Aufregung über Auszüge aus Memoiren des früheren Regierungschefs - Verteidigungsminister Barak soll ohne sein Wissen mit Arabern über Ende des Gazakriegs verhandelt haben
Zu Papier gebrachte Erinnerungen von früheren Amtsträgern, so scheint es, dominieren dieser Tage weltweit die politischen Debatten. Auch in Israel, wo sich Ex-Premier Ehud Olmert dieser Tage mit seinen noch nicht erschienenen Memoiren in Erinnerung ruft. Während in Washington, Jerusalem und Sharm el-Sheikh über den stockenden Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern verhandelt wird, lässt Olmert erste Details seiner Autobiografie durchsickern. Es geht, so viel lassen erste Auszüge erahnen, vor allem um zwei Dinge: Krieg und Diplomatie. Zuvor waren Details des Friedensangebots an die Palästinenser bekannt geworden, das Olmert 2008 entworfen hatte.
Besonders brisant ist die Passage über Olmerts wichtigsten politischen Gegenspieler, Ex-Verteidigungsminister Ehud Barak von der Arbeiterpartei. Dieser habe hinter seinem Rücken versucht, den Waffengang der israelischen Armee gegen Hamas-Terroristen in Gaza Ende 2008 durch Geheimabsprachen zu beenden. Die israelische Tageszeitung Haaretz berichtet, Barak habe davor weder Premier Olmert noch seine Kabinettskollegen davon unterrichtet.
Schwere Vorwürfe
Konkret habe Barak mit Außenminister anderer Staaten hinter dem Rücken seines Chefs über einen Waffenstillstand verhandelt. Ein schwerer Vorwurf, insbesondere jetzt, wo Israel versucht, einen neuen Friedensplan mit den Palästinensern auszuhandeln.
"Barak war ein Serientäter. Er hat immer und immer wieder so gehandelt, das Buch gibt dies wieder", zitiert Haaretz einen Insider, der den Entwurf der Memoiren gelesen hat. Weizman Shiri, Generalsekretär von Baraks Arbeiterpartei, kritisiert Olmert für dessen Timing, Barak gerade jetzt mit schwerwiegenden Vorwürfen zu belasten, wo dieser sich auf einer USA-Reise befindet und nicht effektiv darauf reagieren könne.
"Geheimste Treffen"
"Ich habe Anrufe von Bekannten von Olmert erhalten, die sagen, er sei wohl etwas neben der Spur. Er spricht über die geheimsten Treffen. Wieso gefährdet ein früherer Ministerpräsident die Sicherheit Israels?", sagt Shiri.
Der Fall bewegt jedenfalls die politische Szene Israels. Die israelische Monitoring-Organisation Ometz hat Anfang der Woche offiziell beim Generalstaatsanwalt und bei der Polizei Anzeige gegen Olmert erstattet. Der frühere Regierungschef habe die Militärzensur umgangen, weil er Staatsgeheimnisse in Bezug auf einen Krieg verraten habe, der während seiner Amtszeit stattgefunden hat.
Pikanterweise, so Haaretz, könnte der beschuldigte Ehud Barak die Publikation der Olmert-Memoiren verhindern. Als einer von drei Ministern sitzt er in einem Komittee, das Bücher früherer Staatsbeamter vor ihrer Veröffentlichung überprüft. (flon/derStandard.at, 21.9.2010)