Walter Benjamins berühmte Allegorie vom "Engel der Geschichte": Wie können wir sie für unsere fragmentierte und globalisierte Welt in Bewegung versetzen?
Seascapes heißt die großformatige Serie von Schwarz-Weiß-Fotografien des Fotokünstlers Hiroshi Sugimoto, die Meereslandschaften zeigen, die nur aus Wasser und Himmel bestehen und durch eine immer in der gleichen Höhe liegende Horizontlinie miteinander inhaltlich verbunden sind. In einigen der Bilder verschwimmt diese Linie zwischen Ozean und Himmel.
Als ich vor einiger Zeit die erste große Retrospektive des Künstlers in Düsseldorf besuchte, betrat ich, wie alle Besucher, die Welt Sugimotos durch einen Raum, in dem mehrere dieser Bilder auf einer konkaven, die Krümmung des Horizonts aufnehmenden 40 Meter langen Ausstellungswand nebeneinander angeordnet waren. Mit dem Betreten dieses Raumes ereignete sich für mich eine der seltenen Sensationen, die man sich von Kunst ersehnt: Die Bilder ließen mich ganz unmittelbar höchste Konzentration und Kraft spüren und übten einen ungeheuren Sog auf mich aus.
Ich empfand sie als extrem konsequent in der Ausführung und als sehr klar in ihrer Botschaft. - Eine Sensation, wenn man bedenkt, dass es sich um eine Inszenierung eigentlich unspektakulärer Bilder handelte. Doch die Wirkung der Idee hat seitdem nicht nachgelassen. Ich habe immer noch das Gefühl, sofort in diesen Bildern verschwinden zu können, weil sie Vertrauen erwecken und der Seele Ruhe bieten.
Mächtige Flügelschläge
Etwas später inszenierte ich in derselben Stadt Heiner Müllers Auftrag. In meiner Inszenierung betritt ein Engel die Bühne, der von der kontemplativen Ruhe Sugimotos weit entfernt ist und sich Hals über Kopf in Sätze stürzt wie: "Ich bin, der sein wird. Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen." In Müllers Texten heißt diese Figur "Glückloser Engel" oder "Engel der Verzweiflung". Beide Namen reißen einen Widerspruch auf zwischen dem, was wir uns unter einem Engel als Götterboten und überirdischem Wesen vorstellen, und seiner hier offensichtlich nicht ganz so souveränen Rolle.
Während Müllers Engel mit dichterischer Wucht und dem "Rauschen mächtiger Flügelschläge" auf- und wieder abtritt, hat Walter Benjamin anhand einer ähnlichen Figur eine seiner geschichtsphilosophischen Thesen entwickelt. Dabei bezieht er sich interpretierend auf ein weiteres Kunstwerk: "Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm."
Benjamins Engel weiß zwar von seiner eigentlichen Mission, in einen Vorgang unaufhaltsamen Zerfalls helfend und heilend einzugreifen, versagt aber angesichts dieser Aufgabe. Er hat sich zwischen Vergangenheit und Zukunft verhakt und kann weder auf Vergangenes zugreifen noch Zukünftiges ins Auge fassen - ein Dilemma, das einen körperlichen Schmerz in mir hervorruft und außerdem ein Traumbild, das, einmal eingegraben, schwer wieder loszuwerden ist. Es provoziert in mir den Wunsch, den Engel zu befreien.
Barocke Zerstückelung
Als Choreograf ist mir an Benjamins Text das Vorgehen vertraut, über eine Körperhaltung eine Erzählung zu vermitteln. Auch mein Tagesgeschäft besteht darin, Bilder zu finden für Gedanken und Geschichten und sie den Körpern von Tänzern und Tänzerinnen, Sängern und Sängerinnen, Schauspielern und Schauspielerinnen zu überantworten. Allerdings empfinde ich Benjamins "Engel der Geschichte" von 1940 als heute etwas verbrauchte oder ermüdete Allegorie für eine fortschrittspessimistische Weltsicht. Seine Deutung erinnert an die barocken Allegoriker, für die Geschichte kein Prozess war, in dem sich fortwährend Leben gestaltet, sondern eher ein Vorgang unaufhaltsamen Zerfalls.
