FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher sieht kein relevantes und erfolgreiches journalistisches Onlinemedium, sondern vielmehr Klonjournalismus im Internet - Er setzt weiter auf Printmedien und sieht dabei eine große Zukunft des Journalismus
"Heute kann Breaking News sein, dass auf Twitter berichtet wird, dass in China ein Sack Reis umgefallen ist. Das könnte für einen Aktienhändler eine wichtige Information sein", sagte Frank Schirrmacher, Bestsellerautor und Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), bei den Medientagen in der Wiener Stadthalle. Er sprach sich deshalb gegen Breaking News als Leistung von Medien aus und fordert von diesen, Asynchronität zu schaffen. "Die Menschen sind von der permanenten Anzapfung des Gehirns erschöpft und sehnen sich nach Ordnung und Kontemplation."
Verzögerungseffekte als Chance
Schirrmacher setzt auf Verzögerungseffekte von Printmedien: "Die Menschen wollen nicht mehr wissen, welche Information sie verpassen, weil sie im Internet keine Information mehr verpassen. Sie wollen wissen, welche Information ist wichtig, welche Information ist unwichtig. Für diese Unterscheidung gibt es keinen Roboter, die kann nur von Journalisten getätigt werden." Darin ortetet Schirrmacher die große Zukunft des Journalismus und sieht dieser dementsprechend optimistisch entgegen.
Die Verleger hätten in der Vergangenheit die Fehler gemacht, dass sie sich mit Google messen wollen und hätten dabei zunehmend auf die Automatisierung von Prozessen gesetzt. Das Ergebnis daraus, so Schirrmacher, sei im Internet ein geklonter Journalismus. "Zu 80 Prozent sehen sie im Internet die gleichen Nachrichten und auch die gleiche Bewertung von Nachrichten. Das ist ein ständiges Copy-and-Paste."
Journalismus muss wieder auf Menschen setzen
Der FAZ-Herausgeber setzt darauf, dass Verleger zukünftig auf Menschen setzen, auf Journalisten, anstatt sich Technologie-Berater ins Haus zu holen. "Die Investition in Menschen ist im Journalismus sofort zu sehen." Er sieht Printmedien als therapeutisches Medium, da Onlinemedien vor allem am Arbeitsplatz konsumiert werden und so eine ständige Unterbrechung und Reizüberflutung vorherrsche und deshalb ein Nachdenken nicht mehr möglich sei.
Thesen zum Internet mit kurzer Halbwertszeit
Die immer neuen Thesen, die es zum Internet im Stundentakt gebe, hätten alle eine relativ kurze Halbwertszeit und in den acht Jahren, in denen es in den USA und Europa ein funktionierendes Netz mit enormen Zulauf gebe, habe sich kein einziges relevantes journalistische Onlineangebot hervorgetan. "Es gibt weltweit kein einziges journalistisches Angebot, das sich seriös selber finanziert im Netz. Anders als behauptet, gibt es zwar kleine etablierte Websites, Blogs oder kleine selbstgegründete Zeitungen, aber in Wahrheit ist keines dieser Angebote - im Gegensatz zur Theorie - je in irgendeiner Weise ökonomisch erfolgreich oder über die selbstgesetzten Grenzen hinaus relevant geworden."
New York Times als ungeeigneter Pfadfinder
Die Unsicherheit, die sich Anfang des Jahrtausends im Journalismus breit gemacht hätte, habe dazu geführt, dass viele Medien auf die "New York Times" geschielt hätten, die eine "groteske Geschäftspolitik" verfolgt habe. Deshalb tauge die "New York Times" auch nicht als Pfadfinder ins digitale Zeitalter, auch wenn alle ähnliche Fehler gemacht hätten.
Internet heute wie zur Hochphase des Kapitalismus
Das Internet selbst sieht er heute ähnlich wie die Hochphase des Kapitalismus im 19. Jahrhundert, mit wenigen absoluten Megaplayern wie Google und Facebook. Im Bereich der Internetwirtschaft gelte das Matthäus-Prinzip: "'Denn wer da hat, dem wird gegeben. Wer nicht hat, dem wird genommen.' Das heißt, Riesen wie Google werden immer noch größer, während sich alle anderen zu kostenloser Mikroarbeit verpflichten." Das betreffe nicht nur gratis Journalismusangebote, sondern auch Blogger, die ihre Erlebnisse schildern, da große Nachrichtenaggregatoren, allen voran Google, diese kommerziell verwerten würden.
Trotzdem findet Schirrmacher, dass traditionelle journalistische Marken keinen Schaden genommen haben, sieht aber die Zeit gekommen, sich von der These zu verabschieden, dass im Internet eine total freie Form der Kommunikation möglich sei. Auch abseits von Google und Facebook ortet er vielmehr Konzentrationsbewegungen. (krm, derStandard.at, 22.9.2010).