Würstelbuden, Witze, Wissenschaften

Peter Illetschko
21. September 2010, 20:21
  • Das Riesenrad wurde zum Forschungsrad.
    foto: toppress austria

    Das Riesenrad wurde zum Forschungsrad.

Forschung gab sich volksnah: Ein Rückblick auf das Wiener Forschungsfest im Prater

Karl, Renate und Jennifer sind drei Computerstimmen, die Lokaltipps am Handy geben. Er spricht den vielleicht breitesten Wiener Dialekt, den man seit Edmund Sackbauer gehört hat. Die eine der Frauenstimmen klingt schon etwas feiner - sie redet Schönbrunner Deutsch. Die andere spricht eine Wiener Jugendsprache. Unter diesen drei "Soziolekten" kann wählen, wer eine der jüngsten Entwicklungen des Forschungszentrums Telekommunikation Wien (ftw.) nutzen will. Man sollte allerdings verständlich sprechen und die richtigsten Antworten geben, also nicht, wenn die Wahl zwischen zwei oder drei Lokalen möglich ist, "ja bitte" sagen. Karl zum Beispiel könnte dann schon rustikal antworten: "Gscherter, du klingst, als waratst blunzenfett."

Auf der Wiese

Das Projekt war ein Ausstellungsstück beim jüngsten, vom Zentrum für Innovation und Technologie (ZIT) organisierten Wiener Forschungsfest am vergangenen Wochenende, das nach seinem Start auf dem Wiener Rathausplatz auf die Wiese vor dem Riesenrad übersiedelte.

Mehr Volksnähe kann es für die Forschung in dieser Stadt kaum geben. Vor dem Ausstellungszelt auf einer kleinen Bühne bemühten sich die beiden Physiker Werner Gruber und Heinz Oberhummer sowie der Kabarettist Martin Puntigam, im Trio besser bekannt als "Science Busters", um den einen oder anderen Witz, auf dass Technik und Naturwissenschaften dem Publikum noch verständlicher würden. Die Zuschauer wirkten, Würstelstand und Langosbude, Bier und Limonade in Reichweite, recht zufrieden. Angesichts dieser reichhaltigen Kost konnte man mit jeder Art von Wissenschaftskommunikation wirklich nicht viel falsch machen.

Derartig gestärkt ertrugen die Wiener mit Leichtigkeit nicht nur einige Minuten Wartezeit in einer Menschenschlange, die in das Ausstellungszelt drängte, wo neben dem dialektsprechenden Restaurantführer auch noch zahlreiche andere Technologieentwicklungen aus Wien vorgestellt wurden, die ohne komplizierte Erklärungen verstanden werden konnten.

Das Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung (VRVis) demonstrierte ein Projekt, durch das Gemälde für Sehschwache und Blinde ertastbar werden. Das Usability-Zentrum Cure präsentierte Hermes, ein System, das dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen kann. Es zeichnet Gespräche auf und kann durch ausgeklügelte Spracherkennung zuordnen, wer etwas gesagt hat, worüber gesprochen wurde und welche Emotionen der Teilnehmer beim Gespräch auftraten.

Die FH Technikum Wien demonstrierte ein Rennfahrzeug, das durch Gehirnwellen gesteuert werden kann. Und das Austrian Institute of Technology (vormals Seibersdorf) zeigte unter anderem, dass Roboter nun in 3-D sehen können. Zwischen all diesen Stationen geduldige Menschen, die sich darum bemühten, das Wissen über diese Technologien unter das Volk zu bringen.

Dass dieses immer dann in großer Zahl kommt, wenn es etwas umsonst gibt, ist ein oft bestätigtes Vorurteil. Beim Riesenrad konnte man sich vom Gegenteil überzeugen. Hier luden die Veranstalter zu kurzen Vorlesungen von vierzig Wissenschaftern in einigen Riesenradwagons - für fünf Euro pro Erwachsenen - und hatten dennoch kaum noch Platz für Interessenten. Wittgenstein-Preisträgerin Renée Schröder sprach über den "Ursprung des Lebens". Der Philosoph Konrad Paul Liessmann hielt hier ebenso eine Vorlesung wie Giulio Superti-Furga, Direktor des Zentrums für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Unter einem Zelt warteten die Wissenschafter auf ihre Gäste und übten sich schon da in Volksnähe - manche mit großer Gelassenheit, einige so aufgewühlt, als wäre das ihre erste Vorlesung.

Am Eingang des Forschungsfests verteilten übrigens Vertreter des BZÖ Luftballons, die aufgrund ihrer orangen Farbe den Luftballons der Festveranstalter zum Verwechseln ähnlich waren. Auch eine Übung in Volksnähe - so gelungen dezent, wie sie nur sein kann. (Peter Illetschko /DER STANDARD, Printausgabe, 22.09.2010)

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