Bogota/Wien - Angesichts des bürgerkriegsartigen Konflikts in Kolumbien ist die Zahl der Binnenflüchtlinge im vergangenen Jahr auf den Rekordwert von 412.000 Menschen gestiegen. Fast die Hälfte davon seien Kinder und Jugendliche, berichtete die Zeitung "El Tiempo" am Dienstag unter Berufung auf die Menschenrechtsorganisation Codhes. Die Organisation sammelt seit 1985 Daten über Binnenflüchtlinge.

Das vergangene Jahr war vom Ende der Friedensbemühungen mit der größten Rebellengruppe des Landes, den marxistischen "Revolutionären Streitkräften Kolumbiens" (FARC), und dem Wahlsieg des rechten Präsidenten Alvaro Uribe geprägt. Er will den seit fast 40 Jahren andauernden Konflikt durch einen militärischen Sieg über die Rebellen und die Paramilitärs beenden. Bei Anschlägen und Kämpfen sterben jedes Jahr Schätzungen zufolge etwa 3.000 Menschen.

Nach Angaben von Codhes gibt es kaum noch sichere Gegenden außerhalb der großen Städte. Insgesamt 85 Prozent aller Gemeinden berichteten, Einwohner hätten sich wegen Terroranschlägen, willkürlicher Hinrichtungen und mangelnden Schutzes durch den Staat in die größeren Städte abgesetzt. Dort leben sie meist in ärmlichen Verhältnissen. Die Zahl der Flüchtlinge seit Beginn des Konflikts wird auf mehrere Millionen geschätzt.

Die Flüchtlingszahlen wären noch höher gewesen, wenn die linken Rebellen und die extrem rechten Paramilitärs nicht in vielen Fällen die Bevölkerung an der Flucht gehindert hätten, schrieb die Organisation in ihrem Jahresbericht weiter. Oft würden die Rebellen und die Paramilitärs ganze Regionen für Wochen und Monate vom Rest des Landes abschneiden und jeden Verkehr von Personen oder Gütern, sogar von Lebensmitteln und Medikamenten, unterbinden.

ai: 180 Gewerkschafter ermordet

Über 180 Gewerkschafter sind nach Informationen der Menschenrechtsorganisation amnesty international (ai) im vergangenen Jahr in Kolumbien ermordet worden. amnesty seien Hunderte Fälle von verfolgten Gewerkschaftern bekannt, teilte die Organisation anlässlich des Tags der Arbeit am heutigen Mittwoch in einer Aussendung mit. Zum 1. Mai fordert die Organisation die kolumbianische Regierung auf, eine unabhängige Untersuchungskommission einzurichten, die begangene Menschenrechtsverletzungen aufarbeitet und effektive Maßnahmen zum Schutz von Gewerkschaftern entwickelt.

Übergriffe mehrheitlich durch paramilitärische Gruppen

Die Mehrzahl der Übergriffe auf Gewerkschafter wird laut amnesty von paramilitärischen Gruppen verübt. Die kolumbianischen Sicherheitskräfte ließen die Paramilitärs dabei fast immer frei gewähren. "In Kolumbien ist es lebensgefährlich, ein aktives Gewerkschaftsmitglied zu sein - und Schutz vom Staat ist kaum zu erwarten", so Heinz Patzelt, Generalsekretär von ai-Österreich. Besonders gefährdet seien organisierte Arbeiter des öffentlichen Sektors und der wirtschaftsstrategisch wichtigen Branchen Öl, Bergbau und Energieversorgung.

"Wer sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzt, wird schnell verdächtigt, mit linken Guerillagruppen unter einer Decke zu stecken. Dieser Pauschalverdacht kommt in Kolumbien einem Todesurteil gleich", betonte Patzelt. In dem von der Öffentlichkeit kaum beachteten Bürgerkrieg würden täglich mehr Menschen sterben als im Nahostkonflikt. Täter können weitgehend mit Straffreiheit rechnen. (APA/dpa)