Israel und Polen gedenken den Opfern des Holocaust

29. April 2003, 17:19
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"Tag der Shoah" fiel dieses Jahr zusammen mit dem Gedenken an den jüdischen Aufstand im Warschauer Ghetto vor 60 Jahren

Jerusalem/Auschwitz - Israel und Polen haben am Dienstag der sechs Millionen Opfer des Holocaust gedacht. Das öffentliche Leben in Israel stand um 10.00 Uhr für zwei Minuten still, im ganzen Land heulten die Sirenen. Die zentrale Zeremonie fand bereits am Vorabend in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem statt. Der "Tag der Shoah" fiel dieses Jahr zusammen mit dem Gedenken an den jüdischen Aufstand im Warschauer Ghetto vor 60 Jahren. Israels Präsident Moshe Katzav führte in Polen den traditionellen "Marsch der Lebenden" junger Juden aus der ganzen Welt vom ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz zum Todeslager Birkenau an.

"Nie wieder werden Juden wehrlos, schutzlos und heimatlos sein"

In Israel kam der Verkehr zum Stillstand, die Menschen hielten schweigend in ihren Aktivitäten inne. In den Bussen erhoben sich die Fahrgäste, Autofahrer stiegen aus und standen mit gesenktem Kopf neben ihren Wagen. Bei der zentralen Gedenkfeier in Yad Vashem brachte der israelische Ministerpräsident Ariel Sharon den Massenmord der Nazis an den Juden mit dem aktuellen Nahost-Konflikt in Verbindung. "Das jüdische Volk hat sich schwer verletzt, aber noch atmend vom Abgrund des Holocaust erhoben. Nie wieder werden Juden wehrlos, schutzlos und heimatlos sein."

"Marsch der Lebenden" nach Birkenau

Zusammen mit dem polnischen Präsidenten Aleksander Kwasniewski legte Katzav vor der so genannten Todesmauer im Stammlager Auschwitz Kränze nieder. Allein hier wurden von den Nazis tausende Häftlinge hingerichtet. Der Marsch mit rund 3000 jungen Juden aus der ganzen Welt führte anschließend zum gut drei Kilometer entfernten Todeslager Birkenau. Der "Marsch der Lebenden" wird seit 1988 von Holocaust-Überlebenden angeführt. In Auschwitz und seinen Nebenlagern wurden von 1940 bis 1945 zwischen 1,5 und zwei Millionen Männer, Frauen und Kinder ermordet. Die meisten von ihnen waren Juden.

Der 17-jährige Rakhmi Aron aus Melbourne sprach das jüdische Totengebet für seinen Großvater aus Leipzig, der in Auschwitz getötet wurde. "Ich bin der erste aus meiner Familie, der das Kaddisch am Ort seines Todes spricht", sagte der Australier. Auch Daniel Salomon aus Florida wandelte auf den Spuren seines Großvaters. Der gebürtige Pole hatte seinem Enkel genau die Baracke auf dem riesigen Areal beschrieben, in der er vier Jahre lang inhaftiert war.

Vor dem Denkmal für die Helden des Ghettos in Warschau sollte am Mittwoch das Gebet für die Opfer des Aufstands gelesen werden. Auf dem Gelände des früheren jüdischen Viertels pferchten die Nazis ab 1940 bis zu eine halbe Million Juden zusammen. Viele starben an Hunger und Krankheiten, die meisten wurden in Vernichtungslager gebracht und getötet. Am 19. April 1943 begannen mehrere hundert Juden im Ghetto, sich mit Gewalt zur Wehr zu setzen. In wochenlangen Kämpfen wurden fast alle Juden getötet oder in Vernichtungslager gebracht. Das Ghetto wurde dem Erdboden gleichgemacht. Einer der Anführer des Aufstands, der inzwischen über 80-jährige Marek Edelman, lebt noch heute in Polen. (APA/AFP)

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    Ariel Sharon bei der Gedenkfeier in Yad Vashem: "Nie wieder werden Juden wehrlos, schutzlos und heimatlos sein."

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