspaltung reagieren wird, geht man nach den Erfahrungen der letzten Wochen - etwa im Umgang mit Java oder dem Open-Solaris-Projekt - ist kaum zu erwarten, dass der Softwarehersteller die Einladung des LibreOffice-Projekts zur Beteiligung annimmt. Hinter vorgehaltener Hand ist denn auch zu hören, dass Oracle in den letzten Monaten das Kunststück gelungen ist, praktisch alle bisherigen PartnerInnen - nicht nur - in der OpenOffice.org-Entwicklung vor den Kopf zu stoßen. Dass es so rasch nach der Übernahme von Sun durch Oracle zum Abgang praktisch der gesamten Community kommt, spricht hier aber wohl ohnehin eine äußerst deutliche Sprache. (Andreas Proschofsky, derStandard.at, 28.09.10)

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kassandra86
10
6.10.2010, 15:15
immer das gleiche

idealisten machen einen freeware
viele idealisten scharen sich darum und bauen was auf
dann kommen die ersten geldprobleme und ein geldgeber wird gesucht
wenn der dann da ist, hat der das sagen
die entwickler trollen sich und schließen sich ein paar wochen später wieder zusammen.
dann geht das spiel von vorne los.

für den CIO eines unternehmens kann das nur bedeuten: hände weg von freeware - das ist nur für kurzfristige denker.

Edward the Great
00
14.10.2010, 19:37

1) Sie verstehen offensichtlich den Unterschied zwischen Freeware und Free / Open Source Software nicht.
2) Die Liste an FOSS-Projekten, die schon seit vielen Jahren sehr erfolgreich auch kommerziell eingesetzt werden und gar nicht mehr wegzudenken sind, ist viel zu lang, um wirklich aufgezählt zu werden, und ich habe auch keine Lust dazu.

barbel
00
29.9.2010, 22:52
Ein langer Weg, aber schön, wenn's weiter geht!

Seit den Anfängen von StarWriter für DOS kenne und nutze ich gerne das, was mir bis heute mit ubuntu als OpenOffice.org mitgeliefert wird. Immer fand ich gut, dass es für unterschiedlichste Plattformen (Betriebssysteme) zu haben war. Nicht immer war man rundum glücklich mit manchen Entscheidungen, die getroffen wurden (Auflösung des All-in-One nach SO 5 z.B.), aber ein Vergleich mit Netscape-<Mozilla->Firefox+Thunderbird drängt sich auf: Es wäre ja möglich, dass nach dem bisher doch halbherzigen Fortschritt aus dem Fork ein aktiver Zweig entsteht, der rundum einsetzbar ist, aber verlässlich weiter entwickelt wird.
Zu wünschen wär's. Spannend wird es auf jeden Fall.

Hannes Rannes
00
29.9.2010, 11:41
Und noch eine Unklarheit bzw. ein kleiner Widerspruch:

Wichtig sei auch, dass LibreOffice kein "Fork" von OpenOffice sei. Effenberger: "LibreOffice ist explizit ein vorübergehender Titel, den wir verwenden, bis hoffentlich die Markenrechte geklärt sein werden. Wir hoffen natürlich darauf, dass wir auch weiterhin den Namen OpenOffice verwenden dürfen."

http://futurezone.orf.at/stories/1663849/

suka
02
29.9.2010, 12:17

Das ist nicht wirklich ein Widerspruch sondern eine Mischung aus "Wishful thinking" auf Seite des LibreOffice-Projekts (in Bezug auf Oracle) und einem etwas oberflächlich recherchierten Artikel.

Klar hofft man darauf, dass Oracle einlenkt, sich anschließt und den Namen zur Verfügung stellt, passieren wird das aber wohl kaum. Und bis dahin ist LibreOffice natürlich ein vollständiger Fork mit eigenem Code-Repository, eigenem Bug-Tracker, eigener Roadmap, etc.

Hannes Rannes
01
29.9.2010, 12:35

Danke! Guter Service vom Chef persönlich! ;)

Midimalist
00
29.9.2010, 10:42
Open Source Software ist doch was herrliches ...

Große Konzerne können OSS untersützen, aber keiner kann ihr wirklich schaden!

Hannes Rannes
00
29.9.2010, 10:32
"Besonders über den Fakt, dass LibreOffice keine nicht-freien Addons unterstützen will, freut sich Richard Stallman"

Was heißt unterstützen? Sollen nicht-freie Addons nicht mehr funktionieren? (Aber wie sollte das funktionieren?) Ob das nämlich eine gute Idee wäre...

Tofix67
00
28.9.2010, 22:02
... im Fluß?

Ich schrieb es schon an anderer Stelle.

