"Big Brother" ist Realität

21. September 2010, 18:45

Der Schutz persönlicher Daten muss auch in Österreich geregelt werden

Man stelle sich vor: Die österreichische Regierung gibt den Auftrag, mit Kameras durch die Lande zu fahren und jedes Haus, jede Wohnung aufzunehmen. Dann werden Flugzeuge losgeschickt, um Aufnahmen aus der Luft zu machen. Ganz nebenbei werden Informationen aus Wi-Fi-Netzen aufgefangen und gespeichert.

Es gäbe einen Aufschrei.

Aber genau das passiert - und es gibt in Österreich nicht einmal eine öffentliche oder politische Debatte darüber. Bekannt ist nur der Fall eines 70-jährigen Oberösterreichers, der im Frühjahr mit einer Spitzhacke ein Google-Auto vertrieben hat.

Medienstaatssekretär Josef Ostermayer erwähnte zwar am Dienstag bei der Begrüßung beim Internetkongress, dass "der Schutz der persönlichen Daten" angesprochen werden müsse. Darüber nur zu reden, ist zu wenig. In Deutschland gab es am Tag davor eine Konferenz, an der drei Minister (zuständig für Inneres, Justiz und Verbraucherschutz) teilnahmen und Geodienste wie Google Street View verpflichtet wurden, bis 7. Dezember einen Datenschutz-Kodex auszuarbeiten. Geschieht dies bis zu dieser Frist nicht, kommen gesetzliche Regelungen.

Anders als in Deutschland gibt es in Österreich auch keine Einspruchsmöglichkeit vor der Veröffentlichung von Google-Aufnahmen. Im Nachbarland haben bisher Hunderttausende von diesem Recht Gebrauch gemacht. In Tschechien hat die Datenschutzbehörde Google untersagt, neue Aufnahmen zu machen, weil die gesetzeskonforme Datenverarbeitung nicht gesichert sei. In Griechenland ist der Straßendienst sogar verboten.

Dass Google die Wi-Fi-Daten in insgesamt 34 Ländern seit 2007 "unabsichtlich" mitgeschnitten hat, muss bezweifelt werden. In Österreich stehen die Google-Street-View-Autos wegen dieser "Datenpanne" derzeit still, aber von anderen Unternehmen wird weiter gefilmt.

Missbrauch wird möglich: Einbrecher können schauen, wie jemand wohnt. Aber auch Arbeitgeber können nachschauen, wo der Mitarbeiter zu Hause ist. Banken können die Gewährung eines Kredites davon abhängig machen, in welcher Wohngegend jemand eine neue Immobilie erwerben will.

Viele Bürger geben ihre Daten freiwillig her - als Gegenleistung für einen Rabatt. Was die Schnäppchenjäger nicht wissen: dass sie mit der Preisgabe ihrer Einkaufsdaten die Möglichkeit eröffnen, Bewegungs- oder Persönlichkeitsprofile etwa für die Werbewirtschaft zu erstellen. Mit Adressen und Daten wird schwunghafter Handel betrieben.

Diese Daten werden jedoch freiwillig zur Verfügung gestellt. Wer eine Kundenkarte verwendet, weiß, was er tut. Aber gegen Aufnahmen ihrer Wohnanlagen können sich die Bürger in Österreich nicht zur Wehr setzen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich Unternehmen und staatliche Stellen, die jeweils mehr über ihre Kunden beziehungsweise Bürger wissen wollen, zusammentun. Google und CIA investieren bereits in eine Firma, die Webseiten, Blogs und Twitter-Accounts nach Informationen durchforstet und Verknüpfungen herstellt.

