Schiiten opponieren gegen Garner

28. April 2003, 16:32
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Tagungszentrum streng abgeschirmt

Bagdad - Das Treffen im Zentrum Bagdads fiel auf den 66. Geburtstag des gestürzten Präsidenten Saddam Hussein. "Lassen Sie uns heute, an Saddam Husseins Geburtstag, den demokratischen Prozess für die Kinder des Iraks beginnen", sagte der Chef der Zivilverwaltung, Jay Garner, am Montag in einem stark abgesicherten Konferenzsaal, wie immer betont leger gekleidet, um nicht den Eindruck des Vertreters einer autoritären Besatzungsmacht zu erwecken.

Der frühere US-Generals rechnete mit einem Beginn der Regierungsbildung nunmehr bis zum Ende der Woche. Politische Beobachter in Bagdad zweifelten allerdings, dass es Garner gelingt, bis zu diesem Zeitpunkt eine Verwaltung mit irakischer Beteiligung auf die Beine zu stellen.

Für die Konferenz veröffentlichten die USA weder eine Teilnehmerliste noch eine Tagesordnung. Das Treffen im Regierungsviertel der Hauptstadt begann mit einer Lesung aus dem Koran. Zu den etwa 250 Teilnehmern gehörten schiitische und sunnitische Geistliche, Kurden, Stammeschefs in traditionellen Gewändern und Stadtbewohner in Anzügen. Im Gegensatz zu einem ersten, kleineren Treffen am 9. April in Nassirijah entsandte auch die schiitische Oppositionsgruppe Hoher Rat für die Islamische Revolution im Irak (Sciri) Vertreter. Etwa 3000 Schiiten forderten vor dem von Journalisten genutzten Hotel Palestine eine stärkere Beteiligung der theologischen Schule der Hawsa von Najaf. Ihr Leiter ist Ali Sistani, der einzige Großayatollah im Irak. Die USA haben Forderungen einiger Schiiten zurückgewiesen, im Irak einen Religionsstaat nach iranischem Vorbild zu errichten.

Der vom Pentagon gestützte irakische Oppositionspolitiker und Exbankier Ahmed Chalabi, Chef des bisher im Exil aktiven Irakischen Nationalkongresses (INC), nahm zunächst nicht an dem Treffen mit Garner teil. Jordaniens König Abdullah hatte am Vortag die Glaubwürdigkeit Chalabis in einem Interview in Frage gestellt - Chalabi war 1992 im Zusammenhang mit dem Konkurs der "Bank of Petra" wegen Betrugs von einem jordanischen Gericht in Abwesenheit zu 22 Jahren Haft verurteilt worden. "Saddam lebt" Chalabi meldete sich am Montag gleichwohl mit Angaben über den Verbleib Saddam Husseins zu Wort. So sei der gestürzte irakische Herrscher Saddam Hussein nach seinen - Chalabis - Informationen am Leben und führe auf der Flucht eine Sprengstoffweste mit sich. Saddam könnte andere mit in den Tod reißen, falls er gestellt wird und sich mit der Weste in die Luft sprengt, erläuterte Chalabi in Interviews mit US-Sendern.

Nach Aussage des früheren stellvertretenden Premiers Tarek Aziz hat Saddam zwei gezielte Bombenangriffe überlebt, berichtete auch die Tageszeitung USA today am Montag. Aziz, der sich vor kurzem dem US-Militär gestellt hatte, soll bei Verhören ausgesagt haben, dass er Saddam noch nach den Bombardements vom 19. März und 7. April gesehen habe.

US-Truppen haben indes den selbst ernannten "Gouverneur" von Bagdad, Mohammed Mohsen Zubeidi, festgenommen und aus der Stadt gebracht. Das bestätigte das US- Zentralkommando in Katar am Montag. (DER STANDARD, Printausgabe vom 29. 04. 2003)

Als "Geburtshelfer der irakischen Demokratie" hat sich der frühere US-General Jay Garner beim ersten Politikertreffen in Bagdad zur Bildung einer Übergangsverwaltung vorgestellt. Irakische Schiiten zürnten, dass nicht auch ihre geistlichen Räte eingeladen worden waren.
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