Tommy Boustedt, Nachwuchschef des schwedischen Verbandes und ehemaliger Nationaltrainer, coacht in seiner Freizeit ein Fünftliga-Team.
foto: bajen fans hf
Nicht jeder Klub im Unterhaus verfügt über eine Halle. Den Fans weiß das eine oder andere Auswärtsspiel im Freien jedoch zu gefallen.
foto: bajen fans hf
Exakt 4.895 Zuschauer kamen im Vorjahr zum letzten Heimspiel der Saison.
Im Süden Stockholms haben Fans ihren traditionsreichen Klub gerettet und strömen heute zahlreich zu den Fünftliga-Spielen von "Bajen Fans Hockey". Ein romantischer Ausflug in unserem Eishockey-Blog.
AFC Wimbledon, Austria Salzburg, FC United of Manchester - im Fußball gibt es sie, die Beispiele für Klubs, die durch Fans, die ihren Verein irgendwo in den Weiten des kommerzialisierten Sports verloren haben, neu- oder wiedergegründet wurden. Im Eishockey sind solche Exemplare noch rarer gesät, eines findet sich im Süden von Stockholm, wo die von Anhängern entwickelte Reinkarnation eines Traditionsklubs knapp 5.000 Zuschauer anzieht - in der sechsten Liga!
Eine Stadt, drei Klubs Spätestens seit diesem Sommer befindet sich das Stockholmer Eishockey wieder im Aufwind. War die Elitserien in der letzten knappen Dekade von Vereinen aus den ländlichen Gegenden Schwedens geprägt, so konnte sich Djurgården im Vorjahr sensationell bis ins Finale spielen, mit Aufsteiger AIK spielt heuer außerdem ein zweiter Hauptstadtklub in der höchsten Liga. Historisch betrachtet ist Stockholm in Sachen Eishockey jedoch dreigeteilt, neben den Genannten spielte in der Vergangenheit auch der Hammarby IF, beheimatet auf der Insel Södermalm, eine gewichtige Rolle. Charakteristisch für alle drei Klubs ist, dass es sich bei ihnen um klassische Dachvereine handelt, die aus bis zu 18 Sektionen in den verschiedensten Sportarten bestehen. Diese Möglichkeit, beispielsweise im Fußball, Eishockey, Bandy und Handball ein und den selben Lieblingsklub zu haben, erzeugt unter den jeweiligen Fans deutlich intensivere Bindungen, macht "den Klub" vielfach zu einem sehr präsenten Faktor im Alltag eines sportinteressierten Menschen.
Achtfacher Meister Während sich AIK und Djurgården also in der Elitserien matchen, sieht es im Eishockey für Hammarby - genannt „Bajen" - aktuell deutlich schlechter aus, was die Ligazugehörigkeit betrifft. Der achtfache schwedische Meister, ab den späten 1980er-Jahren in der zweiten Liga beheimatet, verlor Ende 2007 endgültig den Boden unter den Füßen. Die drückende Schuldenlast führte so weit, dass die Spieler selbst für die Kosten der Reisen zu den Auswärtsspielen aufkamen. Anfang 2008 konnte der Klub dann nicht mal mehr die Fixkosten für die Durchführung der Heimspiele in der Zweitliga-Relegation begleichen, man stieg freiwillig ab und endete trotz letzter verzweifelter Rettungsversuche der Fans (die eine Umwandlung des Vereins in eine Aktiengesellschaft, deren Anteile bei den Anhängern liegen, anstrebten) im Konkurs.
"Selbstverständlich stellt man sich da zur Verfügung" Die Anhänger waren es auch, die nach dem Untergang ihres Klubs daran gingen, Wiederbelebungsszenarien zu entwerfen. Am 30.Juni 2008 wurde schließlich ein neuer Verein aus der Taufe gehoben, der, da Name und Logo von Hammarby aufgrund des Konkurses für drei Jahre gesperrt waren, kurzerhand nach der größten Supporter-Organisation benannt wurde - "Bajen Fans Hockey" war geboren. Fans mit Unterhaus-Eishockey-Erfahrung stellten sich als Spieler und Funktionäre zur Verfügung, etliche Helden vergangener Tage, deren Lebensalter teilweise schon mit der Ziffer fünf begann, halfen ebenso mit - auch als Aktive. 250 besangen das bunt gemischte Team beim ersten Training, zum ersten Spiel strömten 1.400 Menschen in eine eigentlich für 1.000 Zuseher zugelassene Halle. Dafür, dass der aus der Fanszene hervorgegangene Klub auch sportliche Erfolge ins Auge fassen konnte, sorgte der neue Trainer: Kein geringerer als der Nachwuchschef des schwedischen Verbandes und ehemalige Nationaltrainer Tommy Boustedt übernahm das Coaching. "Ich bin von Kindesbeinen an Hammarby-Fan, der Verein hat mir viele glückliche Momente beschert. Nun hatte der Klub Probleme und da ist es selbstverständlich, dass man etwas zurückgibt, sich zur Verfügung stellt", sprach er und führte das Team mit nur einer Niederlage souverän zum Titel in der sechsten Liga. Dem letzten Saisonspiel wohnten im alt-ehrwürdigen Hovet unglaubliche 4.200 Fans bei.
