Alexander Van der Bellen will in Wien Stadtrat werden - Wahlkampfauftritte absolviert er betont gelassen
Alexander Van der Bellen und das Wahl"kämpfen" - das ist so eine Sache. Einen seiner raren Wahlkampf-Auftritte auf der Straße beginnt der ehemalige Parteichef der Grünen erst einmal gemütlich im Kaffeehaus. Hier finden sich die grünen Mitstreiter nach und nach ein. Ein paar Schüler gehen am Gastgarten des Café Hummel im achten Wiener Gemeindebezirk vorbei , machen ein Foto mit ihrem Handy und tuscheln: "Schau, der Van der Bellen". Es ist das Straßenfest in der Josefstadt; die gesamte Josefstädter Straße ist mit Ständen und Musikgruppen bevölkert. Darunter mischen sich auch Van der Bellen und der grüne Spitzenkandidat in der Josefstadt, Alexander Spritzendorfer.
"Jetzt weißt du
auch wie die aussehen!"
Eigentlich gibt es ein Agreement, hier kein Werbematerial zu verteilen, so Spritzendorfer. Dementsprechend unauffällig bewegen sich die Grünen durch die
flanierenden Menschen. Keine grell-grünen T-Shirts, keine Luftballons, Kugelschreiber oder ähnliches. Spritzendorfer zeigt Van der Bellen das Fest, die Initiativen des Bezirks, die sich hier präsentieren. Van der Bellen grüßt zwar freundlich, überlässt das Reden aber lieber den anderen und widmet sich den aufliegenden Broschüren. Reaktionen auf der Straße ruft der Politiker auch so hervor: Eine Frau bückt sich etwa zu ihrer Tochter und sagt, auf Van der Bellen
zeigend: "Das ist der Van der Bellen, ein Politiker. Jetzt weißt du
auch wie die aussehen!"
Es war kein leichtes Jahr für die Josefstädter Bezirksgrünen, kein leichtes für die Wiener Grünen. Spaltungen, Streitereien um Listenplätze und zuletzt der Wechsel von Bundesrat Schennach zur SPÖ. "Die Ereignisse im Frühjahr kannst eh nur abhaken", sagt Van der Bellen dazu. Im Wahlkampf konzentrieren die Grünen sich auf ihre Bezirke, die Josefstadt ist heuer aufgrund der Spaltung der Partei ein sogenannter "Swing State".
"Neugierig bin ich schon"
Der "Professor" will es in Wien noch einmal wissen, besser gesagt: auf den Wunsch vieler Grünen versucht er es bei der Wahl am 10.Oktober. Van der Bellen hat keinen Listenplatz, keine große Erfahrung in der Lokalpolitik. Die Vorzugsstimmen sind seine einzige Chance in den Landtag zu kommen. Dafür braucht er rund 12.000 Stimmen. Ob das klappt? Sicher ist sich Van der Bellen jedenfalls selbst nicht. Doch: "Wenn ich tatsächlich die Vorzugstimmen bekomme und es zu Rot-Grün kommt, zieh ich auf jeden Fall in den Landtag ein. Wenn es eine Absolute der SPÖ gibt oder eine rot-schwarze Koalition, dann werde ich mir das noch einmal überlegen", so Van der Bellen gegenüber derStandard.at. Dass der Wiener Landtag ein anderes Pflaster ist als das Parlament, dessen ist er sich bewusst: "Neugierig bin ich schon. Ich weiß allerdings auch, was man
so gemeinhin über das Rathaus sagt."
"Es weiß doch jeder, dass
jetzt Wahlkampf ist"
Ist eine Koalition mit der SPÖ überhaupt möglich? Schließlich finden die Grünen derzeit nicht viel Gutes an der SPÖ: "Wahlkampf ist Wahlkampf. Ich
würde mir aber wünschen, dass die
Wiener verstehen, dass die Stadt nicht der SPÖ gehört. Häupl muss sich überlegen, ob er als Verwalter, oder einer, der
Gelegenheiten wahrgenommen hat, in Erinnerung bleiben will", sagt Van
der Bellen um Rot-Grün leise werbend. Vor einer Woche haben die Wiener Grünen ihr Wahlprogramm vorgestellt, darin wird viel gefordert: unter anderem die Halbierung der Arbeitslosenrate in Wien. Sind die Forderungen nicht abseits jeglicher Finanzierungsrealität? Der Wirtschaftsprofessor entgegnet: "So lange es nicht
zu krass ist, sehe ich das nicht als Problem. Es weiß doch jeder, dass
jetzt Wahlkampf ist."
Mitten auf der Josefstädter Straße tanzt ein Paar Tango. Hier bleibt Van der Bellen lange stehen, wippt begeistert mit. Seine Begleiter müssen ihn dazu drängen, weiterzugehen. Er gibt zu: "Ich muss leider weitergehen, sonst würd ich mich hinhocken und stundenlang zuschauen". Wenig später kommt es zum Aufeinandertreffen mit der Konkurrenz. Walter Sonnleitner, ehemaliger ORF-Redakteur und nun Spitzenkandidat des BZÖ, hat sich mit BZÖ-Chef Josef Bucher vom Parlament hinauf zum Gürtel bewegt. "Wie geht's denn, Herr Professor?", will Bucher wissen. Es folgt ein freundschaftlicher Austausch über die letzten gemeinsam besuchten Veranstaltungen.
Van der Bellen kann sich Finanz- oder Wohnbaustadtradt vorstellen
Van der Bellens vorrangiges Ziel ist es, Stadtrat zu werden. "In einem interessanten Ressort, natürlich", so der derzeitige Nationalratsabgeordnete. Finanzen oder Wohnbau, das würde ihn interessieren. "Es ist vielen Leuten nicht bewusst, dass Wien eine Zuwanderungsstadt ist", sagt Van der Bellen. Jährlich müsste in Wien für 15.000 Menschen zusätzlich Wohnraum geschaffen werden. "Aber viele kommen aus der EU", wirft ein Passant ein, der sich zu dem Gespräch gesellt hat. "Ja, das muss man auch einmal dazusagen, dass die meiste Zuwanderung nach Wien aus Österreich und der EU kommt und dann erst aus Drittstaaten", so Van der Bellen in Richtung der Strache-FPÖ.
"Sie machen das ganz toll!"
Van der Bellen ist kein Straßenwahlkämpfer, das merkt man ihm an. Es sind die leisen Töne, die er anstimmt. Eine ältere Frau raunt ihm trotzdem ehrfürchtig zu: "Sie
machen das ganz toll! Nur weiter so!"
(Teresa Eder, Sebastian Pumberger, derStandard.at, 21.9.2010)