Die technischen Entwicklungen sind weit fortgeschritten. Es ist höchste Zeit, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, ehe die von George Orwell in seinem Roman 1984 skizzierte Überwachungsvision - "Big brother is watching you" - Realität wird. (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD, Printausgabe, 22.9.2010)

Kommentar posten
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paul der oktopus
00
27.1.2012, 17:26
"Wer eine Kundenkarte verwendet, weiß, was er tut"

Das bezweifle ich in 80% der Fälle

jumpingjack flash
00
27.1.2012, 18:41

ja eh - die frage ist wer gern auf tlw. doch spürbare rabatte verzichtet.
bzgl. internet überleg ich derzeit das:
https://www.idgard.de/

H. Fahrnberger
10
24.9.2010, 01:06
Panoramafreiheit = Pressefreiheit

Frau Föderl-Schmid, ist Ihnen bewusst, dass Sie mit Ihrer Big-Brother-Rhetorik die Pressefreiheit untergraben? Konkret die Panoramafreiheit, dh. das Recht, im öffentlichen Raum zu fotografieren was man möchte und das auch zu veröffentlichen (so dem nicht zb. das Recht am eigenen Bild abgebildeter Personen entgegensteht). Oder was würden Sie sagen, wenn Ihrem Pressefotograf in Zukunft der Besitzer irgendeines Hauses das Fotografieren untersagt?

Köstlich ist Ihr Satz "Google .. investiert bereits in eine Firma, die Webseiten, Blogs und Twitter-Accounts nach Informationen durchforstet und Verknüpfungen herstellt". Google IST diese Firma.

Das Argument mit den Einbrechern wird übrigens nicht wahrer, je öfter man es wiederholt (=abschreibt).

Herbert Prohaska
10
25.9.2010, 04:25
Na, Herr Fahrnberger, vielleicht wollen Sie doch wieder eher was zur neuesten USB-Kamera von sich geben, aber bitte nicht zu solch wichtigen Themen. Nur weil Sie keiner stalken will, müssen sich nicht alle zwangsexhibitionieren.

Dieses Gesetz, dass Sie da mittels Wikipedia vorschieben, wurde zu einer Zeit gemacht, als man solch umfassende, industrielle, verantwortungslose Techniken (von einem Monopolisten) nicht vorhergesehen hat (ausserdem sagt es ja, dass andere Interessen abzuwägen sind, gleich im ersten Absatz des Eintrages). Aber Gesetze sind ja immer richtig, nicht? Dann werfe der Frosch im Wasserglas mal einen Blick nach Italien oder einfach ein paar Jahrzehnte zurück. Dass 1984-Realitäten oder die Debatte in Deutschland an Ihnen abprallen, mag daran liegen, dass sie wohl schon in Ihrer eigenen Brave New World leben. Und sorry: der Pressefotograf kommt nur zu Ihrem Haus, wenn was passiert ist.

H. Fahrnberger
10
24.9.2010, 01:13
PS.

Welche Motive ich hinter dem aktuellen Google-Bashing vermute, steht in meinem Blog: http://www.helge.at/2010/09/d... -erregung/

Don Quixote
00
25.9.2010, 14:07
Haben Sie wirklich so wenig Phantasie?

Haben Sie wirklich so wenig Phantasie oder sind Sie einfach ein Verweigerer, wer im technischen Fortschritt nur die Aspekte des Komforts sehen will?

Früher haben Geheimagenten Wanzen platziert, KGB und CIA haben nicht einmal davon geträumt, dass die Leute die Abhörgeräte freiwillig mit sich schleppen und auch noch Gebühren dafür zahlen.

Navigationsgeräte dienen natürlich auch nur das Wohl des Fahrers.
Und jetzt bitte nicht das: "Wer nichts zu verbergen hat ... " Wann was ist zu verbergen, ist eine sehr veränderliche Sache und nicht nur mit kriminellen gleichzusetzen.

Queen of Sheba
 
11
22.9.2010, 17:48
Lieschen Müller und der Datenschutz ...

Wyle E. Koyote
10
22.9.2010, 17:30
google bashing

ist nicht gleich datenschutz - streetview was man da sieht kann ohnehin jeder sehen - wenn er sich ins auto setzt und hinfährt, wem es stört hat eh längst zaun/hecke oder so.... bei satellitenbildern (die es schon längst gibt) sehe ich die sache anders - da sieht man durchaus sachen die von der strasse aus nicht zu sehen sind...

Über die e-card, transparenzdatenbank, swift facebook (na geh da ist man selber dabei is ja net so schlimm) usw. hört man in dem artikel nichts, aber dass google mit der cia zusammenarbeitet schön FUD streuen...
übrigens da kommt das gerücht her (5 min recherche mit - oh nein google)
http://www.netzpolitik.org/2006/goog... -zusammen/

Harry Y.
 
