Gratis, aber ohne Qualitätssicherung

13. Oktober 2010, 11:31
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Einen guten Betreuungsplatz für Babys und Kleinkinder zu finden ist schwer und verlangt den Eltern viel Eigeninitiative ab - Standards fehlen

Elternverbände steigen regelmäßig auf die Barrikaden. Doch während mehr Qualität in den Schulen eingefordert wird, wird die Qualität der Kinderbetreuung kaum thematisiert. "Momentan muss man froh sein, wenn man für sein Kind überhaupt einen Betreuungsplatz bekommt", sagt Martina Leibovici-Mühlberger, Entwicklungspsychologin und Geschäftsführerin der ARGE Erziehungsberatung. Gemeinsam mit der Donauuniversität Krems erarbeitet sie ein System zur Qualitätssicherung mit Zertifizierungsverfahren in der Kleinkindpädagogik. In Österreich würden die Standards, die die EU vorgibt, bei weitem nicht erfüllt, kritisiert Leibovici-Mühlberger im Gespräch mit derStandard.at.

"Was wir in die frühe Kindheit investieren, bekommen wir später serviert"

Gerade die Qualität der Kinderbetreuung für Unter-Dreijährige sei für das weitere Leben maßgeblich. "Was wir in die frühe Kindheit investieren, bekommen wir später serviert", so Leibovici-Mühlberger. So seien etwa die Qualität und Quantität der Zuwendung entscheidend für die kognitive Entwicklung und das Selbstwertgefühl eines Kindes. Der von ihr geforderte Betreuungsschlüssel von einem Erwachsenen zu fünf, sechs Kindern wird in den meisten Kinderkrippen hierzulande nicht eingehalten. "Es werden Persönlichkeiten mit Defiziten produziert, wenn das Elternhaus die Mängel in der Kinderbetreuung nicht kompensieren kann", so Leibovici-Mühlberger.

Für Wiens Kinderkrippen, in denen Kinder von null bis drei Jahren untergebracht sind, gilt laut Wiener Kindertagesheimgesetz ein Betreungsschlüssel von mindestens 2 zu 15. Das heißt, eine Kindergartenpädagogin und eine Assistentin betreuen 15 Kleinkinder zugleich. Von den insgesamt rund 84.060 Betreuungsplätzen in Wien entfallen 14.500 Plätze auf Krippenkinder. 

"Fehlende Elternarbeit"

"Fehlende solidarisierte Elternarbeit in den Kindergärten" ortet auch Heidemarie Lex-Nalis von der Plattform Educare. BetreuerInnen von Kleinkindern müssten spezielle Qualifikationen vorweisen können. Die gute Zusammenarbeit mit den Eltern sei etwa wichtig. "Pädagogen, die mit Kleinstkindern arbeiten, müssen sehr viel über Bindung wissen und sie müssen auf Unsicherheiten und Konkurrenzdenken der Eltern professionell eingehen können", so Lex-Nalis. Auch sie kritisiert fehlende Qualitätsstandards in der Elemantarpädagogik: "Ich kann Eltern derzeit nur raten, genau zu schauen, wie die Bedingungen in den einzelnen Häusern sind und Qualität auch einzufordern".

Tagesmütter

Neben Kinderkrippen und Kindergruppen sind Tageseltern eine Möglichkeit, Kleinkinder zu betreuen.  Derzeit werden in Wien etwa 1.000 Kinder unter drei Jahren bei Tageseltern betreut. Für Leibovici-Mühlberger ist es das Tagesmutterkonzept, "das dem Kleinkind in seiner Betreuungsbedürftigkeit am nächsten kommt". Aber auch hier seinen Qualitätsstandards unabdingbar. 

Wer in Wien als Tagesmutter arbeiten will, muss einen 80-stündigen Grundkurs absolvieren und sich später laufend weiterbilden. Der zuständige Magistrat erteilt nach einer Überprüfung der räumlichen Gegebenheiten eine Pflegebewilligung für höchstens fünf Kinder. "Tagesmütter haben meist selbst Kinder oder kommen aus dem pädagogischen Bereich. Im familiären Rahmen können sie sehr gut auf die Bedürfnisse der kleinsten Kinder eingehen", sagt Elvira Tomancok, Geschäftsführerin der Kinderdrehscheibe Wien. Andererseits: "Manche Eltern stehen Tagesmüttern auch ambivalent gegenüber, weil sie eine engere Bindung zur Betreuungsperson, als im Kindergarten fürchten." Die Kinderdrehscheibe vermittelt private Kinderbetreuungsplätze, bildet Tageseltern aus und ist zugleich Arbeitgeber von Tagesmüttern. Mindestens einmal pro Jahr werden die Tageseltern vom Magistrat überprüft. Von einem transparenten Zertifizierungsverfahren ist aber auch das Tageselternmodell weit entfernt. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 13. Oktober 2010)

  • Eine einheitliche Qualitätssicherung für Kleinstkinder gibt es in heimischen Krippen nicht - und so gleicht die Suche nach einen geeigneten Betreuungsplatz einem Roulettespiel.
    foto: ao/jens meyer

    Eine einheitliche Qualitätssicherung für Kleinstkinder gibt es in heimischen Krippen nicht - und so gleicht die Suche nach einen geeigneten Betreuungsplatz einem Roulettespiel.

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