Pensionsexperte Marin im STANDARD-Interview: "Ohne Harmonisierung nur halbe Sache"

29. April 2003, 18:12
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Sozialexperte ortet in der Pensionsreform neu einen "enormen Nachlass an Schmerz" - Für wichtig hält er jetzt Maßnahmen im öffentlichen Dienst

Standard: Wie beurteilen Sie die neuen Pensionspläne?

Marin: Es ist ein enormer Nachlass an Schmerz. Bei ASVG-Versicherten ist es gegenüber dem Entwurf um ein Drittel milder. Das ist mehr, als ich erwartet hätte. Es sind zum Teil großzügige Übergangsfristen. 25 Jahre Übergang bei der Durchrechnung ist sehr sanft. Die große Panne, die weiter drinnen ist, ist, dass man frühere Beitragsjahre nicht ordentlich aufwertet. Aber dem nimmt man die Giftzähne durch die Deckelung der Durch^rech^nungsverluste. Das ändert aber nichts am Gerechtigkeitsproblem der Durchrechnung: Menschen mit flachen Einkommenskurven bekommen wesentlich weniger Pension heraus als Menschen mit steilen Einkommenskurven, die dieselben Beiträge einzahlten. Diese Ungerechtigkeit wird fortgeschrieben, wenn ich mit dem Rasenmäher drübergehe und allen drei, dann zehn Prozent wegnehme. Die einzige wirkliche Lösung dafür ist ein Pensionskonto. Dann würde sich herausstellen, dass manche Leute sich einen beachtlichen Teil selbst bezahlen, andere nicht einen Bruchteil.

Standard: Das Pensionskonto wird die Nagelprobe?

Marin: Man hat einen großen Fehler gemacht - in Bezug auf Gerechtigkeit. Das war sicher ein strategischer Fehler, das Pensionskonto nicht gleich eingeführt zu haben, sondern nur anzukündigen. Alle Leute mit flachen und langen Einkommensverläufen würden dabei eindeutig gewinnen.

Standard: Die Regierung ist stolz darauf, dass in bestehende Pensionen nicht eingegriffen wird. Ist das gerecht?

Marin: Ich könnte mir einen Solidarbeitrag von wenigstens zehn Prozent bei den höchsten Pensionsbeziehern vorstellen. Nicht nach einem mechanischen Modell mit dem Rasenmäher, sondern anhand eines progressiven Satzes.

Standard: Wie lange ist das Pensionssystem mit dieser Reform jetzt gesichert?

Marin: Das steht und fällt mit der Harmonisierung und mit Maßnahmen im öffentlichen Dienst. Derzeit geht der größere Teil des Zuschussbedarfs des Bundes an Pensionisten in den öffentlichen Dienst. Also eine winzige Gruppe bezieht den Großteil der öffentlichen Zuschüsse. Das muss saniert werden. Kurzfristig wird das nicht so viel Geld bringen, langfristig ist es natürlich die größte Einsparungsmöglichkeit. Zudem steht und fällt die Gerechtigkeit der Pensionsreform mit den Maßnahmen im öffentlichen Dienst. Diese Harmonisierung und das Pensionskonto - solange das nicht geleistet ist, ist es nicht einmal die halbe Sache. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.4.2003)

Das Gespräch führte Eva Linsinger
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    Pensionsexperte Bernd Marin

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