Für österreichische Stromversorger öffnet sich möglicherweise ein Mondfenster in Deutschland. Grund: die Verlängerung der AKW-Laufzeiten
Nicht nur in Deutschland hat die Absicht der konservativ-liberalen Regierung von Angela Merkel, die Laufzeiten der 17 Atomkraftwerke um durchschnittlich zwölf Jahre zu verlängern, für Aufregung gesorgt. Auch aus Österreich, einer Oase im AKW-durchsetzten Europa, gab es geharnischte Proteste. Nun zeigt sich, dass gerade österreichische Energieversorger Nutznießer der jüngsten Vorkommnisse in Deutschland sein könnten.
"Das Bedürfnis nach atomfreiem Strom ist in Deutschland deutlich stärker ausgeprägt als in Österreich. Der Atomstreit wird dem noch mehr Dynamik verleihen", sagte der Geschäftsführer der Energie Allianz, Christian Wojta, dem Standard bei einem Lokalaugenschein in Essen.
Die Energie Allianz, die gemeinsame Strom- und Gasvertriebsfirma von Wien Energie, EVN (NÖ), Bewag und Begas (Burgenland), hat sich vor drei Jahren in die Höhle des Löwen gesetzt und in Essen, dem Sitz des deutschen Stromkolosses RWE, sein erstes Vertriebsbüro im Ausland aufgesperrt. Neben Leipzig, Hoheitsgebiet von Vattenfall, hat die Energie Allianz Anfang des Monats auch in München ein Büro aufgesperrt, um Kunden im süddeutschen Raum zu werben. Dort heißen die Platzhirsche Eon und EnBW (Energie Baden-Württemberg). Letztere ist in Österreich an der EVN beteiligt.
In Österreich erwarteten Verbraucher, dass "Strom ohne Atom" aus der Steckdose komme. In Deutschland sei das nicht selbstverständlich. Zuletzt habe der deutsche Ökoanbieter Lichtblick "mehrere 100 GWh zertifizierten Grünstrom bei uns gekauft" und weiterverteilt. Eine Gigawattstunde entspricht einer Mio. kWh.
Zur Öko-Marktbearbeitung haben die Allianz-Partner eine eigene Firma gegründet - Naturkraft. Diese arbeitet vollcomputerisiert von der Zentrale in Wien aus, ebenso der Diskonter Switch.
Wettbewerb wird härter
Der Kampf um wechselwillige Kunden auf dem deutschen Ökostrommarkt wird indes intensiver. Verbraucher können nach Erhebungen des Verbraucherportals toptarif.de in den 100 größten Städten meist zwischen 64 Ökostromanbietern wählen. Auch der Verbund versucht nun verstärkt, mit seinen Ökostromprodukten in Deutschland zu landen.
Hauptzielgruppe der Österreicher bleibt das Großkundensegment, dem es um Sicherheit, Flexibilität und den besten Preis geht. Die Energie Allianz, die u. a. Tengelmann und die Deutsche Bundesbank beliefert, hat in Deutschland zuletzt 1,3 TWh (Terawattstunden; 1,3 Mrd. kWh) abgesetzt und möchte 2011 auf 2,8 TWh kommen. "Dann haben wir keine Probleme mehr, dann fliegt die Kiste", sagte der für den Vertrieb zuständige Johann F. Mayer. (Günther Strobl aus Essen, DER STANDARD, Printausgabe, 20.9.2010)