Womit wir wieder in der Gegenwart landen, denn die barocke Zerstückelung ist ein Topos, der nicht weit entfernt ist von der Fragmentierung unserer globalisierten Gegenwart mit ihren Endzeiterwartungen von ökologischen, humanitären und finanziellen Katastrophen. Benjamins Engel ist "wir", er kann in das Weltgeschehen nicht eingreifen, er ist nur ihr in Schrecken erstarrter Zuschauer. Und wie wir selbst ist auch er ein leicht überfordertes Mängelwesen. Er ist gewissermaßen unser gut informierter Sitznachbar im "theatrum mundi", das wir täglich auf verschieden großen Bildschirmen verfolgen.
Das zentrale Ereignis in Benjamins Erzählung des Engels ist der Blick, sein in Schrecken erstarrtes Antlitz. Ich stelle mir vor, der Engel wäre Teil des Blickes der Zuschauer, und wie er oder durch ihn sieht der Zuschauer auf die Darsteller des Stückes, das ich "Engel der Verzweiflung" nenne, wie durch einen Filter.
Der Engel ist die Bündelung aller Blicke des Zuschauerraumes, während er mitten im Geschehen, auf der Bühne, landet. Und mit ihm möchten wir am Ende des Abends ein Gedankenexperiment unternehmen: Was würde der Engel sehen, besäße er die Kraft und den Mut, sich umzudrehen und seinen Blick, zurück nach vorn, in die Zukunft hineinbohren? Es ist an der Zeit, die berühmte Allegorie wieder in Bewegung zu versetzen.
In einem Cyberlabor zum Thema Zukunftstechniken, dessen Gastgeber ich im Festspielhaus St. Pölten war, bin ich auf den Soziologen und Netzwerktheoretiker Bruno Latour gestoßen. Anfang des Jahres hat er in einem Vortrag sein "kompositionistisches Manifest" vorgestellt, in dem er unter anderem die Kategorie des Fortschritts einer kritischen Revision unterzieht.
Fortschritt ist - um es etwas unterkühlt oder analytisch zu sagen - die Bewegung, die das Denken und Handeln unserer westlichen Moderne seit der Aufklärung wesentlich prägt. Fortschritt strebt immer zum Höheren, Besseren, Weiteren. Fortschritt bewegt sich entlang einer linearen Auffassung von Zeit. In unserer Gesellschaft hat sich die Kategorie des Fortschritts von der Forderung nach moralischer Läuterung zu einer unerbittlichen Maschinerie der Innovation und der Vermehrung entwickelt, bei deren Ausfall Systeme kollabieren.
Ohne permanent etwas "Neues" in die Welt zu setzen, ist heute weder eine wirtschaftliche noch eine künstlerische Unternehmung erfolgreich. Ohne Prognosen auf Gewinn und Wertsteigerung brechen unsere Märkte zusammen - wobei die Unterscheidung von Realität und Fiktion dabei keine Rolle mehr spielt. Fortschritt ist eine Bewegung, die zurzeit überall an ihre Grenzen stößt. Jeder Schritt nach vorn scheint nebenbei auch einen spezifischen Fehler mitzuproduzieren und das Scheitern nur jeweils auf ein höheres Niveau zu verlegen.
Latour vergleicht Benjamins fortschrittspessimistischen Engel mit dem modernen Menschen, der immer viel zu beschäftigt damit war, über die Vergangenheit zu erschrecken, als sich offenen Auges wirklich mit der Zukunft zu konfrontieren. Erst mit der ökologischen Krise, sagt Latour, habe man begonnen, über das Kommende nachzudenken und einen zaghaften Blick nach vorn gewagt. Ein erster Blick nach vorn kann vieles sein. Ich erinnere mich dabei an einen Traum, von dem ich jahrelang immer wieder heimgesucht wurde. Darin verfolgte mich etwas unsäglich Grauenvolles, etwas, das mich so in Angst versetzte, dass ich ein Umdrehen für unmöglich hielt. Als ich es schließlich doch tat, war das, was ich sah, zwar nicht weniger grauenvoll, aber fassbarer. Ich konnte es ansehen, ansprechen und in der Folge langsam vergessen.
