Einsame Inseln sind so ein Ding: Kulinarisch waren und sind die Schären nicht isoliert, kulturell werden sie 2011 zur perfekten Haltestelle
Kristina Anerfält-Jansson wird so schnell nichts mehr erschüttern. Ihre Landsleute, gesteht sie den wenigen Österreichern, die es überhaupt ins schwedische Roslagen schaffen, kämen längst auch im Hochsommer, um den guten Glögg zu zwitschern. Dabei habe der Weihnachtspunsch hier immerhin noch eine vergleichsweise lange Tradition. Von den Schnäpsen, die erst seit 2001 in der Norrtelje-Brennerei hergestellt werden, könne sie das ja nun wirklich nicht behaupten.
Das Brennen von schwedischem Schnaps, sollte sich dann beim Schwarzbeerenen herausstellen, ist tatsächlich so aberwitzig, wie Tiroler Almbutter auf Knäckebrot zu streichen. "Haben wir in Tirol gelernt", bestätigt Anerfält-Jansson die Vorahnung, dass es in Europa kaum mehr Enklaven für den Gaumen gibt, "und damit gleich ein paar Medaillen bei eurer 'Destillata' abgeräumt." Zweifellos eine reife Leistung in einem Land, dessen Alkoholgesetze nicht einmal den Ab-Hof-Verkauf erlauben. Auf jeden Fall aber symptomatisch für eine ganze Region, die sonst vom Abverkauf von Höfen gezeichnet ist.
Janssons neue Taxfreiheiten
Der Heustadel aus dem Jahr 1904, in dem nun auch Whiskey fließt, hätte wohl mit dem ganzen Drumherum verscherbelt werden müssen, wären die Janssons nicht auf Hochprozentiges umgestiegen. Die Prozente nämlich - vor allem jene, die nicht bezahlt werden - sind es, die den Schären zwischen Schweden und Finnland wieder bescheidenen Wohlstand bescherten. Vom Verkauf an die vielen Tax-free-Shops auf Fähren leben hier längst nicht nur Exbauern als Neobrenner.
Die großen Reedereien sind dafür verantwortlich, dass gegebenenfalls auch Tiroler Schnapsbrenner auf eine der 60.000 Inseln im Schärengarten gelangen. Angelandet werden sie zwar vom Nahverkehr - der Azimut-Motorboot-Ritt ersetzt hier den Puch Haflinger -, aber jede noch so abgeschiedene Hydda auf einem Granithügel im Meerbusen findet sich nunmehr als Ferienhaus in den Katalogen der Fährgesellschaften. Vor der Ankunft auf den einsamen Inseln soll aber noch eine andere Ernte in diesem globalisierten, wiewohl lokal gepflegten Schrebergarten eingebracht werden.
"Dort drüben feiern die Stockholmer ihre Lobster-Seminare", erklärt Lena Lindström und deutet auf eines der Blockhäuser direkt am Erkensee. Der See würde bei uns schon als Meer durchgehen, die Lobster allerdings sehen zwar wie solche aus, sind aber umso kleiner geraten. Lindström hat ihren alten Bauernhof in Jersö Gård zum Naherholungsgebiet für Büromenschen gemacht, die auch auf dem Land nicht ohne Businessjargon auskommen, den Inhalt von "Konferenzen" aber auf Essbares aus der Gegend beschränken wollen.
Lobsterlebensgeschichten
Beim Knacken der gefährlichen Scheren kommt Lindström sofort auf das Wesentliche zu sprechen: "Der schwedische Lobster hätte es im Mittelalter bestimmt nicht so weit gebracht ohne die Österreicher!" Stolz knallt sie das fette Faksimile eines 1499 erstmals veröffentlichten Kochbuchs aufs Ikea-Tischtuch mit dem unverkennbaren Laura-Ashley-Muster. "Ganze zehn Seiten hat sich euer Kaiser Maximilian darin schreiben lassen, die sich nur der Zubereitung von unserem schwedischen Lobster widmen. Historisch betrachtet war er der treueste Kunde." Das an schwedischer Anmutung kaum überbietbare Gehöft - die Färbung der Holzlatten ist hier so rostrot wie es das stark eisenhältige Wasser seit Urzeiten befiehlt - hatte sich also auch als Wink mit dem Zaunpfahl von daheim erwiesen.
