Kirche scheut weltliche Gerichte nicht - Weihegesang mit Misstönen im Burgenland
Wien - Bis zuletzt hatte man im Erzbischöflichen Palais noch auf eine Einigung gehofft. Seit vergangenen Samstag muss man hinnehmen, dass einige Opfer kirchlicher Gewalt nicht länger bereit sind, auf das jüngste Gericht zu warten, sondern sich lieber irdischer Judikatur anvertrauen. Für den Wiener Opferanwalt Werner Schostal sind auf jeden Fall die Verhandlungen mit der Opferanwaltschaft unter der Leitung der ehemaligen steirischen Landeshauptfrau Klasnic geplatzt, man bereite "jetzt Klagen gegen die römisch-katholische Kirche in Österreich vor" - der Standard berichtete.
"Das bringt uns jetzt nicht sonderlich aus der Fassung. Wir sehen Klagen eher gelassen entgegen", versucht Erich Leitenberger, Sprecher von Kardinal Christoph Schönborn, im Gespräch mit dem Standard zu beruhigen. Man habe von Anbeginn an damit gerecht, dass auch Klagen kommen würden. "Wir sind sicher nicht davon ausgegangen, dass alle Betroffenen unsere Entschädigungsvorschläge akzeptieren. Jetzt sind halt dann die Gerichte am Zug", erklärt Leitenberger.
Unheil im Burgenland
Und während man Wien noch damit beschäftigt ist, die Scherben nach der Krise zu beseitigen, droht im Burgenland bereits neues Unheil. Gut eine Woche vor der Weihe von Ägidius Zsifkovics zum neuen Diözesanbischof von Eisenstadt ist der Ärger unter Laien groß. Auslöser dafür ist vor allem die Absage eines seit längerem geplanten Diözesantages am 23. Oktober durch Zsifkovics. Für Eduard Posch, Mitglied des Pastoralrates, eine Missachtung der Laien. Es habe den Anschein, dass der Weg der Begegnung und des Dialogs, den Bischof Paul Iby eingeschlagen hat, "revidiert wird", befürchtet Posch.
Doch Kritik kommt auch vom bischöflichen Vorgänger selbst. Iby ärgert vor allem der Ablauf der Bestellung seines Nachfolgers: ""Es wäre mir schon recht gewesen, wenn ich es früher erfahren hätte als die Medien". Auch das Tempo der Ernennung stellt der ehemalige Bischof infrage: "Was ich mir gewünscht hätte ist, dass man jene Umfragen, die in letzter Zeit gemacht wurden, auch beachtet hätte. Die Kürze der Zeit zwischen der Befragung und der Ernennung lässt vermuten, dass auf diese Fragen und Antworten nicht sehr geschaut wurde. "
Gulasch-Philosophie
Doch mit Problemen will sich das neue kirchliche Oberhaupt im Burgenland zumindest bis zur Weihe am kommenden Samstag im Martinsdom in Eisenstadt - erwartet werden zum Festgottesdienst bis zu 5000 Menschen, darunter vier Kardinäle, 54 Bischöfe und über 230 Priester - nicht auseinandersetzen. Und auch nach der offiziellen Amtsübernahme plant Zsifkovics kirchenpolitische Fragen nur sehr selektiv zu beantworten. Er wolle nämlich "nicht neue Beiträge zu Altem, Aufgewärmtem" leisten. Das Einzige, das aufgewärmt besser werde, sei das Gulasch, "und das schmeckt mir auch".
Der Rekord an Kirchenaustritten sei ein "Spiegelbild unserer Gesellschaft", dass man sich bis zu einem gewissen Grad nicht binden wolle. "Wenn das Evangelium nicht glaubwürdig gelebt und dargestellt wird, wird es auch keine Resonanz finden", ist der künftige Oberhirte überzeugt. Sich selbst bezeichnete Zsifkovics als "ein Kind der Basis", nachdem er 17 Jahre als Pfarrer tätig gewesen sei. Sein Wahlspruch - "Was er euch sagt, das tut" - sei gleichermaßen für ihn selbst Programm wie für die Priester und jeden Christen.
Ein großer Stellenwert soll bei der Weiheliturgie am Samstag - etwa bei den Lesungen, bei der Befragung zum Weiheversprechen und beim Gesang - der Mehrsprachigkeit zukommen. Präsentiert wurde am Montag auch das liturgische Gewand des neuen Bischofs: eine in weiß gehaltenen Mitra mit einem weißen Messgewand. Der Hirtenstab ist ein Geschenk von Priestern.
Und der künftige Eisenstädter Bischof gibt sich, zumindest was die Weihe-Feierlichkeiten anbelangt, wenig bescheiden: "Es wird nicht nur ein lokales, sondern auch ein grenzüberschreitendes, um nicht zu sagen ein weltkirchliches Ereignis. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD-Printausgabe, 21.9.2010)