Medientage

"Breaking News" keine "Leistung von Medien"

Michael Kremmel, 22. September 2010, 15:38
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    foto: apa/hochmuth

    "Die Menschen wollen nicht mehr wissen, welche Information sie verpassen, weil sie im Internet keine Information mehr verpassen. Sie wollen wissen, welche Information ist wichtig, welche Information ist unwichtig. Für diese Unterscheidung gibt es keinen Roboter, die kann nur von Journalisten getätigt werden", sagt Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ, bei den  Medientagen in Wien.

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher sieht kein relevantes und erfolgreiches journalistisches Onlinemedium, sondern vielmehr Klonjournalismus im Internet - Er setzt weiter auf Printmedien und sieht dabei eine große Zukunft des Journalismus

"Heute kann Breaking News sein, dass auf Twitter berichtet wird, dass in China ein Sack Reis umgefallen ist. Das könnte für einen Aktienhändler eine wichtige Information sein", sagte Frank Schirrmacher, Bestsellerautor und Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), bei den Medientagen in der Wiener Stadthalle. Er sprach sich deshalb gegen Breaking News als Leistung von Medien aus und fordert von diesen,  Asynchronität zu schaffen. "Die Menschen sind von der permanenten Anzapfung des Gehirns erschöpft und sehnen sich nach Ordnung und Kontemplation."

Verzögerungseffekte als Chance

Schirrmacher setzt auf Verzögerungseffekte von Printmedien: "Die Menschen wollen nicht mehr wissen, welche Information sie verpassen, weil sie im Internet keine Information mehr verpassen. Sie wollen wissen, welche Information ist wichtig, welche Information ist unwichtig. Für diese Unterscheidung gibt es keinen Roboter, die kann nur von Journalisten getätigt werden." Darin ortetet Schirrmacher die große Zukunft des Journalismus und sieht dieser dementsprechend optimistisch entgegen.

Die Verleger hätten in der Vergangenheit die Fehler gemacht, dass sie sich mit Google messen wollen und hätten dabei zunehmend auf die Automatisierung von Prozessen gesetzt. Das Ergebnis daraus, so Schirrmacher, sei im Internet ein geklonter Journalismus. "Zu 80 Prozent sehen sie im Internet die gleichen Nachrichten und auch die gleiche Bewertung von Nachrichten. Das ist ein ständiges Copy-and-Paste."

Journalismus muss wieder auf Menschen setzen

Der FAZ-Herausgeber setzt darauf, dass Verleger zukünftig auf Menschen setzen, auf Journalisten, anstatt sich Technologie-Berater ins Haus zu holen. "Die Investition in Menschen ist im Journalismus sofort zu sehen." Er sieht Printmedien als therapeutisches Medium, da Onlinemedien vor allem am Arbeitsplatz konsumiert werden und so eine ständige Unterbrechung und Reizüberflutung vorherrsche und deshalb ein Nachdenken nicht mehr möglich sei.

Thesen zum Internet mit kurzer Halbwertszeit

Die immer neuen Thesen, die es zum Internet im Stundentakt gebe, hätten alle eine relativ kurze Halbwertszeit und in den acht Jahren, in denen es in den USA und Europa ein funktionierendes Netz mit enormen Zulauf gebe, habe sich kein einziges relevantes journalistische Onlineangebot hervorgetan. "Es gibt weltweit kein einziges journalistisches Angebot, das sich seriös selber finanziert im Netz. Anders als behauptet, gibt es zwar kleine etablierte Websites, Blogs oder kleine selbstgegründete Zeitungen, aber in Wahrheit ist keines dieser Angebote - im Gegensatz zur Theorie - je in irgendeiner Weise ökonomisch erfolgreich oder über die selbstgesetzten Grenzen hinaus relevant geworden."

New York Times als ungeeigneter Pfadfinder

Die Unsicherheit, die sich Anfang des Jahrtausends im Journalismus breit gemacht hätte, habe dazu geführt, dass viele Medien auf die "New York Times" geschielt hätten, die eine "groteske Geschäftspolitik" verfolgt habe. Deshalb tauge die "New York Times" auch nicht als Pfadfinder ins digitale Zeitalter, auch wenn alle ähnliche Fehler gemacht hätten.

