Schule

ÖVP will Leistungsgruppen auch in Gymnasien

Lisa Aigner, 27. September 2010, 10:34

Die Volkspartei argumentiert mit dem Leistungsgedanken - Schulexperte Ferdinand Eder hält die Argumentation der ÖVP für "Schwachsinn"

"Ein klares Nein zur Gesamtschule. Ich will nicht nur weiterhin Leistungsgruppen in der Hauptschule, sondern auch in den Gymnasien!" Das rief Christine Marek, Spitzenkandidatin der Wiener ÖVP beim Wahlkampfauftakt ihren Anhängern entgegen. Der Applaus war ihr sicher. 

Im Programm der Wiener ÖVP heißt es, dass die Chancengleichheit in der Bildung nicht dadurch erreicht werden kann, dass Unterricht für "Kinder mit den unterschiedlichsten Leistungsspektren völlig undifferenziert gemeinsam in einer Klasse unterrichtet werden". Dies würde eine "Nivellierung nach unten" bedeuten. "Es braucht eine umfassende Individualisierung in Form von Leistungsgruppen sowohl für die Hauptschule als auch für das Gymnasium".

Experte:"Modell der Leistungsgruppen nicht mehr zeitgemäß"

Ferdinand Eder, Co-Autor des Nationalen Bildungsberichtes, ist im derStandard.at-Gespräch von diesem Vorschlag nicht begeistert. Er hat schon mehrmals die Abschaffung der Leistungsgruppen an den Hauptschulen in ihrer jetzigen Form vorgeschlagen. "Das Modell der Leistungsgruppen ist nicht mehr zeitgemäß", sagt der Leiter des Instituts für Erziehungswissenschaften an der Uni Salzburg. Eigentlich sei das System der Leistungsgruppen als Fördersystem gedacht gewesen. "Im Laufe der Schulkarriere sollte eine Bewegung nach oben stattfinden. Es hat sich aber gezeigt, dass das eine Fixeinstufung ist und so gut wie keine Aufstufungen stattfinden, es gibt wesentlich mehr Abstufungen", so Eder.

Auch aus dem von Claudia Schmied (SPÖ) geführten Bildungsministerium heißt es, dass Schulversuche gezeigt haben, dass Hauptschulen ohne starre Leistungsgruppen zu mehr Erfolg führen. Schwächere Schüler seien in heterogenen Klassen stärker motiviert und könnten ihre soziale Kompetenz besser ausbauen, sagt die Sprecherin der Ministerin, Sigrid Wilhelm, zu derStandard.at.

ÖVP: "Ohne Leistungsgruppen mehr Druck"

Die ÖVP Wien sieht das anders. "Die Leistungsgruppen in den Hauptschulen haben immer gut funktioniert, deshalb wollen wir sie weiter haben", erklärt Beate Meinl-Reisinger aus der politischen Abteilung der Wiener Volkspartei im Gespräch mit derStandard.at. Eine Klasse ohne Leistungsgruppen würde dazu führen, dass sich schwächere Schüler stark unter Druck gesetzt fühlen. "Sie müssen sich mit den stärkeren Schülern messen. Das ist nicht gut", argumentiert Meinl-Reisinger.

Schwächere als "Drittgruppisten" abgeschrieben

"Das ist, möchte ich beinahe sagen, ein ziemlicher Schwachsinn", entgegnet Erziehungswissenschaftler Eder. Untersuchungen hätten gezeigt, dass Schüler der dritten und damit letzten Leistungsgruppe von Klassenkameraden und manchmal auch von Lehrern als "Drittgruppisten" beschimpft würden. "In der dritten Leistungsgruppe ist man einer dauerhaften Diskriminierung ausgesetzt. Das wirkt sich auch auf das Selbstbild der Schüler aus", so Eder. Er hält das System in Gymnasien, wo Schüler zwar auch über die Leistungen der Kollegen Bescheid wüssten, für erträglicher. Die Jugendlichen würden dort nicht dauerhaft einer gewissen Gruppe zugeordnet, weil jeder in einem Fach besser und in einem anderen schlechter sei. "Ich fände es angesichts der bekannten Mängel perfid, wenn man dieses System auch in die AHS bringt.

