Infineon: "Impact2" vernichtet weitere 900 Jobs

29. April 2003, 16:43
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Chip-Hersteller verschärft Sparkurs - Umzug der Konzernzentrale bleibt offen - Automotive-Sparte wandert nach Villach

München - Im Rahmen eines neuen Kostensenkungsprogramms will der defizitäre Münchener Chip-Hersteller Infineon weitere 500 Mio. Euro einsparen und bis zu 900 Stellen streichen. Eine Entscheidung über die seit Monaten diskutierte Verlagerung des Firmensitzes ins Ausland steht hingegen noch aus. Der Geschäftsbereich Automobil- und Industrieelektronik wird wie berichtet nach Villach verlagert, wo bereits der größte Teil der Produktion konzentriert ist.

Kürzungenen und Auslagerungen

"Insgesamt werden wir im Laufe der nächsten Monate bis zu 900 Stellen streichen", sagte Infineon-Chef Ulrich Schumacher am Dienstag in München laut Redetext. Derzeit beschäftigt der Konzern weltweit über 31.000 Mitarbeiter. 500 der wegfallenden Arbeitsplätze verteilten sich auf verschiedene Zentralfunktionen, weitere 150 befänden sich im Bereich Sichere Mobile Lösungen, überwiegend in Schweden. Durch Auslagerungen würden weltweit nochmals etwa 250 Stellen wegfallen.

Im Rahmen des bereits länger angekündigten Sparprogramms "Impact2", das bisher jedoch noch nicht konkretisiert wurde, sieht Schumacher weiteres Einsparpotenzial von 500 Mio. Euro. "Davon sind 50 Mio. (Euro) bereits in diesem Geschäftsjahr EBIT-wirksam", sagte der Vorstandschef. Ein wesentlicher Beitrag hierzu werde sich aus der Verlagerung einzelner Geschäftseinheiten sowie dem Outsourcing verschiedener Konzernfunktion an externe Dienstleister ergeben.

Umzug der Konzernzentrale weiter fraglich

Infineon kämpft seit über zwei Jahren mit der schwersten Krise in der rund 50-jährigen Geschichte der Halbleiter-Industrie. Erst vergangene Woche hatte der Konzern den achten Quartalsverlust in Folge ausgewiesen. Mit Blick auf die weitere Entwicklung des Halbleiter-Marktes sagte Schumacher, es herrschten nach wie vor "erhebliche Unsicherheiten".

Die seit Monaten andauernde Prüfung einer möglichen Verlagerung des Konzernsitzes aus steuerlichen Gründen ins Ausland ist Schumacher zufolge noch nicht abgeschlossen. Diskutiert würden Standorte in Asien, Amerika und Europa, darunter auch die Schweiz, sagte der Manager.

Weitere Verlagerungen möglich

Schumacher bekräftigte die bereits am Vortag bekannt gewordene Absicht des Konzerns, den Geschäftsbereich Automobil- und Industrieelektronik - den einzigen konstant profitablen Bereich - ins österreichische Villach zu verlagern. Hier sei bereits der größte Teil der Produktion gebündelt, begründete er den Schritt. Damit werde die Sparte noch schlagkräftiger und effizienter. Zugleich deutete er die Möglichkeit von Verlegungen auch anderer Bereiche an: "Was die anderen Geschäftsbereiche betrifft, so können Sie davon ausgehen, meine Damen und Herren, dass auch diese nach dem selben Muster evaluiert werden."

"Historischer Meilenstein"

Die Vorstandssprecherin von Infineon Austria, Monika Khol-Kircher, sprach am Dienstag im Zusammenhang mit der Verlagerung des Geschäftsbereiches Automobil- und Industrieelektronik (AI) nach Villach von einem "historischen Meilenstein". Damit werde man die Chance haben, das profitabelste Segment des Konzerns direkt mitzugestalten. Der Bereich AI habe zuletzt rund 1,3 Mrd. Euro erwirtschaftet, teilte Khol-Kircher gegenüber der APA mit.

"Wir wollen angesichts dieses Vertrauensbeweises ein Maximum für Infineon zu Wege bringen", erklärte die Vorstandssprecherin. Dabei werde aber der Standort Österreich insgesamt massiv gefordert sein. Infineon wolle deshalb schon demnächst Gespräche mit Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (V) aufnehmen, wobei es vor allem um eine weitere Verbesserung der Rahmenbedingungen im Hinblick auf Forschungsförderungen und die Bildungslandschaft gehen solle.

70 neue Jobs

Wie Khol-Kircher weiter mitteilte, werde es durch die Verlagerung des AI-Bereiches in Villach in einer ersten Phase rund 70 neue Arbeitsplätze geben. Eine Reihe von Top-Managern mit AI-Chef Reinhard Ploss an der Spitze werde von München nach Villach übersiedeln, es würden aber auch neue Mitarbeiter aufgenommen werden.

Die Unternehmensleitung in München habe sich laut Khol-Kircher aus mehrere Gründen für die Verlegung des AI-Segments nach Villach entschieden. Es seien dies vor allem die dort bereits bestehende schlagkräftige Forschungs- und Entwicklungsarbeit, die Nähe zu Italien und die geographisch günstige Lage im Hinblick auf die EU-Osterweiterung sowie nicht zuletzt die im Villacher Werk gegebene betriebliche Sozialpartnerschaft.

Infineon beschäftigt derzeit im Villacher Werk rund 2.400 Mitarbeiter und in ganz Österreich rund 2.700. (APA/Reuters)

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