dies ist mein Körper ...

2. Oktober 2003, 19:51
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dies ist meine Software - Der Operationssaal als Atelier - Die Künstlerin Orlan in der BEAUTYFARM

Blut, Photos, Filme, Videos... Der Prozeß der "Re-Inkarnation der St. Orlan" versteht sich als Arbeit am Selbstportrait. Eine Serie von Eingriffen plastischer Chirurgie, stellen ihn dar. Der Operationssaal wird zum Atelier, aus dem die Werke entlassen werden: Reliquienschreine des Fleisches - Schmerzmittel machen es möglich.

Die französische Extremperformancekünstlerin Orlan, geboren am 30 Mai 1947 in der Industriestadt Etienne, erklärt ihre Gesichtsoperationen zu öffentlichen künstlerischen Ereignissen. Die Künstlerin über die Prinzipien ihrer "Art Charnel": "Wahrnehmung: Jetzt kann ich meinen eigenen Körper offen sehen, ohne zu leiden! Ich kann mich bis auf den Grund der Eingeweide sehen. Ich kann das Herz meines Geliebten sehen und seine herrliche Zeichnung hat nichts zu schaffen mit dem symbolischen Getue gewöhnlicher Zeichnung. - Chérie, ich liebe deine Milz, ich liebe deine Leber, deine Bauchspeicheldrüse bete ich an und die Linie deines Schenkelknochens erregt mich."

Orlan erklärt ihr Gesicht zum Kunstwerk: Nach ihren individuellen Vorstellungen von Schönheit, die keineswegs der Norm der Schönheitsindustrie entsprechen, läßt sie ihr Äußeres immer wieder verändern und präsentiert ihr entrissenes Fleisch und Gewebe reliquiengleich als künstlerisches Dokument der Veränderung.

"L'Art Charnel wendet sich gegen den sozialen Druck, der ebenso auf den menschlichen Körper, wie auf den Körper des Kunstwerks ausgeübt wird. "L'Art Charnel ist antiformalistisch", so Orlan über ihre "Körperkunst".

"Modifiziertes Readymade"

Orlan interessiert sich nicht für das Endresultat der plastischen Chirugie, sondern vielmehr für die chirugische Operation als Performance, den modifizierten Körper, der ein Ort öffentlicher Debatte ist. Die ästhetische Chirurgie, die Hochtechnologien der Medizin und der Biologie, stellen den Status des Körpers infrage und werfen ethische Probleme auf. Im Gegensatz zu "normalen" Schönheitsoperationen werden Orlans Operationen in den Medien zum Skandal.

"Kampf gegen das Angeborene, die Natur und Gott!"

"Meine Arbeit steht im Kampf gegen das Angeborene, das Unausweichliche des Programmierten, die Natur, die DNS und Gott!" Orlan sieht ihre Art Charnel nicht als Selbstverstümmelung sondern als Transformation des Körpers in Sprache. Hier wird nicht das Wort zum Fleisch, sondern das Fleisch zum Wort. L'Art Charnel richtet sich nicht gegen die ästhetische Chirugie, vielmehr gegen die Standards, die durch diese gesetzt werden und die sich insbesondere in das weibliche, aber auch zunehmends in das männliche Fleisch einschreiben.

In ihrem zehn Jahre dauernden Projekt (Beginn 1987) Images/New Images or the Reincarnation of Saint Orlan wurden mittels Gesichtsoperationen nach ästhetischen Vorbildern aus der bildenden Kunst eine neue Identität geschaffen, und damit die Frage nach dem "Sitz" von Identität gestellt. Ihr neues Gesicht setzte sie zusammen aus Ikonen der abendländischen Malerei. Die Stirn von Mona Lisa, die Kinnpartie von Botticellis Venus.
ORLAN VIDEOGRAPHIE
Orlan hat eine Professur "of fine arts" an der Ecole des Beaux- Arts in Dijon. Sie verkauft Bilder, Filme und Videos von ihren "Operationen". (pd)

6.6.2000
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