Wo das World Wide Web floriert

28. April 2003, 12:58
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Als die virtuelle Nobelboutique boo.com im Mai 2000 ihre Pforten schloss, nachdem sie in knapp einem Jahr ein 135-Mio.-US-Dollar- Loch in die Kasse von LVMH gebrannt hatte, sah es nach dem Ende von Luxusmode im Internet aus. Denn, so ging die Fama, wenn Marken-Mogul Bernard Arnault scheitert, dann schafft es niemand. Irrtum: YOOX

Bologna ist das Zentrum der italienischen Modeindustrie. Im Umkreis von 50 Kilometern um die Hauptstadt der Region Emilia Romagna wird für all die Namen produziert, die den Puls eingefleischter Markenfetischisten zum Rasen bringen: Gucci, Tod's, Prada, Dolce & Gabbana und andere Objekte der Begierde. Von dort aus gehen diese Luxusprodukte in die ganze Welt - New York, Tokio, London . . . Das erfordert ein ausgeklügeltes logistisches Netzwerk.

"Auf diesen beiden Säulen - Marke und Logistik - müsste sich doch ein Net-Unternehmen aufbauen lassen", dachte Federico Marchetti (36), just in dem Augenblick, als boo.com mit einem Knall in der Net-Atmosphäre verglühte. - Kein besonders günstiger Moment, um nach Venture-Capital zu schielen.

Aber Marchetti hatte Kontakte. Der Neounternehmer mit einem MBA von New Yorks Columbia Universität und einem Abschluss in Unternehmensführung von Mailands Bocconi in der Tasche hatte jahrelang bei Lehman Brothers als Spezialist für Merger und Acquisitions im Luxusgüterbereich gearbeitet.

Zeitlose Mode

So einer weiß, an welche Türen es sich zu klopfen lohnt. Aber wie sollte das Baby heißen? Keine leichte Entscheidung in einer Welt der rasanten verbal-visuellen Verschmelzung. YOOX. Y und X stehen für die männlichen und weiblichen Chromosomen, die das O als Symbol der Unendlichkeit flankieren, denn "YOOX wurde auf der Basis gegründet, dass gute Mode zeitlos ist und keinem Trenddiktat unterliegt", so CEO Marchetti.

Wie Recht er damit hatte, zeigen die Zahlen: YOOX operiert zurzeit in 15 europäischen Ländern - natürlich auch in Österreich - und hat Anfang 2003 den Sprung über den Atlantik gewagt. Und während Finanzjongleur George Soros seinem Mode-Internetportal Bluefly erst unlängst wieder eine kräftige Finanzspritze von drei Mio. USD (2,7 Mio. €) verabreichen musste, hat YOOX Ende 2002 den Breakeven geschafft.

Standard: YOOX scheint ganz offensichtlich die Bedürfnisse von Designhäusern, Kunden und Medien zu erfüllen: Es führt 200 Labels in seinem Portfolio, zählt 50.000 Käufer und wurde von der "Times" und "Harper's Bazaar", aber auch der London School of Economics zur weltweit besten Fashionsite gekürt. Welche Chemie steckt da dahinter?
Marchetti: YOOX revolutioniert den Modemarkt im Bereich "vorige Kollektion", indem es die Grundbedürfnisse der beiden Hauptbeteiligten befriedigt: Der Luxusmodeindustrie dient es als Absatzplattform für End-of-Season-Kleidung und Accessoires, ohne dem Prestige zu schaden oder die Kontrolle über den Verkauf zu verlieren. Der Konsument kann Topmode internationaler Designer direkt von zu Hause aus kaufen - in erheblich größerer Auswahl, als das in Modegeschäften möglich wäre - und zu extrem günstigen Konditionen.

Standard: Wenn man ein Unternehmen am Reißbrett entwirft, ist die Frage der Mitarbeiter essenziell. 40 Mitarbeiter bei 50.000 Kunden ist eine nur schwer vorstellbare Konstellation. Das klingt nach Turbo-Motivator.
Marchetti: In der Tat spielt neben der Kreativität die Motivation im Business/Consumer-Bereich nach wie vor mit eine entscheidende Rolle, da ein vorgezeichneter Ausbildungsweg noch nicht existiert. Die DNA von Yoox spiegelt diese Bedürfnisse wieder. Ich komme aus der Unternehmensberatung. Holly Brubach, unsere Projektplanerin, war früher die Stil-Ikone der New York Times. Hillary Bowers, unsere Pressesprecherin, kommt vom Film und unser Designchefideologe, Alessandro Guerriero, war Mitgründer von Alchimia, der wichtigsten Designströmung Italiens nach dem Krieg. Was uns zusammenschweißt, ist die Vision das kreativste und wirtschaftlich erfolgreichste Luxusmodeportal zu sein.

Standard: Heuer streben Sie einen Umsatz von 25 Mio. € an. Wo liegen die am schnellsten wachsenden Märkte?
Marchetti: Deutschland steht für 15 Prozent unseres Umsatzes, was natürlich nur ein Spiegelbild seiner Größe ist. In Österreich erwirtschaften wir immerhin noch ein Prozent. Natürlich wird der nordamerikanische Markt auf Dauer die dominanteste Rolle spielen.

Standard: Auguren behaupten nach wie vor, das Net sei tot. Nach welchem Geheimrezept operiert YOOX?
Marchetti: YOOXs Geheimnis ist sein Konzept, das die geografische Lage, die persönliche Nähe zu Produzenten und Designern, ein unterschiedliches Produkt (End-of-Season), einen anderen Markt (Internet) und einen konkurrenzlosen Preis (mindestens 50 Prozent unter dem Verkaufspreis) beinhalte (Hannelore Gude-Hohensinner, DERSTANDARD, Printausgabe, 26./27.4.2003)

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YOOX

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    YOOX bringt Modeluxus zu Saisonende an die PCs preisbewusster Markenfreaks

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