ÖVP gegen "heterogene Klassen"

Meinl-Reisinger erklärt, dass die ÖVP keineswegs Leistungsgruppen für untere Niveaus plane. Vielmehr solle eine Gruppe für besonders begabte Schüler eingeführt werden. Dies könne beispielweise mit einem Kurssystem und klassenübergreifend passieren. "Unser Ziel ist es, dass die Begabten mehr gefördert werden. Heterogene Klassen funktionieren in der Praxis nicht. Der Lehrer orientiert sich an den Schwächeren. Die Begabten sollen nicht in der Klasse sitzen und sich fadisieren", sagt Meinl-Reisinger.

Eder findet eine zusätzliche Förderung der leistungsstärkeren Schüler nicht angemessen. "Allgemein hat die Erfahrung gezeigt, dass leistungsfähigere Schüler sich leichter tun, sich für etwas zu interessieren. Hochleistungsorientierte brauchen viel weniger externe Stimulierung. Die Motivation muss eher bei Leistungsschwachen geweckt werden", sagt er. Für Eder ist es zwar nicht erwiesen, dass bessere Schüler von schwächeren lernen. Umgekehrt sei es jedoch ein Faktum, dass weniger gute Schüler von leistungsstärkeren profitieren. "Es hat sich gezeigt, dass die Leistungen eines Schülers besser sind, je höher er eingestuft ist."

Leistungsgruppen nach dem Zufallsprinzip

Zudem hätten Untersuchungen ergeben, dass die Einstufung in Leistungsgruppen eher nach dem Zufallsprinzip stattfindet. Die Überschneidungen zwischen den Gruppen seien sehr groß und es gäbe Schüler in niedrigen Leistungsgruppen, die sogar auf eine AHS gehen könnten. 

Der Schulexperte schlägt deshalb statt den Leistungsgruppen eine innere Differenzierung vor, wie es bereits im Nationalen Bildungsbericht dargelegt wird. Demnach würde eine Klasse manchmal gemeinsam und manchmal in Gruppen unterrichtet. Die Trennung solle dann aber nicht nach Leistungsniveau, sondern nach Interesse stattfinden. "Dadurch können sich die Schüler in ein Thema vertiefen, ohne dass eine dauerhafte Zuordnung stattfindet", sagt Eder.

Ob der Vorschlag der ÖVP ein solches System sein könnte, bleibt fraglich. Meinl-Reisinger kann noch keine detaillierten Angaben zum Vorschlag der ÖVP machen. Aus dem Wahlprogramm geht jedoch hervor, dass wenn es nach der ÖVP geht, die "unterschiedliche Leistungsspektren" der Schüler ihren Niederschlag finden müssen. "Wir lehnen die mangelnde Differenzierung ab", so Meinl-Reisinger. (Lisa Aigner, derStandard.at, 27.9.2010)

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Frico
00
20.11.2010, 18:52

Eines hat die ÖVP mit dieser Diskussion geschafft: Niemand sprich momentan von den grenz.ebilen FPÖlern. Die Schwarzen haben der blauen Truppe in der Zwischenzeit den Rang abgelaufen. Bin schon neugierig, wie der "Deal" aussehen wird? Gesundheitsreform gegen Bildungsreform. Halleluja - der Wahnsinn kennt keine Grenzen und wir zahlen diese Typen auch noch!!

snufkin
00
20.11.2010, 12:07

Die sind ja schon völlig realitätsfern. Ignorieren sämtliche Studien, die besagen, was bessere Bildung wirklich ausmacht.

videoopa
00
21.10.2010, 15:44
die ewiggstrige neugebauersche ÖVP:

so streiten sie um mehr Macht und Geld
statt endlich nachzudenken was die Kinder brauchen, dem Alter gemäß und ihrem aktuellen Entwicklungsstand gemäß- und nicht eine uniforme Ware aus einem politisch indoktrinierten Bildungsregal in einem Landesparteihaus !
ALSO endlich den Bildungsgutschein her und freie selbstverwaltete Schulen mit Personalhoheit und Methodenfreiheit und geeigneten Leistungsnachweisen mit verbalen Beurteilungen und menschenwürdigen Rahmenbedingungen -wie z.B. in tausenden Waldorfschulen weltweit bewährt und noch dazu um 30% kostengünstiger wie bewiesen.
Die Angst vor freien Schulen und Universitäten der derzeitigen Politiker ist deutlich zu sehen-Angst ist aber für die Zukunft ein schlechter Berater!

ride my pimp
00
4.10.2010, 11:54

was kommt als nächstes? leistungsgruppen an der uni?

leckbuckl
00
2.10.2010, 20:13
wenn schon Leistungsgruppen in Gymnasien...

dann auch Integration von SPF- schülern im Gymnasium!