Erst OpenSolaris, jetzt OpenOffice.......
... und als nächstes VirtualBox.

"Nur" Java scheint es geschafft zu haben!?!?!?

Tofix67
00
28.9.2010, 22:11
.... Nachtrag!

Java ist natürlich keine OSS....
.... somit gibt es Lizenz-Gelder!

Michael Bakunin
00
29.9.2010, 12:22

ich hab noch nie für java lizenzgebühren bezahlt. ;-)

Neiti01
00
29.9.2010, 01:00

OpenJDK steht unter der GPL und ist mittlerweile auch für den Produktiveinsatz brauchbar.

ich sag's grad raus
02
28.9.2010, 20:04
Als nächste Abspaltung bitte ein CubaLibreOffice!

Aber mit Limette, sonst wird das nix!

BackfromHell
06
28.9.2010, 21:55

hm ich glaub da build ich mir lieber nen Caipirinha-Fork :P

ich sag's grad raus
02
28.9.2010, 22:58
Ich wär auch eher für ein MojitOffice zu haben.

Aber das kommt erst im nächsten Schritt nach CLO / CO.

BackfromHell
00
29.9.2010, 13:37

Ein OffiColada wäre auch ganz süß

Hugo Hennengnagg
240
28.9.2010, 19:22
Bald gibts nicht nur 300 Linuxderivate

sondern ebensoviele, zum Teil inkompatible Office Versionen. Richtig funktionieren tut aber keine. Wer schon mal versucht hat, mit OpenOffice eine umfangreichere Arbeit zu schreiben weiß was ich meine.

Linux und OpenOffice schaffen sich ab.

dB. alpha3
00
29.9.2010, 18:39

im Linuxbereich gibt es wenigstens ein Polypol und kein Monolpol eines einzigen herstellers.

OpenOffice finde ich echt gut bei umfangreicheren dinge nimmt man Latex.

und das mit dem Abschaffen.. why? umsomehr auswahl desto mehr kann man sich zwischen produkten entscheiden, welches für einen am besten ist.

Franz Bim
 
01
29.9.2010, 13:03
Wer eine umfangreiche Arbeit...

...mit etwas anderem als LaTeX schreibt, hat es ohnedies nicht besser verdient.

Office-Suiten sind gedacht für den schnellen Hack zwischendurch.

Muffel
 
00
29.9.2010, 12:50
Lass mich raten:

Du findest es beim Autokauf fürchterlich, dass es lauter verschiedene Modelle von diversesten Herstellern, noch dazu mit dem unterschiedlichsten Zubehör ebenfalls in vielen verschiedenen Marken und Sorten gibt. Du hättest lieber das Einheitsauto für alle.

Und "inkompatibles Office fällt mir immer dann ein, wenn das Word-Dokument von einer MS-Office-Version unterschiedlich in einer anderen MS-Office-Version (!) dargestellt wird.

Gegen Inkompatibitäten gibt es übrigens ein tolles Gegenmittel: die nennt man "Standards". Davon sollte man als Leser dieser Zeitung schon mal gehört haben, auch wenn jeder, der schon mal den IE benutzt hat, weiß was MS von Standard hält.

Ich habe übrigens schon viele umfangreiche Arbeiten mit OO geschriebe

Gerwin Winter
01
29.9.2010, 08:36
MS-Verkäufer?

Ja, wir wissen eh: alles Windows Versionen sind "kompatibl", besonders die Handys-Versionen. Bei MS-Office ist das auch so. Du betreibst billige peinliche MS-Propaganda - niemand nimmt dich ernst.

M. P.1
02
29.9.2010, 01:38

PEBKAC

Problem exists between keyboard and chair.

Sinfioetli
02
28.9.2010, 22:45

diversität ist ein gut, kein übel

sepular
19
28.9.2010, 21:47

Schon wieder einer der durch zuviel Freiheit überfordert ist. Und wer eine "lange Arbeit" mit MS Office oder OpenOffice schreibt hat eh nichts Besseres verdient. ;-)

Kräuterpfarrer Escobar
00
29.9.2010, 10:38

Ich hab unsere Doku von einem anderen Mitarbeiter übernommen, weil das Inhaltsverzeichnis und die Gliederung komplett Amok gelaufen ist.

Erster Schritt: Save as TXT. Und dann alles komplett neu gliedern und die Bilder alle nochmals und vernünftig mit externen Bilddateien rein.

Man kann mit Word schon halbwegs grosse Dokumente verwalten. (Ich red jetzt nicht auf tausenden Seiten.) Das allerwichtigste dabei ist, dass man die Symbolleiste zum Formatieren von Text sofort ausblendet und ausschliesslich nur noch mit Formatvorlagen arbeitet. Dann klappts überraschend gut.

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