Am Militärrealgymnasium herrscht Disziplin - Die Kritikfähigkeit der zukünftigen Offiziere soll trotzdem nicht zu kurz kommen
Sie exerzieren, marschieren und, das, obwohl sie erst 16 Jahre alt sind. Sie kennen die Waffen und Artillerie des österreichischen Bundesheeres, nebenbei müssen sie jedoch auch Biologie, Mathe und Englisch lernen. Das Aufstehen um sechs Uhr früh ist Alltag am Militärrealgymnasium in Wiener Neustadt. Im Internat werden derzeit 180 Schülerinnen und Schüler auf das Leben als Offizier vorbereitet. DerStandard.at sprach mit dem Kommandanten des Schulbataillons, Wilhelm Mainhart, über Uniformen im Unterricht, aufmüpfige Jugendliche und die Erziehungsmethode "Gewöhnen und Üben".
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derStandard.at: Herr Mainhart, ist Disziplin essentiell für
eine gute Erziehung?
Mainhart: Ja, unbedingt. Ich glaube, dass junge Menschen
Disziplin und vor allem Selbstdisziplin brauchen, um im Leben bestehen zu können. Wenn ich
mich heute nicht gewissen Regeln, Normen und Verhaltensweisen anpassen
kann, habe ich ein Problem. Eine wesentliche Voraussetzung für die
Selbstdisziplin ist, dass der Mensch weiß, was er tut und warum er etwas
tut. Wer Disziplin aufbringt kann den Herausforderungen des Lebens besser
begegnen, davon bin ich überzeugt.
derStandard.at: Braucht es Gehorsam beim Militär?
Mainhart: Natürlich, bis zu einem gewissen Grad. Wenn ich im
Berufsleben stehe und etwas verkaufen will, dann fordert der Kunde ja
auch, und ich gehorche. Wenn ich das nicht tue, werde ich kein Geschäft
machen. Genauso ist es im zwischenmenschlichen Bereich.
derStandard.at: Gehorsam birgt die Gefahr des Mitläufertums
und des Wegsehens bei Missständen. Würden Sie dem zustimmen?
Mainhart: Das kann natürlich sein. Unsere Absicht hier am
Gymnasium ist das genaue Gegenteil, eben nicht nach dem Motto: "Die
Meute folgt" zu erziehen. Wir wollen selbstständige und denkende Schüler.
Wenn jemandem etwas nicht passt, soll er das auch sagen, auf
entsprechende Art und Weise.
derStandard.at: Wie funktioniert das bei Ihnen an der Schule
oder im Internat?
Mainhart: Es gibt eine Internatsordnung, die die Organisation
grundsätzlich regelt: Richtlinien, Anordnungen, Tagesablaufpläne. Wenn
die Schüler daran etwas bemängeln, können sie zu mir kommen oder zum
jeweiligen Erzieher. Manche Dinge werden dann abgeändert, umformuliert,
damit alle damit leben können. Der Schüler muss aber immer Bedenken -
das ist das Wesen des Internates - er ist nicht alleine hier. Er hat
rücksichts- und respektvollen Umgang mit den anderen zu pflegen. Nur dem
eigenen Willen genüge zu tun, das ist zu wenig. Er muss auch für die
Gemeinschaft mitdenken.
derStandard.at: Worin unterscheidet sich ein militärisches
Internat von einem gewöhnlichen Internat?
Mainhart: Internate sorgen für Essen, Schlafen und Betreuung.
Bei uns läuft im Internat auch die vormilitärische Ausbildung ab:
Exerzierdienst, Formaldienst - ähnlich dem, was in einem Militär auch passiert. Unsere Schüler lernen Waffen kennen, wie man
sich draußen im Felde bewegt, wie man mit Rüstung umgeht, wie man Feuer
macht, wie man Essen zubereitet, wie man in freier Natur überleben kann.
Der Donnerstag-Nachmittag steht immer im Zeichen dieser Ausbildung.
derStandard.at: Ist es sinnvoll, schon Jugendlichen militärische
Fertigkeiten beizubringen? Ist das nicht mitunter auch gefährlich?
Mainhart: Ganz im Gegenteil. Die Kinder wollen zu uns, wissen auch
schon im voraus was sie erwartet. Sie wissen, dass sie eingeschränkter
sind als bei ihren Familien. Oft sagen die Eltern: Um Gottes willen, ich
weiß nicht warum, aber er will an diese Schule. Die Kinder reizt das
Abenteuerliche - so würd ich das Vormilitärische auch umschreiben
wollen. Es geht nicht um das "Soldat sein" - das ist ganz weit weg.
derStandard.at: Aber die Schüler laufen ja doch in Uniform herum?
Mainhart: Ja, das gehört dazu. Man lernt soldatische Tugenden wie
Disziplin, Ordnung, Sauberkeit, Kameradschaft. Ich bin felsenfest davon
überzeugt, dass die Kinder über diese Abenteuergeschichten und das
kameradschaftliche Miteinander, auch wenn sie putzen müssen, die Wäsche
waschen und bügeln müssen, Selbstständigkeit lernen. Ich höre es jeden
Sonntag, wenn die Eltern mit den Kindern kommen und sagen: Es ist ein
Wahnsinn, was in einem Jahr passiert ist und wie selbstständig dieser
junge Mensch geworden ist. Das hat mit Soldat-Sein im eigentlichen Sinne
wenig zu tun.
derStandard.at: Herrscht hier ein rauerer Umgangston als anderswo?