Internet heute wie zur Hochphase des Kapitalismus

Das Internet selbst sieht er heute ähnlich wie die Hochphase des Kapitalismus im 19. Jahrhundert, mit wenigen absoluten Megaplayern wie Google und Facebook. Im Bereich der Internetwirtschaft gelte das Matthäus-Prinzip: "'Denn wer da hat, dem wird gegeben. Wer nicht hat, dem wird genommen.' Das heißt, Riesen wie Google werden immer noch größer, während sich alle anderen zu kostenloser Mikroarbeit verpflichten." Das betreffe nicht nur gratis Journalismusangebote, sondern auch Blogger, die ihre Erlebnisse schildern, da große Nachrichtenaggregatoren, allen voran Google, diese kommerziell verwerten würden.

Trotzdem findet Schirrmacher, dass traditionelle journalistische Marken keinen Schaden genommen haben, sieht aber die Zeit gekommen, sich von der These zu verabschieden, dass im Internet eine total freie Form der Kommunikation möglich sei. Auch abseits von Google und Facebook ortet er vielmehr Konzentrationsbewegungen. (krm, derStandard.at, 22.9.2010).

Kommentar posten
21 Postings
pippilotta schokominza
00
23.9.2010, 11:22
Nein! Neeeiiiiiin!!!!!!

Bitte nicht der Sack Reis! Nicht schon wieder der chinesische Sack Reis!

*räusper*
Das musste ich jetzt loswerden...

zaikoh
00
23.9.2010, 10:20

veraenderung zu akzeptieren ist schwierig. und interessant ist, zu beobachten _dass_ "es" sich veraendert. es gibt idT spannende extrapolationsmoeglichkeiten!

ich bin uebrigens bereit, fuer online-medien die ich konsumiere zu zahlen, so wie ich das ja auch mit print-medien mach. ... allerdings kaufe ich hoechstens alle 2 monate eine zeitung; ich ueberfliege die grade mal wenn ich im elternhaus zu besuch bin. bin aber sicher kein massstab...

Naphtali
00
23.9.2010, 09:54
Ganz falsch

oder zumindest nicht das, was ich mir als Konsument wünsche.

Ich will breaking news - was ich nicht will, sind Medien, die mir "vorschreiben", was jetzt als wichtig und was als unwichtig zu gelten hat. Das kann ich schon selbst beurteilen.

Und ich will keine Tageszeitungen, in denen großflächige, elendslange Reportagen zu Themen stehen, von denen irgendein Redakteur jetzt subjektiv meint, dass sie kollossal wichtig sind, und dabei auf das Tagesgeschehen völlig vergisst.

Außerirdischer
01
23.9.2010, 12:09
Also ich möchte, da ich kein Universalgelehrter bin, sehr wohl gewichtete und aufbereitete Artikel aus den verschiedensten Wissens- und Themengebieten!

Was fange ich mit einer ''reinen'' Information, so sie denn über bloße ''Unterhaltung'' hinausgeht, an? (Information in dem Sinne, das sie in meinem Leben eine Auswirkung hat wie zB der Wetterbericht für morgen, der meine Wanderplanung mitbeeinflußt.)

DieWahrheitistdenMenschenzumutbar
01
23.9.2010, 09:13
welche Journalisten?

Die Praktikanten die als Maturanten gartis über technisch hochkomplexe Dinge schreiben?
oder die Schulabbrecher die APA-Meldungen neu formatieren ggf. ein unpassendes Foto dazutun?

Tobias P
01
23.9.2010, 08:08
Die breaking news der Faz, Standard, ...

