Eine Kämpferin, die Paris nicht fürchtet
Wenn man von Luxemburg Richtung Süden nach Frankreich fährt, finden sich abseits der Straße viele Hinweise auf die Maginot-Linie. Diese markiert jene Grenzbefestigungen, die die Franzosen nach dem Trauma des Ersten Weltkrieges zur Abwehr des deutschen Erzfeindes errichteten. Kurz vor Thionville kann man die Bunker gut besichtigen.
Nur wenige Kilometer entfernt liegt Esch-sur-Alzette, eine alte Bergbaustadt, 1677 auf Befehl von Ludwig XIV., dem Sonnenkönig, geschleift. Aus diesem Städtchen stammt Viviane Reding, die EU-Kommissarin für Justiz und Grundrechte. Hier wurde sie 1951 geboren und wuchs wie die meisten Luxemburger dreisprachig - Deutsch, Luxemburgisch, Französisch - auf. Um nach Frankreich über die abgebaute Grenze zu kommen, müssen die 30.000 Einwohner - 50 Prozent von ihnen sind "Ausländer", Nichtluxemburger sagt man - nur ein paar hundert Meter gehen. Mit dem Auto sind die Schlachtfelder von Verdun, Sedan oder die Ardennen ganz nah.
Wer sich in Esch umschaut, versteht, warum Reding die Zwangsabschiebungen von Roma durch die französische Regierung mit solch klaren Worten ("Schande") verurteilt hat. Die Anspielung, dass sie so etwas nach dem Zweiten Weltkrieg nicht für möglich gehalten habe, war ganz gezielt, ein humanitärer Donnerschlag, der im Élysée-Palast noch immer nachklingt. Unglaublich, so hat noch nie ein Kommissar mit Paris geredet, noch dazu bei solch einem heiklen Thema. Reding kennt die französische Hauptstadt gut, mit Worten kennt sie sich aus. Sie hat an der Sorbonne Kommunikationswissenschaft studiert und promoviert. Im Anschluss daran wurde sie Journalistin beim Luxemburger Wort - und stieg bald, mit 28 Jahren, in die Politik ein als christdemokratische Abgeordnete im Landesparlament und zu Hause im Gemeinderat. 1989 kandidiert sie für das Europaparlament, zieht ein, bleibt zehn Jahre EU-Abgeordnete.
Als der Luxemburger Jacques Santer mit seiner EU-Kommission 1999 zurücktritt, hat sie Glück: Unter vier Kandidaten aus Luxemburg ist sie die einzige Frau. Romano Prodi macht die resolute Dame, geschieden, drei Kinder, begeisterte Europäerin, 1999 zur EU-Kommissarin für Bildung und Jugend. 2004 bekommt sie den Bereich Informationsgesellschaft dazu. 2007 lässt sie aufhorchen, als sie die Telekomkonzerne zwingt, Roaminggebühren zu senken. Ihr Roma-Fanal lässt das fast verblassen. Thomas Mayer