Bildungshistoriker Jürgen Overhoff über die Angst in der Pädagogik, das Glück zu lernen und den wirtschaftlichen Druck auf Schüler
Wissbegierde, Selbstdisziplin oder die Lust am Lernen - all das sahen Pädagogen und Philosophen der Aufklärung als wichtigen Bestandteil der Schule. Erst im 19. Jahrhundert etablierte sich die Disziplin in der Schule. Der Bildungshistoriker Jürgen Overhoff hat sich in seinem Buch „Vom Glück, lernen zu dürfen" mit dieser Entwicklung beschäftigt. Im Interview mit derStandard.at erklärt er, warum er für eine zweckfreie Bildung eintritt und warum die Politik die falsche Vorstellung vom Lebenslangen Lernen hat, wenn sie wirtschaftflichen Gesichtspunkten folgt.
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derStandard.at: Herr Overhoff, in ihrem Buch fordern Sie eine zweckfreie Bildung. Was verstehen Sie darunter?
Overhoff: Ich will ein Beispiel geben: Wenn von Politikern und Erziehungswissenschaftern für "Lebenslanges Lernen" plädiert wird, wird sehr oft gesagt: "Wir müssen ständig lernen um beschäftigungsfähig zu bleiben, weil der Arbeitsmarkt und die Form der Beschäftigung sich rasant wandeln." Die Europäische Union hat zu diesem Thema im Jahr 2000 ein Memorandum veröffentlicht, welches eine Vorgabe für die Mitgliedstaaten ist. Das wurde in einem Ton vorgestellt, als ob der Untergang kurz bevor stünde. Da heißt es zum Beispiel: "Wir müssen von der Wiege bis zur Bahre lernen, damit wir nicht auf der Strecke bleiben". Das hat dazu geführt, dass Eltern den Kindern immer mehr abverlangen, gerade auf höheren Schulen wird wirklich Druck gemacht. Diesen Druck halte ich für nicht gut, vor allem im Hinblick auf das, was eigentlich proklamiert wird, nämlich lebenslang lernen zu wollen.
derStandard.at: Wieso ist der Druck problematisch?
Overhoff: Als ich mich mit den wichtigsten Bildungsphilosophen und Schulgründern der Aufklärung - von John Locke bis Immanuel Kant - befasst habe, war ich erstaunt, wie die Philosophen argumentiert haben. Sie haben gesagt, zu allererst kommt es darauf an, Kindern zu vermitteln, dass Lernen an sich eine tolle Sache ist und nicht, dass das berufliche "um zu" im Vordergrund steht. Denn wir lernen um zu sehen, welche Kräfte wir entwickeln können - geistige, körperliche und seelische Kräfte. Die Aufklärer, die auch schon einen Gemeinnutzen kannten, argumentierten somit völlig anders, um den Kindern das Lernen schmackhaft zu machen, als es heute Bildungspolitiker das tun.
derStandard.at: John Locke betonte die Rolle der "Wissbegierde" und der "Lust am Lernen". Wann haben wir diese Lust verloren?
Overhoff: Es hat immer wieder Lehrer und Eltern gegeben, die Kindern das über alle Zeiten hinweg vermittelt haben. In der Aufklärung stand sicherlich die Lust am Lernen im Mittelpunkt. In Deutschland veränderte sich dies am Anfang des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die französische Revolution und die napoleonischen Kriege. Die politischen Wirren haben den spielerischen Ansatz der Schule hinterfragen lassen. Da gibt es viele Schulmänner zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die dann gesagt haben: "Nein, nicht springen und spielen ist in der Schule gefragt, sondern ein feierlicher Ernst". Seit dieser Zeit wird ein anderer Diskurs geprägt. Die Aufklärungspädagogik hält sich zwar noch ziemlich wacker bis zu Vormärz, dann ist es aber vorbei.
derStandard.at: Disziplin ist heute noch Bestandteil der Pädagogik. Sehen sie darin auch einen Indiz für den Verlust der Selbstbestimmtheit in der Pädagogik?
