Die Unvergleichliche

15. Dezember 2003, 16:42
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Macy Gray untermauert mit "The Trouble With Being Myself" eindrucksvoll ihre Ausnahmestellung im modernen R'n'B

Nach ihrem spektakulären Debüt "On How Life Is" und dem Folgewerk "The Id" veröffentlicht Macy Gray mit "The Trouble With Being Myself" nun ihr drittes Album. Damit untermauert die Amerikanerin eindrucksvoll ihre Ausnahmestellung im modernen R'n'B: Niemand ist besser als sie!


Als sich Mitte der 90er-Jahre aus HipHop der zeitgenössische R'n'B emanzipierte, tauchten plötzlich jede Menge schwarze Sängerinnen auf, die, oft eher schlecht als recht, versuchten, die Tradition schwarzer Soul-diven der Sixties fortzusetzen. Manche mit wenig mehr als ordentlich Silikon in der Bluse. Doch R'n'B schuf die Gelegenheit, Frauen verstärkt an den Errungenschaften der HipHop-Kultur partizipieren zu lassen. Zwar gab es immer Ausnahmen wie Money Love, Salt'N'Pepper oder Queen Latifah, doch HipHop war und ist männlich dominiert. Die Klappe weit aufzureißen und mit dem Umfang von "Balls" und "Wallet" zu protzen, ist schließlich ein eindeutig männlicher Defekt.

Mit dem sanfteren R'n'B traten schließlich Künstlerinnen wie Erykah Badu, Angie Stone oder Lauryn Hill ins Rampenlicht. Doch einer können sie alle nicht das Wasser reichen: Macy Gray. Ihre Stimme und die in der Tradition von Willie Mitchells Produktionen für Ann Peebles oder Denise Lasalle stehende Musik ist in diesem Genre schlicht und ergreifend das Beste, was in Vinyl gepresst und auf Silberling gebrannt wird. Dass es dazu überhaupt kam, war, wie so oft, reiner Zufall.


Die Geschichte von Macy Gray gleicht ein wenig sentimentalen "Dramen", die hollywoodmäßig mit einem Happyend aufwarten. Aufgewachsen ist die heute 33-Jährige im wenig attraktiven Canton, Ohio. Als Kind wurde sie wegen ihrer "seltsamen" Stimme gehänselt, woraufhin Klein Macy einfach schwieg, was ihr wiederum den Ruf eintrug, schüchtern und schwierig zu sein. Nie kann man es allen recht machen! Sie erfuhr eine klassische Klavierausbildung und bezog ihre weitere musikalische Sozialisation aus der Soul-musik der 70er-Jahre und später dem aufkeimenden HipHop. Nach der Schule ging sie nach Los Angeles, um Drehbuchautorin zu werden.

In einem Workshop schrieb sie einen Song für einen Freund. Die Sängerin, der dieser zugedacht war, tauchte jedoch nicht auf, und Gray, die damals noch ihren "Given Name" Natalie McIntyre trug, wurde trotz ihrer Skepsis der eigenen Stimme gegenüber dazu gebracht, selbst zu singen. Einer der nun von ihr interpretierten Songs wurde in keiner der folgenden Aufnahmesessions mit den Vocals der "richtigen" Sängerin überspielt, und just dieser war es, der begann, in diversen Klubs aufzutauchen und dort, angesichts der originären Stimme Grays, bald Aufsehen und Interesse zu erregen.

Davon und von Angeboten, in Klubs und Hotels zu singen, ermutigt, formte Gray eine Band, nahm ein Demo auf und bekam einen Plattenvertrag von Atlantic Records, die sich jedoch weigerten, ihr Debüt zu veröffentlichen. Ob der für diese Entscheidung Verantwortliche heute noch seinen Job hat, weiß man nicht. Jedenfalls machte das ungeliebte Werk weiterhin die Runde, während Gray, von der Zurückweisung und ihrer Scheidung schwer getroffen, heim nach Canton ging. Doch nicht für lange.


1999 wurde das Material als On How Life Is doch veröffentlicht und wuchs in Folge zu einem Megaseller, der mit dem Song I Try einen weltweiten Smash-Hit landete. Satte Orgeln, geschmeidige Beats, geile Hörner und Macys sexy Organ errichteten eine Brücke in die große Zeit des Souls. 2001 veröffentlichte sie The Id mit der Single Sexual Revolution und untermauerte damit ihre Ausnahmestellung. Nun erscheint ihr drittes Album The Trouble With Being Myself.

Entgegen dem Selbstzweifel evozierenden Titel erscheint Gray darauf in Höchstform. Zwar hinterfragt sie ihr Tun und ihren Status als Superstar wie in She Don't Write Songs About You oder lässt mit My Fondest Childhood Memory ein düsteres Stück Kindheitserinnerung wieder auferstehen. Selbstzerfleischung findet dabei jedoch nicht statt. Vielmehr pflegt sie damit auch inhaltlich Traditionen, gilt Soul doch als "Sufferer-Music". Doch Gray ironisiert diese mit Sätzen wie "Do me wrong songs make money all the time". Diese Gabe, nämlich Humor, Reflexion und eine innig gepflegte Naivität in Songs zu verpacken und sie mit federnden Rhythmen unwiderstehlich zu servieren, ist die große Kunst dieser wegen ihrer Turmfrisur und wohl auch ihrer Stimme schon mal liebevoll als "Marge Simpson des Souls" betitelten Künstlerin. Dazu gesellt sich ein souveräner Umgang mit Funk und Gespür für Sounds abseits des Mainstreams, und fertig ist das dritte Meisterwerk in Serie.

Bleibt nur eine Frage offen: Was wurde eigentlich aus der Sängerin, deren Demos Gray gesungen hat?
(DER STANDARD, Printausgabe, 25.4.2003)

Von Karl Fluch
  • Macy GrayThe Trouble With Being Myself (Sony)
    foto: sony

    Macy Gray
    The Trouble With Being Myself
    (Sony)

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