Bei den Zipfelkitzlern

17. September 2010, 17:13
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Die "Amadeus Awards 2010" wurden in der Wiener Stadthalle verliehen

Wien - Die jungen gachblonden Frauen auf der Suche nach Mariah Carey waren dann, wie sich herausstellte, eh keine Prostituierten, sondern eine österreichische Mädchenband. Aufgrund der Kleider, die bei einem Mann als tailliertes T-Shirt durchgehen würden, was bedeutet, dass man darunter auf jeden Fall noch eine Hose braucht, war die Verwechslungsgefahr aber durchaus gegeben. Hey, das ist Rock 'n' Roll!

Die Amadeus Music Awards 2010 waren in der Stadt. In 13 musikalischen Kategorien sind sie die größten Preise, die dieses Land zu vergeben hat. Abgesehen vom Abfahrtsweltcup der Herren und der Unschuldsvermutung. Musikland Österreich! Unser crazy Sound erobert seit Peter Alexander die Welt. Später kam der auch heuer nominierte Falco. Heute: Anna F.! Das ganze Land starrt gebannt auf den Amadeus.

Aus Zipfelkitzler-, Ursprungs- und Klostertälern reisten avantgardistisch lederbehoste Progressivschunkler samt ihren mit japanischen Kampftattoos behübschten Sennerinnen an. Gegen sie wirken DJ Ötzi und Antonia aus Tirol stylish wie Brangelina. Der Mann, der einst der Popmusik "Bring Me Edelweiß" schenkte und dann den H.C.-Strache-Rap produzierte, war auch gekommen. Vielleicht wollte keiner mit ihm reden, weil sein Anzug in den Augen wehtat. Ein Traum aus rosafarbigem Polstersesselbezug. Auch gesehen: Echte Puls-4-Moderatorinnen mit der Tendenz zum taillierten Männer-T-Shirt, Einkäufer großer Elektrohandelsketten, Mo von den Gangsters of Love, die Rockband Kreisky. Sie wippten zum total wild aus dem Gitarrenlexikon von Peter Bursch gerockten Sound von Anna F..

Anna F. bekam je einen Preis in den Kategorien Hat-viel-verkauft und Schaut-süß-aus. Richard Lugner und Uwe Kröger und der Stadtrat, der sich immer so für Kultur einsetzen tut, klatschten alle, außer Lugner. Der argentinisch-österreichische Festzelttenor Semino Rossi kam unter Protest und ging gleich wieder. Die Plattenfirma wollte ihm keinen Privatjet zur Verfügung stellen und demütigte ihn mit einem Linienflug Innsbruck-Wien. Semino bekam den Preis für erheblichen Schlager. Die Klostertaler, die es nicht mehr gibt, räumten in der volkstümlichen Musik ab.

Das Lebenswerk ging an Toni Stricker, einen Geige spielenden 80-jährigen Burgenländer, der seiner flachen Heimat zeitlebens einige romantische Spitzen abzugewinnen wusste. Die Frauen in den taillierten Herren-T-Shirts fühlten sich eher von Seal angesprochen. Seal sang seine Ballade als internationaler Stargast wirklich schön. Wir sind Helden waren auch da.

Bester Live Act wurde Bauchklang, die Musik nur mit dem Mund machen. HipHopper Skero gewann den Song des Jahres und rockte mit einer brasilianischen Sambatruppe und Kabinenparty. Michael Ostrowski moderierte mit Perücke. Das war lustig. Am Ende waren alle froh. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.9.2010)

  • Es war lustig. Moderator Michael Ostrowski (rechts) präsentierte die 
heimischen Musikpreise "Amadeus Awards" in der Wiener Stadthalle.
    foto: standard/ fischer

    Es war lustig. Moderator Michael Ostrowski (rechts) präsentierte die heimischen Musikpreise "Amadeus Awards" in der Wiener Stadthalle.

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