Rückkehr zu den Wurzeln Den Titelgewinn hat der Klub im Vorjahr wiederholt, in der letzten Partie der Saison kratzte man sogar an der 5.000-Zuschauer-Grenze. 2010/11 wird man nun in der fünften Liga spielen, wieder sind ehemalige Hammarby-Legenden neu zum Team gestoßen, beispielsweise der Ex-Innsbrucker Johan Molin, der 02/03 Torschützenkönig in Österreich und im Vorjahr noch Profi in England und Norwegen war. Das Ziel des Klubs ist die möglichst schnelle Rückkehr in die zweite Liga, dabei wird allerdings auch auf die nachhaltige Entwicklung geachtet: Nach der Einführung einer eigenen Hockeyschule für ganz Junge schickt man heuer auch erstmals wieder Nachwuchsmannschaften in die Meisterschaften der diversen Altersklassen. Im Frühjahr 2011 läuft die konkursbedingte Sperre von Namen und Logo aus, dann soll "Bajen Fans Hockey" wieder in Hammarby umbenannt werden. Dass Tradition nicht die Anbetung der Asche, sondern vielmehr das Weitertragen der Flamme ist, hat der Anhänger-Verein aus dem Süden Stockholms in den letzten Jahren damit eindrucksvoll bewiesen. Es waren die Fans, die eine Konstruktion für eine Übergangslösung gefunden haben und so einen der geschichtsträchtigsten Klubs des Landes nicht nur am Leben erhielten, sondern seiner Entwicklung auch eine neue Dynamik verliehen. (derStandard.at 24.9. 2010)
16-minütiges Privatvideo zum letzten Saisonspiel im ersten Jahr des Vereinsbestehens. Speziell ab ca. 3:30 kann traditionellem schwedischem Liedgut gelauscht werden. ;)
Hannes Biedermann bloggt zum nationalen und internationalen Eishockey. Der gelernte Politikwissenschafter hat sein Hobby mittlerweile zum Beruf gemacht und arbeitet als Scout und Berater für in- und ausländische Klubs.
Für die am Freitag beginnende Eishockey-WM hat sich Österreich nicht qualifiziert, eine junge Kärntnerin ist in Helsinki dennoch mittendrin. Ein Gespräch mit Kristina Koch
Teamchef Viveiros hat in den ersten sieben Monaten seiner Amtszeit nicht alles richtig gemacht, das Nationalteam dennoch gute Erfolgschancen. Der WM-Check in unserem Eishockey-Blog
Nach drei Finalspielen und einer Linzer Führung zieht unser Eishockey-Blog erste Schlüsse und identifiziert die Faktoren, auf die es in den nächsten Begegnungen ankommt.
Als sich heuer ein EBEL-Klub seinen Gegner im Viertelfinale quasi aussuchte, war der Aufruhr groß. Wenig spricht dagegen, dies zukünftig generell so zu regeln
der bericht selbst gefäält mir auch sehr gut doch der erste absatz is rein dazu da und zu fischen.
die vereine die aufgezählt wurden sind wirklich dem kommerz schuldig geworden, aber nicht so der eishockey verein der wegen keinem geld mehr weiterleben konnte, da liegt wohl ein großer unterschied.
Ich würd da eher Vereine wie Pauli und Union Berlin nennen auch wenn diese dem Konkurs noch entgangen sind aber nur mit hilfe der fans.
Ich wuerd' mir ein bisschen mehr Enthusiasmus in den NHL-Arenen wuenschen, wie er zB im Video gezeigt wird, das was in Schweden teilweise abgeht ist sensationell, darum sind auch dort meine 2. liebste(n) Liga(en).