Wolfi 74
03
30.9.2010, 20:07
Innere Differenzierung ?

Es hat mir noch nie jemand erklären können, wie das mit der inneren Differenzierung wirklich funktionieren soll. Je inhomogener die Lerngruppe, desto schwieriger bzw. unmöglicher wird ein "passender" Unterricht für jeden einzelnen, je homogener die Lerngruppe desto größere Lernfortschritte lassen sich erzielen - dieses Prinzip ist beim Sport, in der Erwachsenenbildung, bei Sprachschulen etc. völlig klar und jedem einsichtig. Nur in der Schule soll es anders sein?

ML85
00
30.9.2010, 19:39
"Schwachsinn" im Wandel der Zeiten

Ferdinand Eder scheint ein bisschen wankelmütig zu sein... siehe
http://tinyurl.com/3585dvx
;-)

ride my pimp
00
4.10.2010, 11:57

die sog. "erziehungswissenschafter" (an und für sich schon ein holler, denn erziehung ist keine wissenschaft) der universität salzburg drehen sich wie die fähnchen im wind auf der feste hohensalzburg

Martin Wöber
01
30.9.2010, 19:37
Schwachsinn

Der einzige, der Schwachsinn verzapft, ist Eder selbst. Das Nachplappern ideologisch motivierter, jeder Erfahrung widersprechender Behauptungen, die man in der Wissenschaft bestensfalls mitleidig belächelt, bringt uns nicht weiter.

Es wäre der Sache geholfen, wenn Eder die von ihm zitierten Beobachtungen zunächst kritisch zu hinterfragen, aber dann auch richtige Schlüsse aus ihnen zu ziehen bereit wäre.

Frico
00
20.11.2010, 19:00

Und der Martin Wöber ist sich sicher: Der Experte hat keine Ahnung, reisst das Maul nur zum Nachplappern ideologisch motivierter Bemerkungen auf und der "Schatz im Silbersee" Leser ist nicht nur ein Gesundheitsexperte sondern auch ein Guru der Bildungspolitik und was weis ich, was der sonst noch alles ist.

Ein wirklich logischer Ansatz!

Helmut Gaul
20
30.9.2010, 18:00
hui

was für ein wundervoller vorschlag einer mitten im bildungswesen stehenden. mir wird kotzübel. eine seite: angeblich sind alle schülerInnen einer ahs überdurchschnittlich intelligent und werden von den besten (sie halten sich zumindest dafür) pädagogInnen des universums unterrichtet. sohin der vorschlag absolut ins leere zielt. andere seite: sämtliche studien über die leistungen unserer kinder sind in die richtung weisend, dass unser bildungssystem mehr als krankt.
dazu soll nun noch eine weitere, sehr kranke idee beitragen, die bildung des nachwuchses noch mehr zu "vertiefen"?
es kann nur eine lösung geben: keine leistungsgruppen, flächendeckende gesamtschule mit ENGAGIERTEN pädagogInnen. und endlich EINE form der ausbildung der lehrerInn

Von Vielen
 
11
30.9.2010, 10:40

"...es gäbe Schüler in niedrigen Leistungsgruppen, die sogar auf eine AHS gehen könnten."

Gymnasium == Hauptschule, zumindest in Wien...

posaunist
00
19.11.2010, 19:20
gymnasium(wien) < hauptschule(hintertupfig)

immofuchs
00
30.9.2010, 09:35
don´t drink and speak

Debby2
12
30.9.2010, 09:29
Progressivität ist ihnen wohl ein Fremdwort, oder?

