Groß gewachsen und ziemlich naseweis

21. September 2010, 19:10
  • Vivienne Westwood zeigte Piratenbräute samt Hauben,
    foto: reuters/plunkett

    Vivienne Westwood zeigte Piratenbräute samt Hauben,

  •  Peter Pilotto modische Büroklammern
    foto: reuters/plunkett

    Peter Pilotto modische Büroklammern

Die Londoner Modewoche wird wieder ernst genommen. Kommerziell vereinnahmen lässt sie sich vorerst nicht. Jungspunde wie Christopher Kane, Marios Schwab oder Peter Pilotto zeigten die interessantesten Kollektionen.

Die London Fashion Week, vor ein paar Jahren noch als Spielplatz für junge Wilde belächelt, ist längst wieder ernstzunehmender Fixpunkt im Modekalender. Laufstege in baufälligen Fabriken gehören der Vergangenheit an. Locations sind zentral und leicht erreichbar, sogar in den 15-Zentimeter-Absätzen der internationalen Moderedakteurinnen. Billigriese Topshop sponsert weiterhin Jungtalente und baut ihnen einen Laufsteg im leerstehenden Glaspalast des ehemaligen Eurostar-Bahnhofs in Waterloo.

Aber auch die britischen Traditionshäuser zeigen wieder in London. Publikumsmagnet Burberry nutzt zum dritten Mal den Londoner Heimvorteil, Pringle of Scotland ist auch zurück, diesmal mit einer monochromen Neuinterpretation des Rautenmusters sowie Schottenröcken aus Chiffon. Paul Smith war Visionär genug, London mit seiner Damenkollektion gar nicht erst zu verlassen, und brillierte mit androgynen Outfits, die an Beatniks und Teddyboys erinnerten. Bei Vivienne Westwoods geschmackvoller Red-Label-Kollektion im Prunkballsaal des Connaught Hotel fehlten zwar weder Piratenstiefel noch verspielte Drapierungen oder Wespentaillen, aber besonders Westwoods Punkurgesteinfreunde, die sich ausgerechnet mit Pamela Anderson die Front Row teilten, hätten sich vielleicht ein bisschen mehr Westwood-typische Rebellion erwartet. Die beschränkte sich auf Dame Viviennes Anti-Klimawandel-Thermosflaschen, die im Publikum verteilt wurden.

Modehub London
London ist zwar organisierter und erwachsener geworden, Zwangskommerzialisierung oder Kreativitätsschwund kann man der britischen Modemetropole aber nicht vorwerfen. Das hat sie einer Gruppe junger Designer, allen voran Gräko-Österreicher Marios Schwab, Richard Nicoll und Christopher Kane, zu verdanken, ohne die der Aufstieg Londons zur modischen Supermacht nie stattgefunden hätte. Im Gegensatz zu John Galliano oder Alexander McQueen (für den sich am Montag Modefreunde zu einem Gedenkgottesdienst trafen) bleiben diese etablierten Talente mit ihrer eigenen Linie in London, obwohl sie längst international mitmischen. Schwab ist Chefdesigner von Halston, Nicoll von Cerruti und Kane designt das Versace-Label Versus.

Peter Pilotto ist noch nicht ganz so lange in London mit dabei, stieg aber umso kometenhafter auf. U-Bahn-Stationen sind zuplakatiert mit der Kampagne für Peter Pilottos Kipling-Taschen. Für 2011 haben der Tiroler Pilotto und Partner Christopher De Vos den allgegenwärtigen 70er-Glamour-Trend zuerst einmal dekonstruiert und dann virtuos zu einer Kollage aus Blautönen, Sportswear und Vintage-Yves-Saint-Laurent-Referenzen zusammengesetzt. Ähnlich bravourös hat sich Richard Nicoll die 70er zu eigen gemacht, er ließ sich von David Bowie in seiner Thin-White-Duke-Phase zu fließend-architektonischen Looks in Schwarz-Weiß inspirieren. Christopher Kane setzt im Gegensatz dazu nicht nur farblich auf neongrellen Maximalismus. Seine Muse war Aristo-Rebellin Prinzessin Margaret, und zwar auf Acid, wie seine Schwester und Kreativpartnerin Tammy Backstage anmerkte. Und Marios Schwab? Er orientierte sich diesmal an der Grunge-Optik der Neunziger. Spitzen- und Ledereinsätze frischten seine Slipkleider auf. Nach wie vor akzentuiert seine Mode die weiblichen Körperformen, wobei er diesmal eher auf Ent- als Verhüllungen setzte. Durchaus ein Fortschritt. (Britta Burger aus London, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.09.2010)

 

 

 

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