Gutes Hockey, tolle Fans, tolles Land und schoene Frauen, was will man(n) mehr?
Danke fuer die Serie, gut recherchiert, gut verfasst, einfach grandios, hoffentlich bleiben Sie dem Standard noch lange erhalten.
Austria Salzburg hier als Beispiel anzufügen ist echt ein wenig armselig.
Kann der Standard irgendwann sachliche Kritik an RBS üben und nicht immer diese subtilen Andeutungen an den Mann bringen.
Was reg ich mich eigentlich auf Sie werdens ja doch nicht lernen auch mal andere Meinungen zu akzeptieren.
im hockey wird es nicht möglich sein, daß eine 3. klassige mannschaft einen regierenden meister deutlich dominiert und diesen heimschickt.
da wäre der klassenunterschied zu groß, wahrscheinlich haben aber profihockeyspieler auch eine komplett andere einstellung zu ihrem sport als die verzärtelten badkicker.
diese marketingkonstrukt nicht zu erwähnen passt schon, der standard ja auch kein geld dafür dieses gesöff zu bewerben.
danke für den bericht, wenn ich das nächste mal in schweden bin werd ich versuchen mir ein hammarby match anzusehn.
Genau schlechter Fußball nur das man in 5 Jahren nie schlechter als 2er war.... keine Fans sieht man an Zuseherzahlen(2 meisten).... EL 6 Siege in 6 Spielen letztes Jahr....
Dieser Beitrag ist namentlich gekennzeichnet, spiegelt also die Einschätzung des Autors (und nicht "des Standards", wer auch immer das sein mag) wider. Auch nach mehrmaligem Durchlesen erschließt sich mir nicht, wo in diesem Artikel (Thema: ein schwedischer Fünftligist im Eishockey) "unsachliche Kritik an RBS" zu finden sein soll. Sorry.
Im Übrigen ist 'Crunch Time' ein Eishockey-Blog und dementsprechend gibt es für Beschwerden zu den groooßen Ungerechtigkeiten in der weiten und sicher äußerst spannenden Welt des österreichischen Klub"fußballs" wohl bessere Adressen. Danke.
es geht im ersten absatz um fankultur am beispiel von drei vereinen. es geht nicht darum, daß die vereine so bewundernswert wären oder alle 894.352.876.467 anderen vereine nicht so toll wären oder einer der 894.... ganz besonders untoll wäre. rbs hast ausschließlich du hier ins spiel gebracht
als dieses salute von rbs find ich schon sehr gut, das macht auch spass und ich schau dort mittlerweile seit einigen jahren zu und hab immer gutes hockey gesehen, auch wenns ende august ist.
nur das geldhineinpumpen in unterklassige ligen (ebel, bundesliga) versteh ich nicht so wirklich. no na kauft viel geld meistertiteln. aber deswegen wird der pg in sbg auch nicht schöner, wenn man sich noch 10 meisterflaggen aufhängt, aber trotzdem das publikum ausbleibt...
Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.
Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.
Bitte geben Sie eine E-Mail-Adresse an.
Aktualisierung Ihrer E-Mail-Adresse
Ihre aktuelle und korrekte E-Mail-Adresse ist Voraussetzung für alle Benachrichtigungen, die Sie von derStandard.at erhalten (z.B. Antworten auf Ihre Postings, Hilfe bei vergessenem Passwort). Zusätzlich werden Sie Ihre E-Mail-Adresse künftig für das Login benötigen.
Daher bitten wir Sie um eine kurze Überprüfung und Bestätigung Ihrer E-Mail-Adresse. Ihre E-Mail-Adresse wird dadurch nicht für Dritte sichtbar!
Die von Ihnen angegebene E-Mail-Adresse ist bereits mit einem anderen Account verknüpft. Bitte geben Sie eine andere E-Mail-Adresse an.
Diese E-Mail-Adresse ist leider ungültig. Bitte verwenden Sie eine dauerhafte E-Mail-Adresse!
Eine E-Mail-Adresse kann nicht für mehrere Accounts verwendet werden!
Aktualisierung Ihrer E-Mail-Adresse
Danke für die Bestätigung Ihrer E-Mail-Adresse. Es wurde ein Bestätigungslink an die angegebene Adresse gesendet.
Aktualisierung Ihrer E-Mail-Adresse
Ein unbekannter Fehler ist aufgetreten. Die E-Mail konnte nicht gesendet werden. Bitte versuchen Sie es noch einmal.