Film-Analyse "Jud Süß – Film ohne Gewissen": Die Erinnerung im Jetzt

24. September 2010, 17:41
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Oskar Roehlers "Jud Süß - Film ohne Gewissen" erzählt von der Entstehung eines berüchtigten NS-Hetzfilms aus dem Jahr 1940

Wie schlägt er dabei eine Brücke zur Gegenwart? Eine Analyse von Täter- und Opferbildern.

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Erinnerung findet ihr Territorium in der Fiktion. Sie deutet aus, wandelt ab, verfährt rhapsodisch. Sie am Faktischen zu messen, verfehlt ihren Kern. Sie als Willkür auszuweisen, ist politisch bedenklich. Erinnerung legt Zeugnis ab, sie ruft zu Verantwortung auf. Im amerikanischen Exil erinnert sich Lion Feuchtwanger an fünf Schauspieler, die in Bühnenbearbeitungen seines Romans Jud Süß gespielt hatten. Die Erinnerung hat ein Film ausgelöst, in dem genau dieselbe Gruppe von Schauspielern mitwirkt: Jud Süß von Veit Harlan aus dem Jahr 1940. Feuchtwanger schreibt ihnen einen offenen Brief: "Sie haben, meine Herren, aus meinem Roman ,Jud Süß‘ mit Hinzufügung von ein bisschen ,Tosca‘ einen wüst antisemitischen Hetzfilm im Sinne Streichers und seines ‚Stürmers‘ gemacht."

Hauptdarsteller von Harlans Film ist Ferdinand Marian. Seine Biografie bietet die Basis für den Plot von Jud Süß - Film ohne Gewissen, der freizügig um Handlungsteile und Figuren ergänzt wird. Ein Film über die Entstehung eines Filmes, der ein historisches Ereignis als rassentheoretisches Paradigma mit überzeitlicher Gültigkeit inszenierte. Goebbels notierte zu Jud Süß, er wäre ein antisemitischer Film, wie "wir" ihn uns nur wünschen könnten. Wie die Fiktionalisierungen über die Mitwirkenden am Ursprungsfilm ausfallen, wie Erinnerung in die Gegenwart führt, kann man seit gestern im Kino verfolgen.

Oskar Roehlers Film gibt sich historisch. Er sucht Kontinuität und kündigt sie nach Belieben auf. Kino gilt ihm als spekulativer Schauwert. Doch auch hier führen historische Bezugnahme und Erinnerung zwangsläufig in die Gegenwart. Goebbels gibt den allmächtigen Strippenzieher. Als episches Subjekt, das nahezu jede Handlung zu beeinflussen in der Lage ist, fungiert er als Entlastung für alle anderen Beteiligten. Während die Deutschen in Filmen wie Der Untergang als kollektives Opfer eines verrückten Führers dargestellt werden, sind es hier die Kunstschaffenden, die - ob sie wollen oder nicht - Opfer des allmächtigen Propagandaministers werden. Durch diese Überhöhung von Goebbels, kombiniert mit den Geschichtsfälschungen, die der Plot vornimmt, wird Jud Süß - Film ohne Gewissen zum Verteidigungsplädoyer für Ferdinand Marian. Analog dazu, dass Marians österreichische Heimat bis heute von vielen als erstes Opfer der Nazis verklärt wird, wird der von Tobias Moretti gespielte Jud Süß-Darsteller in Roehlers Film zum ersten, symptomatischen Opfer der NS-Kulturpolitik.

Auch in der Darstellung weiblicher NS-Täterinnenschaft schlägt sich die Brücke von der Geschichte in die Gegenwart. Das im Haus Marian angestellte Dienstmädchen Britta ist ungewöhnlich schön, blond und kaltblütig. Neben ihrer Affäre mit Marian führt sie eine Beziehung mit dem SA-Mann Lutz, dem sie verrät, dass die Marians den für den Film frei erfundenen jüdischen Schauspieler Adolf Wilhelm Deutscher in ihrem Gartenhaus versteckt halten. Er wird daraufhin verhaftet und ins Warschauer Ghetto deportiert.

Gerade in neueren filmischen und literarischen Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus spielen verbrecherisch handelnde Frauen eine immer bedeutendere Rolle, denkt man etwa an die KZ-Aufseherin Hanna in Der Vorleser nach dem Roman von Bernhard Schlink. Allerdings existiert Täterinnenschaft sowohl in künstlerischen Repräsentationen der NS-Verbrechen als auch im kollektiv-historischen Gedächtnis in verzerrter Form. NS-Täterinnen sind von einer Aura aus Exzess, Verführung und Sünde umgeben. So wird das Verbrechen der Shoah ins Exotische gerückt. Täterinnen werden als besonders grausam, ausschweifend und sexuell hörig in Szene gesetzt - kurz: als psychisch angeschlagen und damit als schuldunfähig.

