Die tiefen Wurzeln des Kärntner Ortstafelkonflikts

15. September 2010, 18:50
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    foto: apa/gert eggenberger

    Die vom Verfassungsgerichtshof als verfassungswidrig erkannten Ortstafeln mit den hineinmontierten kleinen Zusatzschildchen in slowenischer Sprache wurden Mitte Juli durch korrekte zweisprachige Tafeln ersetzt. Damit haben Bleiburg/Pliberk, Ebersdorf/Drveša vas und Schwabegg/Žvabek nun nach mehreren Anläufen korrekte zweisprachige Ortstafeln.

Wieso der Ortstafelstreit in Kärnten bis dato nicht gelöst werden konnte und warum Ortsnamen Konfliktpotential bieten

In Österreich leben sechs anerkannte Minderheiten, die nach dem Volksgruppengesetz spezielle Rechte genießen. Derzeit gibt es für drei dieser Minderheiten (die slowenische, die burgenlandkroatische und die ungarische) zweisprachige Ortstafeln. Während die Aufstellung der kroatischen und ungarischen Ortstafeln weitgehend konfliktfrei verlief, scheint das in Kärnten nicht so einfach zu sein. Der Konflikt um die dortigen zweisprachigen Ortstafeln wird seit Jahrzehnten immer wieder virulent und findet trotz der eindeutigen Rechtslage zugunsten der Volksgruppe der Kärntner SlowenInnen kein Ende. Basierend auf historischer Recherche und einer Netzwerkanalyse der involvierten politischen und zivilen AkteurInnen, beleuchtet der Steirer Martin Zinkner in seiner Diplomarbeit die Ursachen und die rechtliche Lage des Kärntner Ortstafelkonfliktes.

Ortsnamen als Kulturgut

Abgesehen von der Frage der völkerrechtlichen Verpflichtung, zweisprachige topographische Aufschriften aufzustellen, kann ganz rational die Frage gestellt werden, ob es denn überhaupt notwendig sei, den Namen eines Ortes in zwei Sprachen anzugeben. Um diese Frage beantworten zu können, empfiehlt es sich, den Sinn von Ortsnamen im Allgemeinen zu durchleuchten: Es geht darum, die jeweiligen Häuser und Grundstücke sowie deren Bewohner- und BesitzerInnen eindeutig örtlich begreifbar zu machen. Der Ortsname ist damit Teil der Identität und gehört zum Kulturgut, weshalb sich auch ein starker, emotionaler Aspekt ergibt. Um eine Fassette reicher wird das Thema, wenn man bedenkt, dass die Minderheitengruppe der Kärntner SlowenInnen untereinander sämtliche Orte nach wie vor mit slowenischen Namen bezeichnet. Damit erhalten diese eine zusätzliche Relevanz und sind Teil dieser Volksgruppenkultur.

Die Last der Geschichte

Nach Jahrhunderten des zum Großteil friedlichen Zusammenlebens, ergab sich im 20. Jahrhundert einiges an Konfliktpotential zwischen den beiden Kärntner Volksgruppen. So fiel die 1920 durchgeführte Volksabstimmung, ob das zweisprachige Gebiet Unterkärntens an das neu gegründeten Königreich der Kroaten, Serben und Slowenen (SHS-Staat) angeschlossen werden soll, sehr knapp aus - zu knapp für den Geschmack vieler deutschsprachiger KärntnerInnen: Rund 59 Prozent stimmten für einen Verbleib bei Österreich und rund 41 Prozent der gültigen Stimmen fielen zugunsten eines Anschlusses an den SHS-Staat aus. Da sich dabei nur etwa 40 Prozent der stimmberechtigten, slowenischsprachigen Bevölkerung für einen Verbleib bei Österreich aussprachen, verschlechterte sich die Stimmung im Land deutlich. Der slowenischen Volksgruppe anzugehören wurde plötzlich in vielen Fällen mit Antipatriotismus gleichgesetzt.