Mainhart: Nein, was aber hier sicher anders ist: es läuft alles
klarer, strukturierter und bestimmter. Eine Erziehungsmethode ist das
"Gewöhnen und Üben". Wenn die Kinder merken, um sechs Uhr muss
aufgestanden werden, wird es bald zur Normalität, ganz ohne rauen
Umgangston. Und dort, wo man nicht mehr eingreifen muss, weil es
Normalität geworden ist, bin ich gerne Laissez-faire. Dann lehne ich
mich zurück und schaue zu.
derStandard.at: Das klingt, als würde das sehr reibungslos
funktionieren. Die Kinder und Jugendlichen sind teilweise in der
Pubertät, aufstehen um sechs Uhr in der Früh ist dann doch trotz
Normalität nicht immer lustig.
Mainhart: Es wird sicher nicht jeder uneingeschränkt darüber
begeistert sein, dass er um sechs Uhr aufstehen muss. Aber ich kenne
niemanden, der es deshalb nicht tut. Es ist in ihren Abläufen drinnen.
Das mag schwierig sein am Anfang, da gibt es auch Tränen und Zweifel,
aber durch die kameradschaftliche Erlebniswelt entsteht auch so etwas
wie eine Gemeinschaftsverpflichtung. Wenn ich aufstehen muss, stehen die
anderen auch auf. Am Ende steht das Zuckerl, weil sie pünktlich sind
und deshalb eine Stunde länger Fortgehen dürfen.
Das es nicht immer jedem passt und jemand nachschläft, wenn die
Erzieher nicht durchgehen, passiert natürlich auch jeden Tag. Aber die
große Mehrheit unterzieht sich dem ohne Probleme.
derStandard.at: Welche Sanktionen gibt es, wenn diese Regeln nicht
eingehalten werden?
Mainhart: Wenn wir intervenieren, dann immer durch Gespräche. Die
Schüler müssen wissen, wofür sie eine Beanstandung bekommen. Die
Intervention muss angemessen sein: Wenn jemand unpünktlich ist, kann es
nicht sein, dass er am Wochenende nicht heimfahren darf. Wenn es gar
nicht anderes geht, gibt es Strafen. Dann muss ein Schüler eben zwei
Stunden länger lernen oder darf an einem Tag nicht hinaus gehen, weil
die Hausübung nicht gemacht wurde. Über allem steht das Konzept "Vorbild
& Beispiel". Das was wir von den Jugendlichen verlangen, versuchen
wir auch selber zu leben.
derStandard.at: Wie wird mit Schwächeren in der Gruppe umgegangen?
Mainhart: Die Gruppe hilft. Alle haben die Verpflichtung die
Schwächeren mitzunehmen. Wir haben alle Jahre einen Drei-Tages-Marsch,
da ist die Gruppe gefordert. Sie wissen, wer körperlich nicht so auf
Zack ist. Es geht nicht um die schnellste Zeit, sondern darum, dass die
Gruppe geschlossen und gesund ans Ziel kommt. Es ist ein Märchen, dass
beim Militär angeblich die Schwachen hinausgedrängt werden.
derStandard.at: Im Frühjahr gab es Gerüchte über sexuellen Missbrauch
am Militärgymnasium. Wie wurde das in den Klassen aufgearbeitet und
besprochen?
Mainhart: Als der Fall an die Medien kam, wurde das sofort
thematisiert und Schulsozialarbeit und Mediation gestartet. Es gab
psychologischen und sozialen Beistand für die Beteiligten. Außerdem war
es ein Prinzip, das Thema sofort zu behandeln, wenn es im Unterricht
aufkommt, egal ob das in Biologie oder in Mathematik passiert ist. Das
Thema hatte außerordentliche Priorität.
derStandard.at: Sind Jugendliche verhaltensauffälliger bzw.
schwieriger zu erziehen?
Mainhart: Nein, sicher nicht. Ich will Jugendliche, die eine
herausfordernde Art an den Tag legen. Ich will kritische, mündige,
durchaus auch aufmüpfige Jugendliche erziehen. Dass sie sich an
bestimmte Regelwerke anpassen müssen, ja! Aber das kann man durchaus
mündig und kritisch machen.
Dass die Erziehungsarbeit schwierig ist,
ist keine Frage. Aber deshalb sind Jugendliche nicht gleich
verhaltensauffällig.
derStandard.at: Welche Kinder kommen an das Militärgymnasium?
Mainhart: Kinder aus Akademikerfamilien, Arbeiterfamilien, aber
natürlich auch viele, wo ein Elternteil beim Bundesheer angestellt ist.
Sie kommen von Hauptschulen, Gymnasien und aus ganz Österreich.
derStandard.at: Ist es nicht auch so, dass Kinder, die besonders schwierig
sind, hierhergeschickt werden?
Mainhart: Ich kann das nicht ausschließen. Ich bin jetzt zweieinhalb
Jahre da, habe drei Aufnahmephasen miterlebt und hatte nie den Eindruck,
dass Eltern froh waren ihr Kind bei uns jetzt endlich abgeben zu
können. Ich kann aber natürlich nicht hineinschauen in die Köpfe der
Eltern. Unterm Strich sage ich, dass alle Kinder gerne zu den Eltern
heimfahren und aus wohlbehüteten Verhältnissen kommen. (Teresa
Eder/derStandard.at, 18.10.2010)