Dem Berg in der Stadt folgt die Party am Fuß

  • Die Tirolerin Anna Stöhr (22) krallt sich am Boulder fest. In Innsbruck 
kürte sie sich erstmals zur Europameisterin.
    foto: öwk

    Die Tirolerin Anna Stöhr (22) krallt sich am Boulder fest. In Innsbruck kürte sie sich erstmals zur Europameisterin.

  • Fast 5000 Fans zitterten in Innsbruck beim Finale im Bouldern mit. Mehr 
Zuschauer hätte der Marktplatz definitiv nicht vertragen.
    foto: öwk

    Fast 5000 Fans zitterten in Innsbruck beim Finale im Bouldern mit. Mehr Zuschauer hätte der Marktplatz definitiv nicht vertragen.

Fünf Medaillen konnten Österreichs Athleten bei der Heim-EM erklettern

Innsbruck - Wie eine mathematische Gleichung hängen die bunten Griffe in der steil überhängenden Wand. Kreisförmige Griffe wechseln sich mit Halbkugeln ab, Trapeze mit Pyramiden. Dass über diese sogenannten Boulder ein Weg ganz nach oben führen soll, wirkt fast lächerlich. Manche Griffe sind so klein, dass sich keine drei Finger gleichzeitig daran festkrallen können. Und manche sind so groß, dass man Spidermans Handflächen bräuchte, um daran festzukleben.

Anna Stöhr, die 22-jährige Tirolerin, ist eine der sechs Finalistinnen. Sie steht vor der Wand, taucht ihre Hände in Magnesium, visualisiert. Es ist, als ob man einem Mathematikprofessor beim Denken zuschaut. Wenige Augenblicke zuvor hatte sich die Französin Melissa Le Neve an der Wand versucht. In vier Minuten schaffte sie es trotz größter physischer Anstrengung nicht.

Anna Stöhr ist in nicht einmal dreißig Sekunden oben. Im allerersten Versuch. "Flash" nennen das die Kletterer, wenn gleich der erste Anlauf klappt. Das unüberwindbare Hindernis der Französin ist verschwunden, war nie da. Anna Stöhr hat es quasi übersprungen. Als sie bis über beide Ohren grinsend den letzten Griff wie vorgeschrieben einige Sekunden festhält, kriegt sich hinter ihr die jubelnde Menge auf dem überfüllten Innsbrucker Marktplatz nicht mehr ein.

Erstmals Europameisterin

Und weil die Sportstudentin drei von vier Parcours mit den wenigsten Versuchen bewältigte, stand die Weltmeisterin von 2007 am Ende erstmals als Europameisterin da. "Wahnsinn", sagte Stöhr, "vor so vielen Menschen bin ich noch nie geklettert."

Fast 5000 begeisterte Zuschauer wohnten bei freiem Eintritt dem letzten Event der Kletter-EM in Imst und Innsbruck bei. Werden die Berge in die Stadt gebracht, ist das immer eine Party. Im Winter sind es zum Beispiel die Freestyle-Snowboarder am Bergisel. Im Sommer entdecken die Kletterer dieses Potenzial erst.

Dabei ist Österreich eine Wettkletter-Macht. Fünf Medaillen konnten sich Aktive des ÖWK in den drei Bewerben Vorstieg, Speed und Bouldern sichern. Im Vorstieg, dem mit Seil gesicherten Klettern, gab es in Imst Gold (Angela Eiter), Silber (Johanna Ernst) und Bronze (Jakob Schubert).

Kilian Fischhuber, der Lebensgefährte von Stöhr, wurde im Boulder-Bewerb am Samstag ebenfalls Dritter, hinter dem überragenden Schweizer Cedric Lachat (26) und dem erst 17-jährigen Tschechen Adam Ondra.

Für Fischhuber und Stöhr ist die Saison mit der EM beendet. Was sie also nächste Woche machen werden? Stöhr: "Klettern." Fischhuber: "Klettern." Diesmal ist es kein gemeinsamer Aktivurlaub. Auf die Tirolerin warten Felsen in der Schweiz. Und der 27-jährige Niederösterreicher fährt nach Mallorca. Statt Ballermann steil aufragende Felsblöcke, die im Meer stehen und die es ohne Seil zu besteigen gilt. "Deep Water Soloing" nennt sich das. "Versagen die Fingerkuppen, fliegt man bis zu 15 Meter tief ins Wasser", erzählt Fischhuber. "Am Ende soll dann ein lässiges Video stehen."

Nur eine Handvoll

Nur vom Sport und von zahlungskräftigen Sponsoren können höchstens eine Handvoll Kletterer weltweit leben. Fischhuber, immerhin vierfacher Weltcup-Gesamtsieger, kann es nicht, da reißen ihn die 1000 Euro Preisgeld für den dritten Platz in Innsbruck auch nicht heraus. Der Niederösterreicher wurde als erster Kletterer beim Bundesheer als Zeitsoldat aufgenommen. Außerdem hofft er, in drei Jahren sein Studium (Sport und Englisch auf Lehramt) abschließen zu können.

Stöhr ist ebenfalls inskribiert, als Sportstudentin an der Uni und ab Oktober auch beim Heer. In Graz geht es mit der vierwöchigen Grundausbildung los, in Innsbruck wird fortgesetzt.

Rupert Messner, der Coach von Stöhr und Fischhuber, hofft nach der erfolgreichen Heim-EM auf eine Professionalisierung des Sports und seines Umfeldes. "Die Veranstaltung haben Leute vom Österreichischen Wettkletterverband neben ihren normalen Jobs auf die Beine gestellt."

Als Stadt-Event ist 2011 auch wieder ein Boulder-Weltcup in Wien geplant. Die Euphorie müsse aber vor allem in der Kletterhauptstadt Innsbruck genützt werden. "Nicht nur im Winter wird die größte Kletterhalle am Tivoli viel zu klein. Da kommen jährlich 50.000 Kletterer hin", sagt Messner. (David Krutzler, DER STANDARD Printausgabe 20.09.2010)

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6 Postings
jep, goldiger Nebenverdienst für EM Mitarbeiter?

... wenn frau/mann bedenkt wie einfach und unaufwendig diese tiroler kletter-em gestrickt war, dann darf man hier nicht vom großen erfolg sprechen

als zuschauer sitzt man auf gras oder stoh in imst, sau kalt und feucht, oder in innsbruck steckt man dicht gedrängt am marktplatz, die kletterbühne war für viele kaum zu sehen, einen event stellt man sich anders vor ...

und dafür stopft man rund 500.000 euro an steuergeld in die organisatoren, welche kletter-funktionäre und kletter-mitarbeiter haben bei dieser kletter-em wirtschaftlich die stockerlplätze abgeräumt???

über die vielen vereinskonten läst sich angeblich vieles viel leichter verschieben, ein verein verrechnet den andern, und die kohle landet wer weiß wo ...

Griffe, die wie eine "mathematische Gleichung" hängen, und eine Menge, die sich "nicht mehr einkriegt"

Wirklich ein urtoller Stil.

interessante Stellung von Frau Stör

endlich kann ich mir vorstellen, wie eine mathematische Gleichung in der Wand hängt!

super coole

veranstaltung, nur schade, dass ondra nicht ganz bei der sache war.
stöhr war einfach atemberaubend, ohne konkurenz.

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