Der Zweite Weltkrieg mit all seinen Gräueltaten, denen auch zahlreiche KärntnerInnen zum Opfer fielen, hinterließ noch tiefere Spuren. Im Jahr 1942 schlossen sich Angehörige der slowenischen Minderheit zum Widerstand zusammen. Ausgangspunkt war die Aussiedelung von 178 slowenisch-kärntnerischen Familien. Der PartisanInnenaufstand nahm damit in Kärnten seinen Anfang. Auch wenn der militärische Nutzen der Aktionen der PartisanInnen umstritten ist, ist davon auszugehen, dass die lokalen NS-Behörden dadurch nicht mehr ungehindert arbeiten konnten und die Kampfmoral der Wehrmacht beeinträchtigt wurde. Nach Kriegsende allerdings schritten die PartisanInnen zur Selbstjustiz über. Viele KärnterInnen wurden von diesen verschleppt, einige kehrten nicht zurück. Neuesten Erkenntnissen* zufolge handelte es sich bei vielen ihrer Opfern um Personen, die innerhalb des NS-Systems aktiv waren. Andere wiederum hatten das Pech, denunziert zu werden und deshalb den PartisanInnen zum Opfer zu fallen. Insgesamt wurden 263 Personen aus Kärnten und 157 aus der Steiermark verschleppt.

Durchbrechen des Teufelskreises

In Kärnten hat es nie eine Aufarbeitung all der Ereignisse dieser relativ jungen Vergangenheit gegeben. Im öffentlichen Bereich wurde nie eine Bewältigung des gegenseitigen Unrechts in die Wege geleitet. Dementsprechend war der Nährboden für Gerüchte, Ängste und unvollständige Überlieferungen gegeben. Zinkner kommt zu dem Schluss, dass es in Anbetracht dessen zumindest in den 70er Jahren womöglich noch zu früh war, den Ortstafelkonflikt beizulegen.

Aus seiner Arbeit lässt sich ableiten, dass eine politische Lösung für das Durchbrechen dieser teufelskreisartigen Konflikte unumgänglich sein wird. Ein neues Volksgruppengesetz könnte den Anfang machen. Zinkner geht hier sogar noch einen Schritte weiter und schlägt vor, dass neben den bisher existierenden zivilen Minderheitenvertretungen es anzudenken wäre, eine demokratisch legitimierte und von der Volksgruppe selbst gewählte Vertretungseinrichtung im Sinne einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft zu etablieren. Damit wäre es möglich, dass Minderheiten mit einer einheitlichen, demokratischen Stimme sprechen und damit mehr demokratisches Gewicht haben.

Zinkner gelingt eine sehr umfangreiche wissenschaftliche Arbeit, die sowohl die historischen, als auch die juristischen und politischen Gegebenheiten zusammenfasst. Des Weiteren findet er den Mut, Lösungsvorschläge in diesen sehr eingefahrenen, hochpolitischen Konflikt einzubringen. Kritisch anzumerken ist, dass der Autor in einer sprachpolitischen Arbeit aus Gründen der Sensibilität zwar alle erwähnten Orte sowohl auf Deutsch als auch auf Slowenisch bezeichnet, auf eine geschlechtsneutrale Sprache jedoch verzichtet.

Die Diplomarbeit "Analyse des Kärntner Ortstafelkonfliktes - Akteure, Gesetze und Möglichkeiten" kann auf textfeld.ac.at im Volltext nachgelesen werden.


* A. Elste, M. Koschat, P. Strohmaier (2007): Opfer, Täter, Denunzianten. "Partisanenjustiz" am Beispiel der Verschleppungen in Kärnten und der Steiermark im Mai/Juni 1945: Recht oder Rache? Klagenfurt, Mohorjeva Hermagoras.

Der Autor

Martin Zinkner (Mag.phil) studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer Unternehmensberatungsfirma.

Die Rezensentin

Pia Moik, (Mag.a phil.) studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und arbeitet als freie Journalistin und Trainerin der Erwachsenenbildung in Wien.

