Die Volkspartei argumentiert mit dem Leistungsgedanken - Schulexperte Ferdinand Eder hält die Argumentation der ÖVP für "Schwachsinn"
"Ein klares Nein zur Gesamtschule. Ich will nicht nur weiterhin Leistungsgruppen in der Hauptschule, sondern auch in den Gymnasien!" Das rief Christine Marek, Spitzenkandidatin der Wiener ÖVP beim Wahlkampfauftakt ihren Anhängern entgegen. Der Applaus war ihr sicher.
Im Programm der Wiener ÖVP heißt es, dass die Chancengleichheit in der Bildung nicht dadurch erreicht werden kann, dass Unterricht für "Kinder mit den unterschiedlichsten Leistungsspektren völlig undifferenziert gemeinsam in einer Klasse unterrichtet werden". Dies würde eine "Nivellierung nach unten" bedeuten. "Es braucht eine umfassende Individualisierung in Form von Leistungsgruppen sowohl für die Hauptschule als auch für das Gymnasium".
Experte:"Modell der Leistungsgruppen nicht mehr zeitgemäß"
Ferdinand Eder, Co-Autor des Nationalen Bildungsberichtes, ist im derStandard.at-Gespräch von diesem Vorschlag nicht begeistert. Er hat schon mehrmals die Abschaffung der Leistungsgruppen an den Hauptschulen in ihrer jetzigen Form vorgeschlagen. "Das Modell der Leistungsgruppen ist nicht mehr zeitgemäß", sagt der Leiter des Instituts für Erziehungswissenschaften an der Uni Salzburg. Eigentlich sei das System der Leistungsgruppen als Fördersystem gedacht gewesen. "Im Laufe der Schulkarriere sollte eine Bewegung nach oben stattfinden. Es hat sich aber gezeigt, dass das eine Fixeinstufung ist und so gut wie keine Aufstufungen stattfinden, es gibt wesentlich mehr Abstufungen", so Eder.
Auch aus dem von Claudia Schmied (SPÖ) geführten Bildungsministerium heißt es, dass Schulversuche gezeigt haben, dass Hauptschulen ohne starre Leistungsgruppen zu mehr Erfolg führen. Schwächere Schüler seien in heterogenen Klassen stärker motiviert und könnten ihre soziale Kompetenz besser ausbauen, sagt die Sprecherin der Ministerin, Sigrid Wilhelm, zu derStandard.at.
ÖVP: "Ohne Leistungsgruppen mehr Druck"
Die ÖVP Wien sieht das anders. "Die Leistungsgruppen in den Hauptschulen haben immer gut funktioniert, deshalb wollen wir sie weiter haben", erklärt Beate Meinl-Reisinger aus der politischen Abteilung der Wiener Volkspartei im Gespräch mit derStandard.at. Eine Klasse ohne Leistungsgruppen würde dazu führen, dass sich schwächere Schüler stark unter Druck gesetzt fühlen. "Sie müssen sich mit den stärkeren Schülern messen. Das ist nicht gut", argumentiert Meinl-Reisinger.
Schwächere als "Drittgruppisten" abgeschrieben
"Das ist, möchte ich beinahe sagen, ein ziemlicher Schwachsinn", entgegnet Erziehungswissenschaftler Eder. Untersuchungen hätten gezeigt, dass Schüler der dritten und damit letzten Leistungsgruppe von Klassenkameraden und manchmal auch von Lehrern als "Drittgruppisten" beschimpft würden. "In der dritten Leistungsgruppe ist man einer dauerhaften Diskriminierung ausgesetzt. Das wirkt sich auch auf das Selbstbild der Schüler aus", so Eder. Er hält das System in Gymnasien, wo Schüler zwar auch über die Leistungen der Kollegen Bescheid wüssten, für erträglicher. Die Jugendlichen würden dort nicht dauerhaft einer gewissen Gruppe zugeordnet, weil jeder in einem Fach besser und in einem anderen schlechter sei. "Ich fände es angesichts der bekannten Mängel perfid, wenn man dieses System auch in die AHS bringt.
ÖVP gegen "heterogene Klassen"
Meinl-Reisinger erklärt, dass die ÖVP keineswegs Leistungsgruppen für untere Niveaus plane. Vielmehr solle eine Gruppe für besonders begabte Schüler eingeführt werden. Dies könne beispielweise mit einem Kurssystem und klassenübergreifend passieren. "Unser Ziel ist es, dass die Begabten mehr gefördert werden. Heterogene Klassen funktionieren in der Praxis nicht. Der Lehrer orientiert sich an den Schwächeren. Die Begabten sollen nicht in der Klasse sitzen und sich fadisieren", sagt Meinl-Reisinger.
Eder findet eine zusätzliche Förderung der leistungsstärkeren Schüler nicht angemessen. "Allgemein hat die Erfahrung gezeigt, dass leistungsfähigere Schüler sich leichter tun, sich für etwas zu interessieren. Hochleistungsorientierte brauchen viel weniger externe Stimulierung. Die Motivation muss eher bei Leistungsschwachen geweckt werden", sagt er. Für Eder ist es zwar nicht erwiesen, dass bessere Schüler von schwächeren lernen. Umgekehrt sei es jedoch ein Faktum, dass weniger gute Schüler von leistungsstärkeren profitieren. "Es hat sich gezeigt, dass die Leistungen eines Schülers besser sind, je höher er eingestuft ist."
Leistungsgruppen nach dem Zufallsprinzip
Zudem hätten Untersuchungen ergeben, dass die Einstufung in Leistungsgruppen eher nach dem Zufallsprinzip stattfindet. Die Überschneidungen zwischen den Gruppen seien sehr groß und es gäbe Schüler in niedrigen Leistungsgruppen, die sogar auf eine AHS gehen könnten.
Der Schulexperte schlägt deshalb statt den Leistungsgruppen eine innere Differenzierung vor, wie es bereits im Nationalen Bildungsbericht dargelegt wird. Demnach würde eine Klasse manchmal gemeinsam und manchmal in Gruppen unterrichtet. Die Trennung solle dann aber nicht nach Leistungsniveau, sondern nach Interesse stattfinden. "Dadurch können sich die Schüler in ein Thema vertiefen, ohne dass eine dauerhafte Zuordnung stattfindet", sagt Eder.
Ob der Vorschlag der ÖVP ein solches System sein könnte, bleibt fraglich. Meinl-Reisinger kann noch keine detaillierten Angaben zum Vorschlag der ÖVP machen. Aus dem Wahlprogramm geht jedoch hervor, dass wenn es nach der ÖVP geht, die "unterschiedliche Leistungsspektren" der Schüler ihren Niederschlag finden müssen. "Wir lehnen die mangelnde Differenzierung ab", so Meinl-Reisinger. (Lisa Aigner, derStandard.at, 27.9.2010)