Für Fischer und Hoteliers beginnt Katastrophe erst

17. September 2010, 19:22

Leere Netze, verwaiste Strände und eine ungewisse Zukunft: nach Ölkatastrophe sind Langzeitfolgen unklar

Neulich im Weißen Haus. Die Footballstars der New Orleans Saints, Überraschungssieger des diesjährigen Superbowl-Finales, lassen sich nachträglich von Präsident Barack Obama feiern. Drei zusammengeschobene Tische reichen gerade, um den Clou des Tages zu präsentieren, einen zehn Meter langen Austern-Krabben-Po'boy. Eine Delikatesse vom Mississippi, die Meeresfrüchte garniert und dekorativ zwischen Sandwichhälften gepackt.

Ein Rekordversuch fürs Guinness-Buch war es nicht. Vielmehr wollte der Marketing-Verband der Fischereiindustrie Louisianas die Werbetrommel rühren. Der Hausherr belohnte es durch schöne Worte vom Neubeginn. Für Obama geht der Blick nur noch nach vorn, für ihn ist die schlimmste Ölpest der US-Geschichte so gut wie abgehakt. Für Dean Blanchard fängt alles erst an.

Seiner Regierung glaubt er nichts mehr, dem Ölkonzern BP auch nicht, seit am 20. April die Bohrinsel Deepwater Horizon explodiert ist. Blanchard ist so etwas wie der Garnelenkönig des Küstenstädtchens Grand Isle. Bei ihm liefern die Fischer im südlichsten Zipfel Louisianas ihre Ware ab. Er braucht keine Statistiken, ihm genügt der Augenschein: "Meine Leute fangen höchstens ein Zehntel dessen, was sie sonst im September fangen."

Ozeanbehörde NOAA: nur noch ein Viertel des Öls im Meer

Seit die Ozeanbehörde NOAA im August eine überraschend optimistische Zwischenbilanz zog, liest der Händler ihre Tabellen nicht mehr. Laut NOAA bedroht nur noch ein Viertel des ausgelaufenen Öls das Meer und die Küsten. Ein Fünftel wurde abgesaugt, verbrannt oder durch versprühte Chemikalien zersetzt, gut die Hälfte durch Verdunstung oder Mikroben. Blanchard kommentiert es mit Galgenhumor, am Telefon hört man die Spottlust in seiner Stimme. "Na, irgendwann werden die Bakterien an Land kommen und uns alle fressen."

Sein stickiges Containerbüro liegt am Ufer der seichten, schilfgesäumten Barataria Bay. Deren Krabbengründe sind teils gesperrt, teils üben sich die Leute in freiwilligem Verzicht. In guten Zeiten konnten 14.000 Fischer und ihre Familien vom Garnelenfang leben, in zwölf Monaten 1,4 Milliarden Dollar Umsatz machen. Mit solchen Zahlen rechnet so schnell keiner mehr.

Bei ersten Tests mit Krabben und Tunfisch aus dem Golf haben Laboranten zwar keine Ölspuren entdeckt, die Branche bleibt dennoch skeptisch. Sie hält es mit Acy Cooper, einem Krabbenfischer aus Venice, der vor einem Kongressausschuss Tacheles redete. Cooper hatte teerige Klumpen auf dem Meeresgrund entdeckt und die Küstenwache alarmiert. "Die sagten mir, nein, das ist kein Öl. Es dauerte drei Tage, bis mir jemand zugehört hat."

Was Blanchard am meisten nervt, ist die quälende Ungewissheit: "Was, wenn Leute krank werden, nachdem sie Garnelen gegessen haben?" Er weiß zu wenig, vor allem über die Dispersionsmittel, die BP versprüht hat, um den Ölteppich aufzuspalten. Was die bewirken, könne niemand zuverlässig sagen. Die Regierung müsse Garantien geben, um seine Branche im Klagsfall zu schützen." Blanchard. "Das tut sie nicht. Damit bleibt es allein unser Risiko."

Ärzte besorgt wegen Psyche

Auch ausgewiesene Fachleute zweifeln an den rosaroten Szenarien aus Washington. Fast vier Fünftel der 4,1 Mio. Fass (je 159 Liter), die nach offiziellen Schätzungen aus der Macondo-Quelle austraten, sind noch im Wasser, glaubt Samantha Joye, Meeresbiologin der Universität Georgia.

Es sind nicht so sehr die schockierenden Bilder ölverkrusteter brauner Pelikane, die bei den Forschern Alarm auslösen. Bisher wurden rund 7000 Vögel mit verschmiertem Gefieder geborgen, tote und lebende. 1989, als der Tanker Exxon Valdez vor der Küste Alaskas auf Grund lief, verendete mindestens eine Viertelmillion. Im Vergleich dazu ging es im deutlich wärmeren Golf glimpflich ab. Am elf Kilometer langen Strand von Grand Isle haben Schaufelkommandos die Teerbrocken weggekratzt. Die ablaufende Badesaison ist als Totalpleite verbucht, doch für den nächsten Sommer, verkündet Bürgermeister David Carmadelle, sei man bereit - "zu hundert Prozent". Das eigentliche Problem, betont MacDonald, sei unsichtbar. Der Langzeiteffekt.

Ärzte machen sich Sorgen, wie die Küstenbewohner die seelischen Strapazen verkraften. Unsichere Aussichten führen zu Angst. Howard Osofsky, Psychologe an der Louisiana State University, spricht von einem zweiten Schlag nach dem ersten, kaum verdauten. Die meisten Fischer, weiß er, lassen sich nicht behandeln. Es gehe gegen ihr Selbstverständnis: Harte Kerle brauchen keine Seelenmassage. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD-Printausgabe, 18./19. 9. 2010)

Langzeitfolgen

Die Langzeitfolgen der Katastrophe sind nicht abzuschätzen und auch scheinheilige Einmalzahlungen helfen da gar nichts. Hier ein spannender Artikel über die Folgen der Ölpest für die Fischerei:

http://www.fisch-gruber.at/2010/07/1... fischerei/

Der Artikel ist vom 12. Juli...nicht gerade aktuell, eher implizite Werbung.

Das "Alter" des Artikels beeinflusst seinen Informationsgehalt nicht signifikant und die spezifische Sicht auf den Fischsektor scheint mir eine sinnvolle Ergänzung zum obigen Artikel zu sein.

Auch das "Alter" des Artikel ändert nichts an seinem Informationsgehalt und seiner spezifischen Sichtweise auf den Fischsektor, was ich als interessante Ergänzung zum obigen Artikel empfand.

Zu vier fünftel wäre ich verunsichert, wenn ich ein AMI wäre

dreiviertel des Artikels erscheinen mir sehr glaubhaft, und bei zwei fünftel der Schreckensmeldungen halte ich die Hälfte für überzogen und den Rest für glaubhaft.

Kennen sie sich jetzt aus? Ich auch nicht.

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