Berlin schraubt Prognosen erneut zurück

28. April 2003, 18:41
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Deutsche Wirtschaft rutscht weiter ins Stimmungstief - Erwartungen für Konjunktur und Arbeitsmarkt reduziert

Berlin/München - Die deutsche Regierung hat ihre aktuelle Wachstumsprognose reduziert und Hoffnungen auf eine Trendwende am Arbeitsmarkt noch in diesem Jahr begraben. Selbst für 2004 sieht sie nur eine geringe Besserung: Die durchschnittliche Arbeitslosenzahl dürfte mit etwas mehr als 4,5 Millionen nicht einmal 100.000 unter der von 2003 liegen. Das geht aus der rot-grünen Konjunkturprognose für die Jahre 2003 bis 2007 hervor, die Wirtschaftsminister Wolfgang Clement am Montag in Berlin veröffentlichte.

Einen schweren Dämpfer erhielten optimistische Einschätzungen für einen raschen Konjunkturaufschwung nach dem Ende des Irak-Krieges. Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft ist so schlecht wie zuletzt 1996, wie dem neusten Geschäftsklimaindex des Münchner ifo-Instituts zu entnehmen ist. Von einer Frühjahrsbelebung fehlt noch jede Spur. Ein Aufwärtstrend erwarten die ifo-Experten frühestens in der zweiten Jahreshälfte.

Regierung zuversichtlicher

Hinsichtlich der Konjunkturentwicklung ist die Regierung zwar zuversichtlicher als führende Wirtschaftswissenschaftler. Doch wird sich dies nach Einschätzung Clements erst im Laufe des kommenden Jahres positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken. Er senkte seine Wachstumsprognose für dieses Jahr von 1,0 auf nur 0,75 Prozent. Für 2004 sieht er ein Konjunkturplus von 2,0 Prozent. Den Durchschnittswert für 2003 bis 2007 prognostizierte der SPD-Politiker auf jeweils knapp 2,0 Prozent. Die Schätzungen seien "eher konservativ", sagte er.

Alle internationalen Wirtschaftsorganisationen und die meisten nationalen Experten schätzen die Lage viel düsterer ein. Wegen der weltweiten Wirtschaftskrise, die durch den Irak/Nahost-Konflikt und die SARS-Epedemie weiter belastet wird, erwarten sie ein deutsches Wachstum von maximal 0,5 Prozent in diesem und 1,8 Prozent im nächsten Jahr. Wirtschaftsverbände halten auch eine Rezession für möglich. Clement betonte, er teile die Skepsis nicht. Nach dem Ende des Irak-Krieges gebe es Anzeichen für eine Besserung.

Clement reduziert Erwartungen

Im Vergleich zu seinem im Jänner vorgestellten Jahreswirtschaftsbericht reduzierte Clement seine Erwartungen für den Arbeitsmarkt deutlich. Damals war er für 2003 von einem Anstieg der durchschnittlichen Arbeitslosenzahl auf lediglich 4,2 Millionen ausgegangen. Vorerst bleibe die Lage schwierig, sagte er. Es brauche Zeit, bis die Arbeitsmarktreformen und die Konjunkturbelebung Wirkung zeigten.

2003 rechnet Clement daher mit einem Anstieg der Durchschnittszahl auf knapp 4,5 Millionen, ehe sie 2004 wieder auf "etwas über 4,4 Millionen" fällt. Bis 2007 werden nach Meinung des Ministers bis zu 800.000 neue Jobs entstehen, so dass das Heer der Arbeitslosen dann auf "deutlich unter vier Millionen" sinken werde.

Trendwende nicht in Sicht

Der Chef des ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, sieht vorerst keine Anzeichen für eine Trendwende. Nach einer kurzen Erholung am Jahresanfang war der ifo-Index schon im März gesunken. Für April hatten Experten mit einer Verbesserung gerechnet, weil der Irak-Krieg rasch zu Ende gegangen und die Ölpreise gesunken waren. Tatsächlich verschlechterte sich die Stimmung aber in mehreren Branchen deutlich.

Das Institut geht allerdings davon aus, dass sich die Stimmung wieder aufhellt. Es erwartet nach eigenen Angaben nach wie vor eine "bessere Stagnation" bis zum Sommer und eine spürbare Konjunkturbelebung im dritten Quartal. (APA/AP)

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