Aktionäre machen Weg für eine Milliarde Euro frisches Geld frei - die Hälfte kommt vom Steuerzahler
Wien - Die Aufregung im Vorfeld der Kapitalerhöhung von Österreichs größtem Stromkonzern Verbund war weit größer, als beim Aktionärstreffen am Freitag selbst spürbar war. Zwei Dutzend Vertreter von NGOs gaben vor dem Haus der Industrie am Wiener Schwarzenbergplatz, wo die außerordentliche Hauptversammlung über die Bühne ging, ihrer Sorge Ausdruck, der Verbund würde mit dem Geld die letzten intakten "Flusslandschaften Österreichs zubetonieren", wie eine Aktivistin dem Standard sagte.
Die Aktionäre wurden mit Handzetteln bedacht, auf Transparenten wurde die Frage gestellt: "510 Millionen für reichen Verbund-Konzern?" Die Antwort wurde gleich mitgereicht: "Wir SteuerzahlerInnen sagen Nein."
In dem von Architekt Karl König errichteten Haus der Industrie, ein Symbol für den Späthistorismus von Anfang des vorigen Jahrhunderts, gab es bis auf wenige kritische Einwürfe nur Lob für den Weg des derzeitigen Verbund-Vorstands. Die Zustimmung zur Kapitalerhöhung, die mit einer Milliarde Euro die größte des heurigen Jahres bleiben dürfte, fiel dann mit 99,97 Prozent auch überwältigend aus. Der Bund als 51-Prozent-Eigentümer schultert 510 Millionen Euro. "Das sind bei einer Bevölkerung von 8,5 Millionen 60 Euro, die jeder Österreicher und jede Österreicherin bereitstellen", wies ein Aktionär darauf hin, dass es sich dabei um Geld der Steuerzahler handelt. Die Wiener Stadtwerke und EVN, die ihre Anteile erst diese Woche syndiziert haben und zusammen auf einen Verbund-Anteil von 26 Prozent kommen, rechnen mit einer deutlichen Wertsteigerung ihrer Veranlagung.
Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber wies vor der Abstimmung darauf hin, dass das Geld aus der Kapitalerhöhung zur rascheren Umsetzung von Investitionsprojekten in Österreich verwendet werd - etwa für die Kraftwerksprojekte Reißeck II (beim Malta-Staudamm in Kärnten) und Limberg III (Kaprun), die nun schneller gebaut werden könnten.
In Summe sollen durch die Kapitalerhöhung, die Ende November / Anfang Dezember stattfinden dürfte, Investitionen im Gesamtausmaß von 2,5 Milliarden Euro angeschoben werden. (Günther, Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.9.2010)