Starkbier und Leichtmatrosen

4. Mai 2003, 20:09
7 Postings

Turbonegro aus Norwegen versuchen dem Rock den "Bad Taste" zurückzugeben: Rebellion mit dem Prädikat "Jugendverbot"

Böse Musik für böse Menschen. Null Niveau bei hohen Ironiewerten. Turbonegro aus Norwegen versuchen dem Rock den "Bad Taste" zurückzugeben. Rebellion mit dem Prädikat "Jugendverbot".


Wien - Was man heute gern vergisst: Rock 'n' Roll ist keine Kinderjause. Hier ging es schon auch einmal ganz programmatisch darum, der Gesellschaft den Stinkefinger zu zeigen. Angst, Ekel, mindestens aber absolutes Unverständnis: Die höchste Auszeichnung im auf ewige Pubertät eingeschworenen Rock 'n' Roll ist das Jugendverbot, die Marilyn-Manson-Gedächtnisplakette in Platin.

Fehlgeleitete jugendliche Energien müssen hier zu purer Aggression bezüglich sexueller, finanzieller und "philosophischer" Enttäuschung gebündelt werden - und über das Transportmittel des schlechten Geschmacks mit einem großen Krach daheim bei Mutti einschlagen.

Rock 'n' Roll, diese zerstörerische wie gleichzeitig schöpferische Urkraft - man kann sich das im historischen Abstand mit Herbert Grönemeyer, Bon Jovi oder Nickelback heute kaum noch vorstellen - war einmal die reine Provokation: "Bad music for bad people". Und ein Verständnis der Alten ihm gegenüber ein Zeichen der Niederlage.

Die großartigen norwegischen Altpubertierenden Turbonegro formulieren diese alte, unbelehrbare wie notwendige Haltung auf ihrem Comeback Scandinavian Leather (Vertrieb: Edel) kürzer und einfacher. Wir haben ja nicht ewig Zeit: "Fuck the world!"

Falsche Männerliebe

Das Sextett aus Oslo - mit der Betonung auf Sex als reine Männersache - sieht diesen kategorischen Imperativ jedes Mopedrockers seit den Stones, seit Motörhead oder den Sex Pistols dann allerdings auch in seiner wortwörtlichen Bedeutung. Fuck the world!

Fünf Jahre nachdem die Band laut Legende in der Notaufnahme der Psychiatrie von Mailand aufgrund von Drogen, Wahnsinn und fehlgeschlagenen Methadon-Programmen während einer Tournee auseinander brach ("Wenn du auf Tour bist, trinkst du schon ab mittags Bier"), haben sich die sechs Musiker um Sänger Hank Van Helvete wieder im Zeichen von Jux und Tollerei und einem als Spiel mit schweren Zeichen konzipierter, falscher Männerliebe zusammengetan.

Mit Scandinavian Leather soll der Welt dieses Mal nach Klassikern wie den gerade ebenfalls wiederveröffentlichten alten Alben Ass Cobra und Apocalypse Dudes im großen Stil mit dem Allerwertesten übers Gesicht gefahren werden. Die Zeichen stehen angesichts einer medialen Wiederentdeckung von "klassischer" Rockmusik und mehr oder weniger an Punk angelehnter junger Bands, die mit alten Sounds die Titelblätter beherrschen, günstig: The Strokes, The White Stripes, The Datsuns, The Libertines.

Nach jahrelanger Vorarbeit im Underground, betrieben vor allem auch vom sich selbst nicht so ernst nehmenden, weltweiten Fanklub der "Turbojugend" und gefördert von Verehrern wie der neuen US-Rocksensation Queens Of The Stoneage, dringen Turbonegro angesichts von Scandinavian Leather nun in Bereiche vor, die bislang als uneinnehmbares Bollwerk gegen Jugend und Gefahr galten.

Der Neuen Zürcher Zeitung etwa waren Turbonegro jetzt gar eine halbe Seite im Feuilleton wert. Ein Zeichen dafür, dass diese absurde Stilmixtur endlich auch kommerziell greifen könnte: Hartes, auch und gerade im Rock noch immer als Tabuthema geltendes Schwulen-Image (Blue Denim, Matrosen-Hut, "eindeutige" Texte), gekoppelt mit Travestie und Village People.

Und jede Menge wuchtige Klänge zwischen dem prototypischen Punk der Ramones, der sinnentleerten Metal-Brutalität von Motörhead und einer heimlichen Liebe zu den Fußballchören des Stadionrock. Verweise auf den symphonischen Pomp des Glamrock im Sinne von David Bowie und All The Young Dudes sowie auf das Gesamtwerk der alten britischen Bierbauch-Transvestiten Slade.

Subtil ist hier gar nix. Möglicherweise vertragen sich Testosteron, Dosenbier und Lippenstift auch gar nicht so gut. In einer Welt, die aber vieles schon gesehen hat, muss man etwas kräftiger auftragen. Eine Band für die niedrigen Instinkte. Wo, bitte, geht es hier zur Turbojugend?! (DER STANDARD, Printausgabe, 29.4.2003)

Von Christian Schachinger

Turbonegro live, am 20. 6. mit Marilyn Manson im burgenländischen Wiesen.

  • Artikelbild
    foto: edel
  • Turbonegro aus Oslo: Rock'n'Roll verträgt sich mit Niveau am besten, wenn gar keines vorhanden ist.
    foto: edel

    Turbonegro aus Oslo: Rock'n'Roll verträgt sich mit Niveau am besten, wenn gar keines vorhanden ist.

Share if you care.