Kommentar: Die Titelsicherungsreform

29. April 2003, 15:05
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Die Wiener Austria ist endlich wieder Meister und kein Schwein schaut hin, alle schauen nur dazu - Wolfgang Weisgram zur Meisterfeier

Wolfgang Weisgram

So: Die Austria ist Meister und kein Schwein - um jetzt einmal die Frankfurter Schule zu zitieren - schaut hin. Alle schauen nur dazu. Und wenn das kein Symptom ist für den heimischen Fußballsport, dann wäre höchstens Hans Krankl eines, und das wollen wir aus Gründen der Perspektive außer Acht lassen.

Ausländischen Freunden - wer hätte die nicht? - ist die Sachlage nur schwer zu erklären: Man selber, bis ins Herzkranzgefäß hinein violett, zuckt bloß mit den Schultern nach dem 2:1 über den GAK, das den Eigenen nach zehn Jahren erstmals wieder den Meistertitel, den 22., bringt, und den mit einem Vorsprung, der sich in die Annalen wohl als Rekord eintragen wird. 1997/98 hatte Sturm 19 Punkte Vorsprung auf Rapid, heuer die Austria schon jetzt 21 auf den GAK. Reaktion des violetten Herzens: Na ja.

"Was ist passiert?", frägt sich der violette Bauch. Das Hirn - auch nicht ganz unwichtig - antwortet: "Austria ist die unsympathischste Mannschaft der Liga. Ein Team ohne Seele." Für die unverbesserlichen Agnostiker: eine Mannschaft ohne Esprit.

"Okay", erwidert der optimistische Fan, "in diesen harten Zeiten - denk nur einmal an die Pensionssicherungsreform - ist kein Platz mehr für Sentimentalitäten." Und damit hat er natürlich Recht. Andererseits, so meint der nörgelnde Fan, dessen violettes Herz sich in den vergangenen zehn Jahren - in denen sich immerhin 17 Trainer an der Austria versucht haben - an die Schönheiten des ballesterischen Leids gewöhnt hat: "Die Austria ist zu einem - excl. evtl. Janocko - austauschbaren Ensemble geworden, geführt von einer im globalisierenden Irrsinn gestählten Figur, die nichts daran findet, den Inbegriff fairer Konkurrenz - die Fußballmeisterschaft - zu einem Monopol hinzufinanzieren." Als eine Titelsicherungsreform!

Worüber also soll der Violette sich nun freuen? Den Titel? Das Double womöglich? Die Möglichkeit, in der Champions League zu kicken? Das alles war eigentlich von vornherein klar gewesen. Nicht nur, weil der Gunstick Uncle aus Kanada es so gewollt, sondern weil dieser Herr auch gleichzeitig Ligachef ist, womit er die bemerkenswertesten Rahmenbedingungen vorgibt. Wenn man so will: Austria hat sich den Titel erschlichen. Der Umstand, dass der Verein Spieler mit der Klausel verliehen hat, gegen Austria dürften die dann nicht antreten, ist ja nur ein Hinweis darauf. Das lila Herz ist jedenfalls sattgrün geworden. Nein, nicht hütteldorferisch. Es orientiert sich ins Burgenländische. Mattersburg spielt Fußball. Die Austria kauft ihn. Und das ist der Unterschied zwischen Hinschauen und Dazuschauen. (DER STANDARD, PRINTAUSGABE 29.4. 2003)

  • Den Fans in Graz hat es gefallen, manch anderen weniger.

    Den Fans in Graz hat es gefallen, manch anderen weniger.

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