Kopf des Tages

Viviane Reding, EU-Kommissar für Justiz und Grundrechte

15. September 2010, 19:03

Eine Kämpferin, die Paris nicht fürchtet

Wenn man von Luxemburg Richtung Süden nach Frankreich fährt, finden sich abseits der Straße viele Hinweise auf die Maginot-Linie. Diese markiert jene Grenzbefestigungen, die die Franzosen nach dem Trauma des Ersten Weltkrieges zur Abwehr des deutschen Erzfeindes errichteten. Kurz vor Thionville kann man die Bunker gut besichtigen.

Nur wenige Kilometer entfernt liegt Esch-sur-Alzette, eine alte Bergbaustadt, 1677 auf Befehl von Ludwig XIV., dem Sonnenkönig, geschleift. Aus diesem Städtchen stammt Viviane Reding, die EU-Kommissarin für Justiz und Grundrechte. Hier wurde sie 1951 geboren und wuchs wie die meisten Luxemburger dreisprachig - Deutsch, Luxemburgisch, Französisch - auf. Um nach Frankreich über die abgebaute Grenze zu kommen, müssen die 30.000 Einwohner - 50 Prozent von ihnen sind "Ausländer", Nichtluxemburger sagt man - nur ein paar hundert Meter gehen. Mit dem Auto sind die Schlachtfelder von Verdun, Sedan oder die Ardennen ganz nah.

Wer sich in Esch umschaut, versteht, warum Reding die Zwangsabschiebungen von Roma durch die französische Regierung mit solch klaren Worten ("Schande") verurteilt hat. Die Anspielung, dass sie so etwas nach dem Zweiten Weltkrieg nicht für möglich gehalten habe, war ganz gezielt, ein humanitärer Donnerschlag, der im Élysée-Palast noch immer nachklingt. Unglaublich, so hat noch nie ein Kommissar mit Paris geredet, noch dazu bei solch einem heiklen Thema. Reding kennt die französische Hauptstadt gut, mit Worten kennt sie sich aus. Sie hat an der Sorbonne Kommunikationswissenschaft studiert und promoviert. Im Anschluss daran wurde sie Journalistin beim Luxemburger Wort - und stieg bald, mit 28 Jahren, in die Politik ein als christdemokratische Abgeordnete im Landesparlament und zu Hause im Gemeinderat. 1989 kandidiert sie für das Europaparlament, zieht ein, bleibt zehn Jahre EU-Abgeordnete.

Als der Luxemburger Jacques Santer mit seiner EU-Kommission 1999 zurücktritt, hat sie Glück: Unter vier Kandidaten aus Luxemburg ist sie die einzige Frau. Romano Prodi macht die resolute Dame, geschieden, drei Kinder, begeisterte Europäerin, 1999 zur EU-Kommissarin für Bildung und Jugend. 2004 bekommt sie den Bereich Informationsgesellschaft dazu. 2007 lässt sie aufhorchen, als sie die Telekomkonzerne zwingt, Roaminggebühren zu senken. Ihr Roma-Fanal lässt das fast verblassen. Thomas Mayer

 

 

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18 Postings
Wolfgang Keim
01
26.9.2010, 15:41
Viel Beweihräucherung wenig Systematik!

kann man irgendwelche systematischen Statistiken und Daten sehen? Sowas wird doch aus Naivität abgelehnt. Wer isat denn überhaupt alles Roma oder Sinti. Vielleicht sie. Weiss mann oft überhaupt nicht mehr!

Alexander Patjomkin
01
24.9.2010, 11:15
Die Absahner in Brüssel haben jede Authorität und Respektwürdigkeit schon längst vorloren..

Sie sind das schlimmste Beispiel, wozu führt, wenn Politiker ohne demokratische Kontrolle freie Hand haben auch in ihrer eigenen Interesse tun was sie wollen.

Mostbluzza
01
23.9.2010, 16:44
welche rechte, grundrechte?

nix neues, aber ... die eu-stasi aktiv seit 1999:

„Bisher haben wir keine Kontrolle über SitCen erhalten“, kritisiert die grüne Abgeordnete Franziska Brantner

Die Mitgliedstaaten haben dessen Aufbau nie in einem Rechtsakt festgelegt. Mit dem Aufbau des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) wird es nun trotzdem weiter aufgewertet. In der Fusion von SitCen mit zwei weiteren Einheiten sehen Kritiker die Keimzelle eines europäischen Geheimdiensts.

http://www.wiwo.de/politik-w... ia-441615/

ziegenhals
 
00
17.9.2010, 15:44

soso, und warum schreibt der herr redakteur "EU-Kommissar" und nicht "KommissarIN"? herr mayer, frau reding ist eindeutig eine frau, oder sehen sie das anders?

Mat Schreiber
04
17.9.2010, 23:36
gendern ist doch ein schwachsinn

Karl-Ernbrecht von Stenitzer
 
37
16.9.2010, 10:56
Haha

"Eine Kämpferin, die Paris nicht fürchtet".

Die "Kämpferin" wird sehen was es heißt, sich mit Paris anzulegen. Ganz anders als Deutschland und insbesondere Österreich kuschen die Franzosen nämlich nicht automatisch bzw. gar voreilig und noch devoter als verlangt, wenn ein Grunzer aus Brüssel ertönt.

Wenn es ein Match geben sollte zwischen Kommission und Frankreich, so ist schon jetzt klar, wer am längeren Ast sitzt. Reding wird es lernen, dann wird sie schweigen.

Petr Novotny
00
19.10.2011, 11:26
"Eine Kämpferin, die Paris nicht fürchtet."

