Schau mal, wer da spricht

28. April 2003, 10:33
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Das Bildtelefon? Ein alter Hut: Jetzt lernen die Bilder, die übers Telefon kommen, sogar laufen

Und die dritte Mobilfunkgeneration soll dem Fernsprechen mit Blickkontakt endlich zum Durchbruch verhelfen, was bisher mit Videokonferenzen zum Beispiel nicht wirklich gelang. Vorerst leidet UMTS freilich noch an einigen Kinderkrankheiten.

Die Zukunft der bewegten Bildtelefonie begann auf einem kleinen Eiland in der irischen See. Siemens Mobile und der asiatische Handyhersteller NEC hatten die Isle of Man als Testgelände auserkoren und dort gemeinsam ein UMTS-Mobilfunknetz errichtet. Im Juli 2001 war es dann so weit: Zum ersten Mal wurde ein Videotelefonat von Endgerät zu Endgerät geführt. Sicher, das Bild war verschwommen und ruckelte, und auch der Kontrast ließ zu wünschen übrig. Aber die Verbindung stand. Für die Videotelefonat-Premiere auf der Isle of Man vor knapp zwei Jahren musste das UMTS-Handy von NEC noch mit einem Zusatzterminal samt Kamera und Bildschirm aufgerüstet werden. Das ist heute nicht mehr nötig.

Nun kommen in Österreich die ersten videofähigen Handys auf den Markt. Die Mobilfunkbetreiber Mobilkom Austria und "3" eröffnen das Rennen, die meisten anderen Wettbewerber kündigen an (siehe "Wissen"), bis Ende des Jahres nachzuziehen. Damit wird die Vorstellung, Ferngespräche mit der visuellen Darstellung des Gesprächspartners zu verbinden, endlich Realität. Sie bewegt die Menschheit ja schon seit Jahrzehnten. "Das Fernseh-Telefon kommt", kündigte die deutsche Reichspost bereits im Jahr 1934 an und wusste über eine geglückte Bildtelefonverbindung zwischen München und Berlin zu berichten. Wegen der schlechten Bildqualität mussten die Gesprächsteilnehmer dicke Make-up-Schichten in Kauf nehmen und in einer von gleißenden Scheinwerfern aufgeheizten Kabine ausharren. Ein echter Publikumsmagnet war das natürlich nicht, und die Reichspost stellte den Dienst bald wieder ein - wegen mangelnder Rentabilität. Doch der Traum vom Fernsprechen mit Blickkontakt blieb.

Anstatt einer Dienstreise

Zum Massenphänomen brachte es die Bildtelefonie aber auch viele Jahre und technologische Revolutionen später nicht. Heute ersetzt eine Videokonferenz zwar manchmal eine Dienstreise. Zum Durchbruch aber hat es bislang nicht gereicht. Vermutlich, weil der eine oder andere die visuelle Absenz am Telefon zu schätzen weiß. Vielleicht, weil sich die Anschaffung eines Bildtelefons selbst für den Fan einer solchen Einrichtung nicht lohnt, wenn er keinen kennt, der ebenfalls eines besitzt. Wahrscheinlich, weil zu viele potenzielle Kunden genau diese Überlegungen anstellten.

Jetzt aber geht es mit UMTS und der dritten Mobilfunkgeneration (3G) in die nächste Runde. Und die bringt neue Impulse. Während die Gesprächsteilnehmer beim Festnetz-Bildtelefon wie Fernsehmoderatoren vor dem Monitor sitzen müssen, können die mobilen Bildtelefonierer sich und ihre Umgebung präsentieren wie ein rasender Reporter mit der Kamera auf der Schulter. Umfragen im Vorfeld lassen die Betreiber hoffen, dass die mobile Videotelefonie sogar das Zeug zur Killerapplikation haben könnte. Das britische Consultingunternehmen The Thinking Box hat in einer Konsumentenumfrage in fünf Ländern ermittelt, dass Videotelefonie mit Abstand das größte Interesse aller möglichen Dienste der dritten Mobilfunkgeneration erweckt: Für 62 Prozent der Befragten war dies das wichtigste Feature. In einer Befragung des österreichischen Online-Marktforschers marketagent.com sehen 43,2 Prozent einen besonderen Vorteil in der Bildtelefonie. Zudem locken die mobilen Videofernsprecher mit zusätzlichen Diensten: Über die Handydisplays werden nicht nur die Konterfeis der Gesprächspartner flimmern, sondern auch aktuelle Nachrichten- und Bundesliga-Videoclips, Kinotrailer, Live-TV- und Video-on-Demand-Services, interaktive Spiele, Erotikvideos und Ähnliches mehr. Mit der 3G-Technologie und der Übertragungsrate von 384 Kilobit pro Sekunde geht das rund zehnmal schneller als noch mit GPRS.

So weit die Theorie. In der Praxis müssen noch einige Gebrechen kuriert werden, bis Geräte und Dienste reibungslos laufen. Noch kann es etwa in Gebäuden oder beim Wechsel von UMTS zum alten GSM-Netz - die Geräte unterstützen an sich beide Standards - zu Problemen kommen. Zudem sinkt bei UMTS die Übertragungsrate mit größerer Entfernung von der Sendeanlage und steigender Netzauslastung, und auch Bewegung mit hoher Geschwindigkeit ist der Leistung abträglich. Bei 120 Kilometern in der Stunde auf der Autobahn sinkt die Übertragungsrate auf ein Fünftel ihrer maximalen Kapazität. Die Netzabdeckung birgt noch Ausbaupotenzial. Derzeit erreicht sie rund 40 Prozent der Bevölkerung. Vorläufig werden Videotelefonate lediglich in Ballungszentren möglich sein, im ländlichen Raum wird UMTS noch ein paar Jahre auf sich warten lassen. Den Betreibern sind die Schwachstellen durchaus bewusst. Die Öffnung des UMTS-Netzes sei so früh erfolgt, argumentiert man etwa bei Mobilkom Austria, um "das Netz gemeinsam mit den Kunden weiterentwickeln" zu können.

Die müssen sich für ihre Funktion als Beta-Tester erstmal ein videotaugliches Handy besorgen - für 450 Euro aufwärts. Die Hoffnung liegt dabei - laut Umfrage von marketagent.com - vor allem bei der Jugend. Ihr zufolge fiebern vier von zehn der 14- bis 19-Jährigen den UMTS-Telefonen "mit höchstem Interesse entgegen". (Michaela Streimelweger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 4. 2003)

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