00
23.9.2010, 10:30

"Gerüchte" sind manchmal wahr - gesunden Menschenverstand benützen. Im Interesse der Geheimdienste ist Bürgerdatenansammlung allemal.

In so 'nem kleinen Zeitungskommentar geht halt nicht alles 'nein. Bewußtsein der Gefahren von Facebook, E-Cards, bi ba bo, sind beim Standard-Leser wahrscheinlich vorausgesetzt, da schon öfter thematisiert. Datenschutz ist eines der Standard-Themen

"Sieht doch eh jeder": ja, aber bis jetzt nur wenn der "Jeder" tatsächlich jede Straße der Welt abgeht (und abfotografiert). Es geht darum, dass der Zugriff jetzt allgemein und mühelos ist; dass jeder auf sehr simpler Art und Weise über die Verhältnisse des anderen, ob der ums Eck wohnt, in New York, oder in der Provence auf Privatgrund, viel zuviel wissen kann.

Wyle E. Koyote
10
23.9.2010, 14:03
auf facbook sein

und überall den "i like button" haben aber sich über streetview aufregen ist ein wenig strange...

Harry Y.
 
00
28.9.2010, 12:41
Sehr. Strange, wie Sie sagen.

People are strange in general. Very. ;)

Mork vom Ork
10
22.9.2010, 16:27

"Banken können die Gewährung eines Kredites davon abhängig machen, in welcher Wohngegend jemand eine neue Immobilie erwerben will."

und was ist daran der Missbrauch?

SebastianS86
12
22.9.2010, 15:06
Wem wunderts...

traditionell sind liberale Kräfte die Hüter der Grundrechte und der Privatsphäre und die gibts in Österreich ja nicht.
Es braucht hald neben SPÖ. ÖVP und Grüne auch eine wirkliche liberale Partei.

dradiwaberl5693
00
22.9.2010, 13:46

"Aber auch Arbeitgeber können nachschauen, wo der Mitarbeiter zu Hause ist. Banken können die Gewährung eines Kredites davon abhängig machen, in welcher Wohngegend jemand eine neue Immobilie erwerben will." Das kann der Arbeitgeber ja jetzt auch schon, er hat ja die Adresse, die ja normalerweise im Arbeitsvertrag stehen. Die Banken schauen sich normalerweise auch genau an, wo jemand ein Häuschen kauft. Die müssen, jetzt mehr denn je, sich absichern ob der gewährte Kredit auch besichert werden kann. Komischer Absatz!

Wieviel Demokratie ist es bitte?
03
22.9.2010, 15:06
Das Problem ist

daß jetzt *mühelos*, kostenlos und *in no time* geschnüffelt werden kann. Von jedem. Aus jedem Grund, jedem erfunden Grund oder keinem Grund.

Jederzeit.

Wenn man dann das falsche Regime (und da genügt schon eine durchschnittliche österreichische Regierung die chronisch mal locker 3-fach die Verfassung bricht wie sonntags das Brot) oder die falsche Firma oder die falsche Person an der Backe kleben hat, ist das *no fun*.

Leute die noch Diktaturen kennen (Naziterror/Ex-DDR, UDSSR, etc.), würden dringend davon abraten, dem Staat und/oder major league Konzernen, oder durchgeknallten Privatpersonen solche tools und gigantische Datenbanken der Marke "Transparenz/Vorrat/Überwachung/Ortung/Interpretation/Profiling" in die Hände zu geben.

Er staunt
00
22.9.2010, 13:25

"In Österreich stehen die Google-Street-View-Autos wegen dieser "Datenpanne" derzeit still"

Dem wage ich entschieden zu widersprechen! Die Streetview-Wagen sind derzeit durchaus fleißig unterwegs, mir selbst sind sie in letzter Zeit mehrmals begegnet, z.B. am schön sonnigen Sonntag, 12. September am Nachmittag in der Gegend Alser Straße / Universitätsstraße / Votivkirche / Ring. Daß die samt den extrem auffälligen Kameraaufbauten nur unterwegs waren, um schnell mal privat was einzukaufen, wage ich daher angesichts unserer restriktiven Ladenöffnungszeiten zu bezweifeln...

