Politikwissenschafter Talos im STANDARD- Interview: "ÖGB hatte es noch nie so leicht"

29. April 2003, 12:02
14 Postings

Erfolge der Gewerkschaften erwartet

Der Politikwissenschafter Emmerich Talos erwartet, dass ein kämpferischer ÖGB gewisse Erfolge erreichen wird. Die Regierung habe es ihm durch Fehler leicht gemacht, sagt er im Gespräch mit Conrad Seidl.

STANDARD: Kann der ÖGB erreichen, was er behauptet, erreichen zu können?

Talos: Wenn man das so wüsste! Was wir sicher sagen können, ist, dass der ÖGB einen für die Zweite Republik einmaligen Beschluss gefasst hat. Das ist bemerkenswert vor dem Hintergrund, dass in Österreich in der Zweiten Republik, besonders im Gefolge des so genannten Oktoberstreiks 1950, die Gewerkschaftsbewegung eine eindeutige strategische Priorität hatte. Das war verhandeln, das war Kompromiss finden. Wie streikzahm der ÖGB war, kann man auch an der Entwicklung der letzten Jahre sehen - 2001 gab es überhaupt keinen Streik. Das ist die Message der Zweiten Republik, dass der Streik das allerletzte Mittel darstellt.

STANDARD: Kann denn der ÖGB großflächig streiken? Er ist es ja nicht gewohnt und auch seine Mitglieder nicht.

Talos: Das ist eine spannende Sache. Die Chancen sind gut. Und zwar deswegen, weil es der ÖGB in seiner Geschichte noch nie so leicht hatte, gegen etwas zu mobilisieren. Denn das, was die Regierung vorgelegt hat, ist in der Tat das größte Kürzungsprojekt, das wir in der Zweiten Republik haben.

STANDARD: Der Grazer Sozialrechtsprofessor Franz Marhold hat gesagt, wenn man kumuliert, was in den letzten Jahren passiert ist, ist das in Summe etwa gleich groß. Wenn das jetzige Paket für die nächsten 15 Jahre gilt, ist es auch nicht größer als das, was in den letzten 15 Jahren teilweise sehr überfallsartig gemacht wurde.

Talos: Ich schätze den Kollegen Marhold, nur hier kann ich ihm nicht zustimmen. Wenn man die Pensionsreformen seit 1994 alle zusammenzählt, hat es schon Auswirkung gehabt. Nur geht es ja heute tatsächlich um eine ganz gravierende Veränderung. Die Einführung des Durchrechnungszeitraumes ist früher beträchtlich abgemildert gewesen. Früher hat die Veränderung am Erwerbsarbeitsmarkt in Richtung A-Typisierung, Teilzeit, geringfügige Beschäftigung - eine nicht so große Rolle gespielt. Zum anderen hat die Regierung den katastrophalen Fehler gemacht, dass sie Einschnitte im System macht und das, was jedenfalls notwendig ist, die Harmonisierung, auf irgendwann vertagt. Das gibt es so in keinem anderen Land, da hat man immer Gesamtpakete. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.4.2003)

Share if you care.