Statt über neue Schulmethoden und Bildungssystem zu beraten und sich an einen runden Tisch gemeinsam mit ALLEN Parteien zu setzen, stellt sich die ÖVP mal wieder taub.
Statt zu überlegen wie man sozialer Selektion entgegen wirken kann, machen sie statt einen Schritt vor, erneut einen zurück. Leistungsgruppen in einer AHS-Oberstufe ist purer Schwachsinn.
Zentralmatura, aber gleichzeitig auch Leistungsgruppen? Bekommen dann Schüler_innen in der Leistungsgruppe 2 eine leichtere Matura als die in der 1? Was ist dann daran wieder zentral?
Man kann der ÖVP hier nur gratulieren über ihr inovatives und progressives Programm bezüglich der Bildung in Österreich

Martin Wöber
20
30.9.2010, 19:40
Es ist wohl genau umgekehrt

Die einzigen, die sich sowohl untereinander als auch nach außen hin an vielen runden Tischen in einer sachlichen und kompetenten Weise zu Bildungsfragen zusammensetzen, sind die der ÖVP Nahestehenden.

Nur irgendetwas zu behaupten, um sich damit zu profilieren, macht noch lange keinen Experten.

schreäg
 
00
29.9.2010, 11:23
Werte statt Elite

Wie wärs mal wenn man statt immer auf einen Notendurschnitt zu setzen, mehr in die psychologische Entwicklung investiert und auch endlich durch greift. Begeistern Sie die Schüler und Sie können womöglich alle dasselbe Bildungsnievau erreichen. Suchen Sie die Begabungen der einzelnen Schüler. Gehen Sie auf Probleme im Alltag, mit Eltern, werden Sie endlich Humaner. Lehrer sein heißt nicht zu erziehen.

Aber keine Sorge liebe Politiker, der neue Internetmensch wird Ihnen schon das Bein stellen.

Soulman
00
29.9.2010, 18:02
"können womöglich alle dasselbe Bildungsnievau erreichen"

So ein naiver Schwachsinn - in keinem ziviliserten Land der Welt wird auf so einem Niveau überhaupt diskutiert.

Es können natürlich nie alle denselben Bildungslevel erwerben. Muss man das wirklich noch näher erklären??

natural born runner
10
28.9.2010, 19:43

Die ÖVP-Wien ist nicht "die" ÖVP!

David-Lauritz
03
28.9.2010, 15:50
Roter Proporz-"Experte"

Wer glaubt, dass der Proport nur die Schulen betrifft und auf der Uni aufhört irrt gewaltig. Herr Eder ist ein schönes Beispiel dafür:

Über die Qualifikation eines Wissenschaftlers gibt der Social-Science Citation Index auskunft (SSCI). Herr Eder verfügt darin über 2! Publikationen aus den Jahren 1987 und 1988, die zusammen genau 2 mal zitiert werden. Kein Graduate-Student bekommt damit in den USA eine Anstellung an einer Universität.

Jetzt wissen wir, warum er gegen Leistung ist, weil würde Leistung zählen, könnte er sich jetzt nicht als "Experte" aufspielen.

Doper
11
28.9.2010, 16:16
Hier von Proporz zu sprechen hieße, dass es unfähr gleich viele Bildungsexperten auf schwarzer Seite geben müsste.

In Österreich wird man aber fast nur zum Bildungsexperten, wenn man sich rot oder grün outet.

David-Lauritz
01
28.9.2010, 16:31
Richtig!

Sagen wir so: Auf einen schwarzen Jusler kommt ein roter Pädagoge.

Doper
10
28.9.2010, 16:47
Könnte hinkommen.

Luigi Blue
21
28.9.2010, 14:35
Schwarzer Schwachsinn

Jetzt tragen sie Ihren jahrzehnte alten Schwachsinn in die Erneuerung der Schule hinein anstatt diese ideologischen Ausscheidungen endlich am Fäkalienhaufen der Geschichte zu entsorgen.

Haben die wirklich nichts anderes in ihrem Ideenfundus als diesen Müll?

Luigi

el peregrino
01
28.9.2010, 12:38
leistungsgruppen bitte auch bei politikern

womit wohl 80% bloßgestellt würden...

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