 

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Posting 1 bis 25 von 138
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Adolf Ogi
00
der Ursprung des Konflikts

war die Schnapsidee von den Laibacher Jungslowenen, sich 1918 von Österreich zu verabschieden und ein wackliges südslawisches Staatenexperiment mit den Kroaten, Serben, Bosniern und Albanern zu machen. Später sind sie dann draufgekommen, dass das doch nicht das Wahre war.

Österreicher und Slowenen haben viel mehr gemeinsam, als Slowenen mit Serben. Die ganze Folklore, die Trachten und Bräuche sind praktisch genau das selbe, die Landschaft sowieso und die Religion auch.

die_geisterkuh
00
31.1.2011, 22:06

ich hasse ungeshlechtsneutrale ;-)

Eadwulf der Fette
00
Aus seiner Arbeit lässt sich ableiten, dass eine politische Lösung für das Durchbrechen dieser teufelskreisartigen Konflikte unumgänglich sein wird.

Genau. Politische Lösungen haben ja auch bisher so super funktioniert.
Eine Aufarbeitung der Geschichte ist zu viel verlangt. Das kann man niemanden zumuten.

Bei jedem Binnen-I das geschrieben wird, muss ein Baby sterben. Ehrlich wahr.

dr.straussenburgerbecken
 
00
7.12.2010, 23:22
Es scheint gewiss,

das sich die zweisprachige Buchstabensuppe immer seltener auf den Tellern der begreifbaren eindeutig zugeordneten Einwohner vorfindet. So reift vielleicht der Entschluß zur Migration, Ortstafellos, wurzellos, der Identität beraubt, ein Leben in Finsternis.......2 km weiter in der Nachbarortschaft.

Brandy Ortner
20
17.11.2010, 19:31
Haider: Die slowenische Vlksgruppe ist ein Juwel

http://www.youtube.com/user/docu... nAwc0QIo_c

history repeating
02
30.9.2010, 17:32
PartisanInnenaufstand??

Nicht zu lesen dieser Artikel (obwohl interessant)...

Seria
11
26.9.2010, 09:46

Schwabegg ist kein gutes Beispiel, da es keinen eigenen slowenischen Namen hat. Auch Kärntner Slowenen haben kein Problem das deutsche Wort zu lesen

superloser
40
26.9.2010, 11:08
Falsch, es gibt keinen eigenen deutschen Namen.

der letzte leser
01
11.10.2010, 23:19

Ein "Egg" ("Eck(e)") finden sie in Ortnsamen häufig, v.a.a in Vorarlberg oder Tirol. das "Schwab" führt etymologisch zu den Schwaben hin.

gedanken_sind_frei
16
26.9.2010, 02:15
Verständnis mit Grenzen

"Kritisch anzumerken ist, dass der Autor ... auf eine geschlechtsneutrale Sprache jedoch verzichtet"

Ich versuch ja eh den persönlichen Fokus dieser
selbsternannten Gedankenpolizisten zu verstehen.

Für die manischen Versuche, anderen Menschen seine persönlichen Meinungen und Verhaltensweiseen aufzuzwingen habe ich aber kein Verständnis.

heinz strobl
 
00
15.1.2011, 01:03
kritische Anmerkung

mit Zwang zu verwechseln ist seltsam.
Es kommt auch auf die Textsorte an.
In wissenschaftlichen Werken sollten Frauen nicht nur"mitgemeint" sein.Es geht nicht um Belletristik.