Overhoff: Im Unterschied zu Bernhard Bueb habe ich mein Kapitel zu Immanuel Kant Selbstdisziplin, nicht Disziplin genannt. Die eigentliche Tugend ist die Selbstdisziplin, also die Einsicht, dass man ohne Disziplin beim Lernen nicht sehr weit kommt. Es gibt Phasen, in denen Disziplin notwendig ist. Wenn man beim Lernen entdeckt, dass es einen weiterbringt, ist man eher bereit sich mit Freude dieser Disziplin unterzuordnen. Es gibt immer Dinge, die in Schulen vorgegeben sein müssen, aber im Rahmen dessen ist es absolut unverzichtbar, dass Schüler ihre eigene Wahl treffen können.
Wenn ein Fach vorgegeben ist, sei es Mathematik oder Kunst, müssen in diesem Fach gewisse Elemente des Wissens vermittelt werden. Bei der Vermittlung gibt es in jedem Fach wieder Möglichkeiten, dem Schüler eigene Wege zu ermöglichen. Die eigene Wahlmöglichkeit beim Lernen muss Teil des Unterrichts sein.
derStandard.at: Fehlen diese Möglichkeiten im heutigen Bildungssystem, das von Schülern immer mehr erwartet?
Overhoff: Ja, die fehlen bestimmt. Ich möchte davor warnen, dass man sich der Angst überlässt, dass man nicht daran glaubt mit Ruhe und Muße ohne Hektik und Druck einen Weg des Lernens zu beschreiten, auch einen selbstständig gedachten Weg. Locke hat den Begriff des "spielerischen Lernens" eingeführt, der besagt, dass man nie gut lernt, wenn man nicht einmal spielerisch gelernt hat.
Das Selbstbestimmte, Freie muss immer ein Aspekt des Lernens sein, sonst ist es freudlos und führt nicht sehr weit. Viele Lehrer - mit denen ich heute bei Veranstaltungen spreche - würden gerne so unterrichten, aber das Curriculum lässt es nicht zu. Viele positive Lernerfahrungen passieren daher auch nicht in klassischen Schulsituationen, sondern genau dort, wo diese Freiheit vorhanden ist.
derStandard.at: Stichwort Lebenslanges Lernen: Gerade Arbeitslose werden in Schulungsmaßnahmen gesteckt, die ihnen weder Spass machen, noch ihren Eigenschaften entsprechen. Ist dies auch ein Beispiel für die wirtschaftliche Sichtweise von Bildung?
Overhoff: Gute Berufsberatung muss immer herausfinden was jemand will und kann. Wir müssen uns auch fragen, welche Gesellschaft wir wollen. In dem EU-Papier, das ich eingangs erwähnt habe, ist so traurig, dass es etwas Schicksalhaftes impliziert. Dabei sind wir die Gestalter unserer Gesellschaft, das ist auch beim Lernen wichtig.
derStandard.at: Hemmen diese Angstvorstellungen die Suche nach dem eigenen Glück?
Overhoff: Der Wert des Glücks ist vielleicht der zentrale Wert der Aufklärung, das Glück des Einzelnen und das Glück der Gesellschaft. Das war im 18. Jahrhundert kein Widerspruch, es bestand kein Widerspruch zwischen dem Glück lernen zu dürfen und wirtschaftlicher Prosperität. Es gibt natürlich eine Abfolge von Schritten, wie man zu einer blühenden Gesellschaft kommt, Angst gehört hier nicht dazu. Das Glück einer Gesellschaft gehört jedoch möglicherweise heute nicht mehr zu einer Vorstellung, bei der es mehr um das individuelle Glück und das Glück der eigenen Familie geht. (Sebastian Pumberger, derStandard.at, 29.9.2010)
JÜRGEN OVERHOF lehrt Historische Pädagogik und Neue Geschichte an der Uni Hamburg. Unter anderem hat er sich auch mit Benhamin Franklin befasst, über den er 2006 eine Biographie veröffentlicht hat.