"Auf Åland", wird sich der Heimatflüchtige dann einreden - auf einer der Personenfähren mit exotischen Namen wie "Falco" -, "ist alles wild und fremd, so wie es ein Abenteuer auf einem fernen Archipel erfordert." Stimmte so weit auch. Bis auf den netten Herren, der es fertigbrachte, auf dem Weg nach Måsgrund vom Skiurlaub in Tirol zu schwärmen. Hat er noch nie gemacht, will er aber unbedingt - in Sölden! Måsgrund, sollte man dazu wissen, ist zu hundert Prozent der letzte Ort auf der Erde, an dem man an die Ötztaler Alpen denkt. Sogar der Granit dieser Fußballfeld großen Insel vor der Insel (Åland eben) erinnert durch seine zartrosa Färbung an nichts Bekanntes. Und Måsgrunds Ausstattung - ja auch sie ist durch und durch Lokalkolorit. Denn erst aus der Perspektive des Hottubs, der zusammen mit einer Sauna vor dem Ferienhaus den einzigen Anhaltspunkt an Zivilisation gibt, lässt sich das Wunder begreifen: Daheim ist hier zwischen den Schärengartenachbarn, die auch in einem isolierten Holztrog auf einer noch isolierteren Insel schwitzen, wirklich hinter den Horizont der Ostsee gerückt.
Wer daraus schließt, dass Finnland - wozu Åland streng genommen gehört - eben doch noch ein Stückchen weiter weg ist von Mitteleuropa, macht sich's aber zu einfach. Die Insel mit vorwiegend schwedischer Bevölkerung ist seit 1922 autonome finnische Provinz - mit eigenem Autokennzeichen und sogar mit dem sonst nur schwer erklärbaren Länderkürzel ".ax" für Web-Adressen.
Champagnertauchgebiet
Was den Reedereien die einträglichen Zollfreishops mitten in der EU einbrachte - der Sonderwirtschaftsstatus Ålands -, bescherte den Inseln schon von jeher regen Schiffsverkehr. Christian Ekström, der mit seiner Familie die 1862 errichtete Pilotenstation auf dem Inselchen Kobba Klintar bewohnt, überwacht ihn nicht mehr. Für die Lücke, die das Radar in der Ålander Berufswahl hinterlassen hat, suchte er sich eine spannendere Beschäftigung: Als Wracktaucher, die die gefährlichen Gewässer um Åland wegen ihrer 4000 gesunkenen Schiffe lieben, holte er vor wenigen Monaten 70 der ältesten Champagnerflaschen der Welt aus den Tiefen. Vermutlich sind es die ältesten, bestätigen lassen muss er sich die Echtheit des 1780er-Jahrgangs derzeit noch auf vielen Frankreichreisen. Ruhm als Tauchlehrer unter den Wracktouristen hat ihm das aber schon eingebracht, und dabei wird es auch bleiben: Alles, was älter als hundert Jahre ist, gehört - Autonomie Ålands hin oder her - als Kulturerbe dem finnischen Staat.
Noch eins bleibt ihm: Die für diese Inselchenkulisse viel zu groß geratenen Fähren tauchen hier im Halbstundentakt hinter seinem Leuchtturm auf. 2011 werden sie auf ihrer von Stockholm ausgehenden Stammroute wie immer auch in Åland vor Anker gehen. Und sie werden den "abgeschiedenen" Archipel noch bekannter machen auf ihrem Weg zu gleich zwei Europäischen Kulturhauptstädten - Turku und Tallinn. (Sascha Aumüller/DER STANDARD/Printausgabe/18.09.2010)