Justus Neumanns Theater ist großes Kino aus Blech und Fantasie - Ein Mann geht in die Werkstatt und spielt dort den "Ring des Nibelungen"
Wien - Schrumpftechniken sind am Theater populär. Mit Vorliebe werden Gesamtwerke zu Zweistündern eingedampft oder Actionhelden wie Rambo ins Wohnzimmer verbannt. Die Diminutivformen hängen oft, aber nicht nur mit knappen Budgets zusammen, sondern auch mit einem entgrenzenden Eroberungswillen, der Kosten und Mühen gerade nicht scheut.
Das halbe Inventar (s)einer Werkstatt hat der mittlerweile in Tasmanien beheimatete Wiener Justus Neumann um die halbe Welt geschifft und jetzt in einem Zirkuszelt vor dem Dschungel-Theater aufgestellt. Hier, auf einem von unten beleuchteten Gitterrostboden und unter Zuhilfenahme von Blecheimer, Rohren, Amboss, Seilen, Besen, Fahrradketten, erzählt er den gesamten Ring des Nibelungen nach.
Die mythologische Sage um den begehrten und Zwietracht säenden Schatz im Rhein ist weder kurz noch einfach. Die Bayreuther Festspiele benötigen dafür dreieinhalb Tage. Neumann hantiert in der Regie Hanspeter Horners und zur Livemusik von Harald Gruber vertraut mit seinen sperrigen Objekten, mit kleinen, aber anschaulichen Handgriffen sind wesentliche, dem Fortgang der Handlung dienende Sachverhalte dargestellt. Siegfried stirbt: Wumm, da saust auch schon der Besenstiel auf das gekrümmte Abflussrohr todbringend nieder.
Neumanns/Horners Objekttheaterkunst beruht aber nicht auf banalen Repräsentationstechniken, sondern spielt mit einer metaphysischen Ebene, auf der irrationale und irritierende maschinelle Konstruktionen ins Spiel kommen. Und sie gibt auch der Neigung zu großem Kino nach, bei dem die Funken (aus der Schwertschmiede) spritzen, und lässt alles schließlich in Cinemascope enden, entsprechend zu Richard Wagners Götterdämmerung.
Und weil es Justus Neumann ist, bleibt das alles schön am Boden, d. h. das mit der Flex geschliffene Schwert wird neben den Kampfhandlungen zum Aufschneiden einer Semmel verwendet. Helden müssen ja auch essen.
Siegfried und Kriemhild, Gunther und Brünhild, sie rücken auf dieser poetisch blechernen Ebene als Geschöpfe mit ganz menschlichem Geltungsdrang und exemplarischen Fehlern näher. Ein phänomenaler Abend. Ab 13 Jahren. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Printausgabe, 15.9.2010)
>> Zelt beim Dschungel Wien, 7., Museumspl. 1. Bis 17. 10.