Kein neuer Lehrplan, keine neuen Bücher, LehrerInnen ohne Abschluss: Nach der Aufregung im Vorjahr änderte sich wenig
Großen Wirbel gab es Anfang vorigen Jahres über die Qualität des Islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen: 40 Prozent der LehrerInnen hätten keine pädagogische Ausbildung, 33 Prozent fühlten sich mit dem Unterricht überfordert - zum Teil, weil sie die deutsche Sprache zu wenig gut beherrschten. Das ergab eine Studie des Islamwissenschafters Mouhanad Korchide. Zudem traten bei der Erhebung bei Teilen der befragten LehrerInnen bedenkliche Einstellungen zutage: 27 Prozent gaben an, die Menschenrechtserklärung abzulehnen, weil sie mit dem Islam unvereinbar sei.
Der Aufschrei war groß, das Unterrichtsministerium sah Bedarf, zu handeln. Ministerin Claudia Schmied präsentierte im Februar 2009 ein „Fünf-Punkte-Programm", wonach neue Lehrpläne, überarbeitete Schulbücher, neue Dienstverträge und eine bessere Lehrerausbildung für Ordnung sorgen sollten. Zudem sollten alle Religionslehrer auf ihre Deutschkenntnisse hin überprüft werden.
Lehrplan: Bitte warten
Mehr als ein Jahr später ist vom großen Wandel wenig zu bemerken. Einen neuen Lehrplan gibt es an den Schulen bis heute nicht. Zwar wurde er bereits im Frühjahr 2009 unter beachtlichem Zeitdruck erstellt (derStandard.at berichtete). Doch im Unterrichtsministerium weiß man bis heute nicht, wann der Lehrplan in Kraft tritt. Ob er heuer noch kommt? "Da will ich mich nicht festlegen", sagt Oliver Henhapel vom zuständigen Kultusamt im Ministerium auf derStandard.at-Anfrage.
Jenen Entwurf, den die Lehrplan-Kommission im April 2009 abgeliefert hatte, schickte das Kultusamt fünf Monate später wegen mehrerer "technischer Mängel" retour. Ein nachgebesserter Entwurf liege dem Kultusamt seit Juli 2010 vor, er sei aber
noch nicht vollständig gesichtet worden. Fest steht: Solange kein Lehrplan
vorliegt, können auch keine neuen Lehrbücher erstellt werden.
Inhaltliche Einwände habe er am Lehrplan-Entwurf jedenfalls nicht gehabt, betont Henhapel. Es sei um rein formelle Dinge gegangen - etwa darum, dass bestimmte Koran-Suren in arabischen Schriftzeichen angegeben worden waren. Die Rechts-Datenbank des Bundes erlaube jedoch nur lateinische Schrift.
Mangelnde Deutschkenntnisse
Eine weitere Maßnahme des „Fünf-Punkte-Programms" betraf die Deutschkenntnisse der ReligionslehrerInnen. 14 der 400 LehrerInnen wurden zur Nachbesserung ihrer Sprachkenntnisse geschickt - der Rest weise „Maturaniveau" auf, hieß es. Dass dies auf alle LehrerInnen zutrifft, wird von InsiderInnen jedoch bezweifelt.
Personalmangel
Was Neuanstellungen betrifft, so verlangte Schmied den Abschluss eines Studiengangs an einer Pädagogischen Hochschule als Mindestvoraussetzung. Dies sei in der Praxis nicht durchführbar, beteuert Henhapel: Es sei geltende Praxis, Studierende der IRPA, also der Lehramts-Studiengangs der Islamischen Glaubensgemeinschaft, noch während des Studiums einzustellen. Der Grund: Personalmangel.
Tatsache ist, dass IRPA-Studierende nicht notwendigerweise über eine Matura verfügen müssen: Wer mindestens 22 Jahre alt ist und der IRPA „Vorbildung im Bereich Pädagogik und/oder islamische Fachwissenschaft" vorweisen kann, darf auch mit Pflichtschulabschluss studieren.
Was die Einstellung der ReligionslehrerInnen zu Demokratie und Menschenrechten betrifft, so sicherte sich Claudia Schmied quasi vertraglich ab: Alle islamischen ReligionslehrerInnen mussten einen neuen Dienstvertrag unterschreiben, der auch ein Bekenntnis zu Demokratie, Menschenrechten und der Bundesverfassung enthält. Katholischen, evangelischen, orthodoxen oder jüdischen ReligionslehrerInnen wurde ein solches Bekenntnis übrigens nicht abverlangt. (Maria Sterkl, derStandard.at, 19.9.2010)