Sokratino1
00
16.12.2010, 21:50
geschlechtsneutrale schreiben

Gechlechtsneutrales schreiben ist dümmliche Sprachverhunzung. wie man in der Praxis sieht, wird von den sonst so eifrigen Männerjägerinnen bei Bezeichnungen wie "unhold" oder "verbrecher" usw. auf das inn gerne verzichtet. Jedenfalls habe ich von "UnholdInnen" noch nichts gelesen. Warum sich Männer dieser Narretei anschließen ist mir ebenso unverständlich, wie das Verbleiben von Frauen in einer der frauendiskriminiendsten Organisationen der Welt. Der katholischen Kirche.

die_geisterkuh
00
31.1.2011, 22:08

bitte:"warum sich männerInnen"

trollvottel
30
27.9.2010, 12:32

Geschlechtsneutrale Schreibe ist im akademischen Umfeld mittlerweile eine Selbstverständlichkeit.

tkolar
00
Geschlechtsneutral

ist für mich etwas anderes, da sollte nämlich kein geschlecht vorkommen, und nicht an alles ein "Innen" angehängt werden. So diskriminiert man nämlich Personen, die kein Geschlecht haben. Das können Menschen sein, die sich mit keiner der beiden Geschlechterrollen identifizieren, oder auch in ein paar Jahrzehnten vielleicht künstliche Intelligenzen, die sich wohl nicht "paaren" und für die "Geschlechter" zu definieren keinen Sinn macht. Oder was auch immer.

Wenn wir schon die deutsche Sprache mit binnenInnen verschandeln können, können wir auch das Suffix ganz aus dem deutschen Sprachgebrauch entfernen, und die momentane maskuline/generische Form als reines Generikum behalten.

Eadwulf der Fette
00

Nein, ist es nicht. Kommt auf Ihre Fuckultät an.

history repeating
00
30.9.2010, 17:39

geschlechtsneutral schön und gut, aber das binnen-i ist leider keine besonders gute lösung des problems (v.a. wenn man von partisanen spricht) und verzerrt texte ins unleserliche. zumindest für personen aus dem nicht-geisteswissenschaftlich-akademischen umfeld. (sorry für das OT)

Quasix
01
28.9.2010, 13:30
eine Selbstverständlichkeit, die man aber

selbstverständlich niemandem aufdrängen sollte.
Die Kritik der nicht-geschlechtsneutralen Schreibweise empfinde ich als wesentlich inteoleranter als die nicht-geschlechtsneutrale Schreibweise.

IHEARTCAPSLOCK
71
25.9.2010, 16:26

wie wärs mal mit einer Volksabstimmung über das Binnen I. Unglaublich dass eine Zeitung höheren Niveaus den Hirnschiss mitmacht was sich ein paar Frauen mit Achselhaaren asugedacht haben.

lola84
00
26.9.2010, 10:10

Gratuliere Ihnen zu Ihrem einfachen Weltbild: Jede emanzipierte Frau hat unrasierte Achseln ist nach Ihrer Definition also hässlich. Sie sind unemanzipiert und ich wette das attraktivste und sexieste männliche Gechöpf weit und breit!

gekaufter poster
00
2.10.2010, 03:05

es ist doch einfach nur ein zeitvertreib defizitärer debilistInnen, sich darüber Gedanke zumachen, wie man Rechtschreibung ent-macho-dominantionalisieren kann. ich finde dier KritikerIn hat Recht. das ist einfache in nutzloser Krampf. wer zeitung liest, sieht, das die welt andere ProblemInnen hat.

superloser
00
26.9.2010, 11:10

Was hat das Binnen-I bitteschön mit Emanzipation zu tun?

Günther Hase
 
03
26.9.2010, 19:50

für Leute mit einfachem Weltbild, sind Binnen-I Benutzerinnen emanzipiert.

mai
00
25.9.2010, 10:44
einfach in englisch

so wie in fucking

Neues aus dem ÖVP-Versteck
161
20.9.2010, 07:03

Mir scheint, die unendliche Ortstafelsituation nahm ihren Ausgang im undemokratischen Resultat der Volksabstimmung. Eine Abstimmung die bei 40% Wahlbeteiligung für alle 100% bindend wirkt, schafft auf Dauer böses Blut.
Ähnliches sehe ich bei der Nichtraucherabstimmung in Bayern, dort werden sich die Meinungsverschiedenheiten auch lange Zeit nicht legen, da für eine bindende Wirkung die Gruppe zu klein war.

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