...oder doch eher die "breaking news" von
Reuters, Apa, dpa, .................
(http://de.wikipedia.org/wiki/Nach... seagentur)

hosenwurm
00
22.9.2010, 23:46
Ich sehe da im wesentlichen drei mögliche Szenarien

a) Die etablierten Medien begreifen, dass sich durch eine technische Revolution die Anforderungen an einen Journalisten radikal ändern. Dass z.B. die Fähigkeit für eine breite Masse schreiben zu können weniger wichtig ist als die Fähigkeit eine Bilanz zu lesen, weil ersteres inzwischen von vielen (Bloggern die Bilanzen lesen können) erlernt und trainiert werden kann. Das ist das unwahrscheinlichste.

b) Die etablierten Medien werden großflächig verschwinden. Das ist etwas wahrscheinlicher.

c) Die etablierten Medien zwingen durch Lobbying und "Liebesentzug" die Politik zu Gesetzesänderungen oder Subventionen. Das ist das wahrscheinlichste, denn z.B. die Musikindustrie hat es mit ihrem Content schon erfolgreich vorexerziert.

jfs
00
23.9.2010, 06:10

c) (Zwingen zu Gesetzesänderungen oder Subventionen) ist im wesentlichen nichts anderes, als den Steuerzahler via "Umverteilung" zur Kasse bitten zu wollen. "Politik" generiert anders schließlich keinerlei Einnahmen als durch Abgabezwang.

Diese Beute anzupeilen ist eigentlich gar nicht neu - die gleiche, alte Grundüberlegung irgendwelcher Feldherrn, die in den Kampf um Boden ziehen.

Wo die Musikindustrie so gehandelt hätte, bleibt derweil unklar.

Idefix der zweite
 
00
23.9.2010, 19:44

Wo die Musikindustrie so gehandelt hätte, bleibt derweil unklar. Beispiel gefällig?

Ein Gesetz, das es den Verwertungsgesellschaften erlaubt, für jede Festplatte eine Gebühr zu kassieren, weil man ja darauf durch Copyright geschützte Musik oder Filme speichern KÖNNTE, ist einfach ungeheuerlich.

jfs
00
23.9.2010, 20:29

1. Danke für das Beispiel.
2. Ja, das ist in der Tat ungeheuerlich.

3. Passt aber in 's Bild: http://bit.ly/bhzFtf

franz38
32
22.9.2010, 22:34
Presseförderung abschaffen

Dann würden die Printmedien rascher schrumpfen und die wesentlich effizienteren Online-Medien schnell wachsen können. So findet dauern ein unlauterer, quersubventionierter Wettbewerb statt.

Totaler Durchblicksstrudel
31
22.9.2010, 22:32

Man sollte in dieser Diskussion immer auch das Alter/Geburtsjahr des Wortspenders dazu schreiben: also Frank Schirrmacher (1959)!

In anderen Bereichen mag das vollkommen irrelevant sein, aber gerade im Bereich Medien und Medien-Konsum gab es eben einen echten Generationensprung.
Unter dieser Prämisse mag es auch mehr als eine Wahrheit geben.

besson
00
23.9.2010, 11:13

weiss nicht wovon sie reden. das durchschnittsalter von standard.at, facebook, twitter etc. ist 40. Nicht 20.

knievel
00
22.9.2010, 22:25

wenn er sich da bloss ned fazettelt...

georg furtner1
00
22.9.2010, 19:43
Originäre gute online Magazine ...

... Gibt's schon: wired und slate

system1
00
22.9.2010, 16:44
die medientage kommen halt auch schon in die tage....

politisch verfolgt
00
22.9.2010, 16:31
das öde

an all diesen teilweise sogar intelligenten wortmeldungen ist, daß sie sämtlich im trüben fischen (müssen).
mit "ich glaube, das internet wird.." oder "meiner meinung nach wird die entwicklung von print so sein, daß..." beginnen diese elogen meist und sagen immer dasselbe aus: die zukunft ist ungewiß. und das sind jetzt sicher keine breaking news.

tim tim
00
23.9.2010, 13:59
nur terence lennox weiß:

print ist tot

und der weiß es wirklich

Der schielende Löwe
00
22.9.2010, 19:22
Und Sie wissen natürlich, ...

... was kommt, gell.

politisch verfolgt
19
22.9.2010, 19:38

hab ich nie behauptet. aber wozu soll ich mir deshalb die vorträge derer anhören, die auch nichts wissen?

Hans Soanders1
00
22.9.2010, 16:06
Yessss!

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