Aber es ist doch genau so geschrieben wie Sie es meinen: Die Kämpferin wird von Paris nicht gefürchtet.

Patapouf
03
16.9.2010, 14:15

Ich stimme Ihnen zu, denn auch wenn es einige in ihrem österreichischen Nationalstolz kränkt, Frankreich ist eben ein "großes" Mitgliedsland mit diplomatischem Gewicht und Österreich nicht (mehr). Und vor einem EU-Gipfel so etwas loszulassen, ist nicht nur kontraproduktiv, sondern einfach eine politische Dummheit. So kann die Dame in Luxemburg auftrampeln, aber nicht als Repräsentantin der Union. Und fürs Lernen ist es bei einem zweiten Mandat wohl schon zu spät.
Nur zur Klarheit: das soll keine Verteidigung der französischen Regierung sein. Ich finde es nur traurig, dass die so wichtige Rolle der Union häufig von diplomatisch unfähigem Personal vertreten wird.

Walter Bimini
00
1.10.2010, 00:28
dabei geht es viel weniger um die größe des landes als ums fehlende rückgrat

österreichische politiker sind dafür bekannt nach unten zu treten und nach oben zu buckeln.

Margareta Stubenrauch
23
17.9.2010, 13:35
Bravo, Madame Reding!

Was ist das bloss für ein Rechtsverständnis? Es ist die Aufgabe der Mitglieder der Europäischen Kommission, Vertragsbrüche in den Mitgliedstaaten aufzuzeigen. Leider passiert dies viel zu selten, und wenn, wird kaum darüber berichtet. Dass dies den Mitgliedsstaaten nicht gefällt, und dass deren Verteidigungen immer schriller werden, je größer ihre Fehler sind, ist doch nicht wirklich verwunderlich.

Sich an Redings Vergleich oder Nicht-Vergleich festzubeißen, ist der falsche Schauplatz. Es geht um den Vertragsbruch eines Mitgliedsstaates bei den Grundrechten.

Nur so nebenbei: Kommissarin Reding absolviert bereits ihre dritte Amtszeit als Kommissarin.

Warentester
01
18.9.2010, 21:31

"Nur so nebenbei: Kommissarin Reding absolviert bereits ihre dritte Amtszeit als Kommissarin."

Ja, und zwar genau aus einen Grund: Weil sie eine Frau ist. Es gilt ja eine Quote zu halten. Steht sogar im Artikel.

Walter Bimini
01
1.10.2010, 10:30
eine quotenfrau

Patapouf
46
16.9.2010, 09:10

Wie immer man zur Frage der Roma-Ausweisungen steht, der Ausritt Redings war in höchstem Maße peinlich. Wenn man Kommunikationswissenschaft studiert hat und nachher behauptet, im Ausdruck "seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr" den Vergleich mit der Deportation der Juden zu verstehen, sei eine falsche Interpretation seitens der Empfänger der Nachricht, dann lügt man frech oder hat während des Studiums geschlafen.

p-hammer
42
16.9.2010, 10:47
Irrtum, der "Ausritt" war notwendig!

Hier musste einfach mal schnell und effektiv dazwischengefahren werden. Dazu kommen weitere Punkte:

- In Frankreich kommt dem sprachlichen Ausdruck weit höhere Bedeutung zu, als in Österreich. Politische Reden sind dort oft Sprachkunstwerke, weshalb bestimmte Reiz- oder Schlüsselwörter auch stärkere Wirkung entfalten.

- Der (natürlich überzogene) historische Verweis ist eine besondere moralische Ohrfeige für das frz Selbstverständnis.

- Frankreich hat mit der Anweisung, gezielt Roma-Lager aufzulösen gegen eine seiner wesentlichsten Grundregeln verstoßen (nicht mal Statistiken dürfen nach ethnischen Kriterien aufgeschlüsselt werden).

- Diesbezüglich wurde Reding offenbar von frz Politikern glatt angelogen.

Fazit: Bravo!!

Hotcoolt
01
18.9.2010, 08:48
zu p- hammer

Komisch , warum brüskieren sie sich nicht für das , was an der US - mexicanische Grenze geschieht ? Die Grenze ist hermetisch abgeriegelt , Mexican werden an der Grenze geziehlt gejagt , auch nachts mit Wärmebildkameras und wer erwischt wird kommt sofort in Haft und wird nach personalien Feststellung über die Grenze verbracht ! Die sind wirklich arm , und wollen arbeiten ,um ihre Familien zu ernähren und liegen nicht der USA auf der Tasche ! Erkennen Sie den feinen Unterschied ?

flary
13
16.9.2010, 10:19
Wörtchen "seit"

"SEIT dem 2. Weltkrieg" heißt aber, dass die Ausweisung der Roma - zu Recht - in keinem Verhältnis zu den Deportationen von Juden/Roma/Homosexuellen ... steht! Wo sehen sie hier einen Vergleich?

Mir gefällt die Frau. Die hat durch ihre Rede das Problem auf EU-Ebene gebracht - dort wo es auch hingehört. Andernfalls würde jedes EU-Land unter Garantie ihr eigenes Süppchen kochen.

Nebenbei: Und die Selbstherrlichkeit seitens der französischen Regierung, "ein großes Land wie Frankreich behandelt man so nicht" (in der Art gelesen im ORF-Text), ist wohl eine ordentliche Watschen für die sogenannten EU-Kleinstaaten ...

GarciaLorca
42
16.9.2010, 09:08
Gute Frau

Oldri
42
16.9.2010, 08:48
Frau Reding...

...können Sie auch in Österreich ein wenig aufräumen!? BITTE!

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