Nix da Smoothies! Obst trinkt man gebrannt
02
22.9.2010, 12:57

"Big Brother" ist Realität - Der Schutz persönlicher Daten muss auch in Österreich geregelt werden

und unter dem Artikel:

Weitersagen: Facebook

Ahja.

trollvottel
01
22.9.2010, 12:50

Man kann auch super mit Supermarktkassierinnen streiten ...
"Hams a Kundenkarte?" - "Wieso, brauch i aane?" geht ja noch.
Aber nach "Die Postleitzahl bitte" - "die geht Sie an Schaas an" weigerte sich so ein Trampel tatsächlich, mir meine Lebensmittel zu verkaufen: Ich solle gefälligst die PLZ nennen, die bräuchte man für die Auswertung. Wie ich dann "4711" gesagt hab, hat die Alte mit der Filialleitung gedroht ... sich dann doch nicht getraut und 1160 eingetragen. *LOL*

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
00
26.9.2010, 02:41
Diese dreiste frage

nach der plz wurde mir bisher nur 2x gestellt - beim saturn. zunächst war ich so perplex, dass ich tatsächlich die plz angab, beim zweiten mal sagte ich schlicht Nein!
Wenn wieder danach gefragt wird, verlange ich einfach die filialleitung u. verbitte mir nachdrücklich diese dreiste kunden(bürger)datensammlung.
Falls dann meinen wünschen doch nicht klar entsprochen wird werde ich den krempel im warenkorb lassen u. ohne zu zahlen gehen - zur konkurrenz ev.

schaukelpirat
00
22.9.2010, 18:04
Lustigerweise ist "4711" in Österreich gar nicht...

...als Postleitzahl vergeben! 4710 ist Grieskirchen, 4712 Michaelnbach, 4713 Gallspach. Aber 4711 gibt´s nicht! Wahrscheinlich, weil´s in der Gegend so oft nach Saumist stinkt...

jumpingjack flash
02
22.9.2010, 12:59

exotische postleitzahlen wollen sie meist eh nicht - ich geb immer 1010 an - 1. bezirk klingt finde ich nobel und die hinter mir schauen oft anerkennend :-)

interessant auch die freiwilligen umfragen die beim onlinestandard immer wieder aufpoppen - ich hab die mal immer ausgefüllt - keine ahnung ob die das checken dass es nur einen und nicht 100 gibt die so ticken wie ich - wednn nein beeinflusse ich den markt für meine interessen :-)

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
00
26.9.2010, 02:47
Einmal

gab ich im zuge einer standard-abo-aktion, bei der dazugehörigen konsumentenbefragung, ahnungslos einige meiner konsumgewohnheiten an, was zu jahrelangem, argem werbeterror per post u. telefon führte.
Den fehler mach' ich bestimmt nicht wieder.

Herr Anders
 
10
22.9.2010, 12:39
Datenschutz?

Kann es in einer Gesellschaft überhaupt ein Anrecht auf vollständigen Datenschutz geben? Wir beklagen uns das wir im Internet meistens keine Vollmacht über unsere persönlichen Daten haben. - Haben wir das den im realen Leben? Keiner kann mich doch daran hindern wenn ich Daten (Geschichten, Eigenarten, Vorlieben,....) von einem Freund herumerzähle. An wen auch immer. Und dieser kann das auch wieder weiter erzählen. Wie kann jemand das verhindern? Das ist doch essentieller Bestandteil unserer Gesellschaft. Wir tragen unser geistiges Gut kommunikativ weiter. Das Internet und seine Anwendungen (wie Facebook oder Google Services) sind doch nur die verlängerte Werkbank des althergebrachten Geschwätzes...

http://herr-anders.blogspot.com/

Queen of Sheba
 
03
22.9.2010, 12:15
Nur derStandard.at ist das letzte Bollwerk gegen google-analytics !

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
00
26.9.2010, 02:49

Tatsächlich? Inwieferne?

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