Dabei wird nie vergessen, ihre geschlechtsspezifischen und ökonomischen Abhängigkeiten zu betonen. Roehler erfüllt jedes dieser Klischees. Im Mittelpunkt steht nicht das Leid, das Britta durch ihre Denunziation Deutscher zufügt, sondern der Verrat an der Familie Marian. Über Britta wird "Schuld" zur Privatsache erklärt und in eine melodramatische Beziehungskiste verwandelt. Ihre niedrige soziale Stellung liefert die Entschuldigung gleich nach, wenn wir sie in einem geraubten Pelzmantel kommandierend bei einer Abführung von Jüdinnen und Juden erleben. Jud Süß - Film ohne Gewissen reproduziert somit die gängigen Stereotype von Täterinnenschaft, die immer noch als abweichend von "weiblichem" Verhalten erinnert wird. Die Inszenierung von NS-Täterinnen im Film ohne Gewissen dient so zur Entlastung einer ganzen Generation.

Opfer und Täter sind - so suggeriert der Film - auch die Überlebenden der nationalsozialistischen Vernichtungslager. Roehler inszeniert sie am Ende des Films als wohlgenährte Gangsterbande. Eingetaucht im Dunkel der Nacht, verfluchen die nebulösen Gestalten Marian und schlagen ihn zusammen. Gerettet wird er schließlich von einem amerikanischen GI, der die Bande davonkommen lässt, da einer von ihnen seine Identitätskarte zückt, die ihn als Juden ausweist. Eine Vielfalt möglicher Interpretationen eröffnet sich. Die Szene könnte etwa so gelesen werden, dass sich nach 1945 ein Bündnis aus rachesüchtigen Überlebenden und amerikanischen Besatzungssoldaten formiert habe, das Angst und Schrecken unter den ohnehin einsichtigen Alt-Nationalsozialisten verbreitet hätte. Die amerikanische Besatzung decke demnach gewaltbereite Juden. Zugleich erhält Marian, laut Film ein armer, trinkender, gescheiterter Schauspieler, mit der Verprügelung seine Sühne. Täter werden zu Opfern. Über die Frage, ob der Film antisemitisch ist, lässt sich streiten. Dass er eine antisemitische Rezeption zulässt, liegt jedoch auf der Hand.

Die Unschärferelation zwischen Tätern und Opfern bestätigt sich faktisch für die Beteiligten des Jud Süß-Films von 1940. Neun Jahre später wird Veit Harlan aus dem Gericht getragen - auf den Schultern jener, deren "Verführung" er beschuldigt wurde. Harlan war angeklagt, mit der Regie von Jud Süß Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben. Er wurde freigesprochen, stand aber laut eigenen Aussagen den Rest seines Lebens im Schatten von Jud Süß. Der Film selbst wurde schuldiggesprochen, ein wesentliches Werkzeug zur Manipulation der Bevölkerung gewesen zu sein. Nach seiner Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig 1940 machten ihn über 20 Millionen ZuschauerInnen zu einem der erfolgreichsten Filme der NS-Zeit.

Die Folgen für die Beteiligten waren durchwachsen: Berufsverbot für Werner Krauss, danach Träger des Iffland-Rings. Harlans Hauskameramann Bruno Mondi bekam nach Ende des Zweiten Weltkriegs rasch wieder Arbeit bei der DEFA, dem "volkseigenen" DDR-Filmstudio, später führte er die Kamera beider berühmten Sissi-Trilogie. Heinrich George verstarb in Gefangenschaft der Sowjetunion im Speziallager 7, dem ehemaligen KZ Sachsenhausen. Ferdinand Marian wurde wie Krauss 1945 mit Berufsverbot belegt und kam 1946 vor dessen vorzeitiger Aufhebung angetrunken bei einem Autounfall ums Leben. Ein Brandherd der Erinnerung. (ALBUM/DER STANDARD - Printausgabe, 25./26. September 2010)

Der Text entstand im Rahmen der Seminare "Harlan/Harlan I+II" am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.

AutorInnen: Daniela Berner, Elisabeth Büttner, Ruth Grabner, Markus Lehner, Stefan Putz und Florian Wagner.

  • Reenactment eines Propagandafilms (v. li.): Veit Harlan (Justus von 
Dohnányi), Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu) und Ferdinand Marian 
(Tobias Moretti).
    foto: thimfilm

    Reenactment eines Propagandafilms (v. li.): Veit Harlan (Justus von Dohnányi), Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu) und Ferdinand Marian (Tobias Moretti).

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