Wie einem Samurai nahm mir diese Konfrontation, welche die Möglichkeit meines eigenen Todes einschloss, paradoxerweise die Angst und vertrieb andere Träume dieser Art. Ein schonungsloser Blick in die Zukunft zeigt nicht unbedingt eine schöne Welt. Aber er kann uns zu einer produktiven Konzentration verhelfen, die im besten Fall weitsichtige Entscheidungen in der Gegenwart begünstigt.
Können wir uns eine Alternative zum Fortschritt vorstellen? Dies ist für mich eine zentrale Frage unserer Zeit. Oder, um es mit den Worten Latours genauer - und vielleicht auch tänzerischer - auszudrücken: "Es ist, als müssten wir uns von einer Idee unausweichlichen Fortschritts wegbewegen zu einer Idee fortschrittlichen, zaghaften und vorsorglichen Fortschreitens. Es ist immer noch eine Bewegung. Es geht immer noch voran. Aber die Grundhaltung ist völlig verschieden."
Latour eröffnet mit dieser Umdeutung einen Weg, der möglich ist. Und dennoch kann ein einzelner Mensch die Frage nach dem richtigen Umgang mit der Zukunft ebenso wenig beantworten wie der "Engel der Verzweiflung" helfend eingreifen. Auf der Bühne habe ich die Freiheit, mit Blicken zu experimentieren und neue Perspektiven zu eröffnen. Ich kann z. B. einen "Engel" fliegen, Salto schlagen und dann wieder landen lassen. Was sich einfach anhört, ist natürlich extrem schwer umsetzbar, aber das Theater erweist sich als guter Ort, um jenseits pragmatischer Forderungen Visionen und Haltungen zu erproben, für die mir und wohl uns allen im Alltag der Mut fehlt.
Das Theater bietet diese Möglichkeiten an. Es gibt uns das Privileg, keine Antworten produzieren zu müssen, sondern Gefühle, Begriffe und Gedanken erschüttern zu dürfen, um sie für den Alltag außerhalb der Bühne brauchbar zu erhalten. Das Theater arbeitet immer mit einer Verschiebung von Proportionen, welche die Dinge klarer hervortreten lässt. Dabei geht es immer um dieselbe Katastrophe: den Menschen.
Im Theater kann man dem Menschen dabei zusehen, wie er auf der Bühne auf- und auch von ihr wieder abtritt. Das kann erfrischend einfach und ungeheuer kompliziert sein. Es ist in jedem Falle aufschlussreich.
"Kann jemand heute einen Schauplatz so sehen, wie ein urzeitlicher Mensch ihn gesehen haben mag?", fragt Sugimoto im Kontext seiner Seascapes. Diese Frage lässt sich auch in zeitlicher Gegenrichtung mit Blick nach vorn stellen: "Könnte der Schauplatz einer Zukunft, in der ich nicht mehr da sein werde, aus der mit mir alle Menschen verschwunden sein werden, eine Welt nur aus Wasser und Himmel sein?" Eine Vorstellung, die mehr "Zen" ist, als dass sie Bedrohung sein könnte. Wasser und Himmel. Was fehlt? (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.9.2010)
Über den Autor:
Joachim Schlömer, Jg. 1962, ist Tänzer, Choreograf, Regisseur, künstlerischer Leiter des Festspielhauses St. Pölten. Die neue Saison eröffnet am 25. 9. 2010 mit Schlömers Tanztheaterproduktion "Engel der Verzweiflung", in der ein Engel auf die Erde zurückkehrt.