Manch einer fürchtet Einsamkeit, der andere Haare im Waschbecken - Ein Überblick über studentisches Wohnen
Die Studierzeit naht. Das bedeutet für viele Studierende einen Auszug vom trauten Elternhaus in die Welt der Universität - sei es nun hunderte Kilometer vom kleinen steirischen Kaff ins Grazer Studentenheim oder ein paar U-Bahn-Stationen weiter vom elterlichen Obdach in Wien-Währing in die Sechser-WG.
Über die Wohnform entscheiden meist das liebe Geld und manchmal auch die persönlichen Vorlieben. Manch einer fürchtet die Einsamkeit, der andere fremde Haare im Waschbecken. Es gibt junge Leute, die zu Hause wohnen und alles alleine machen, und es gibt wiederum welche, die ausgezogen sind, und Mama putzt einmal die Woche die Wohnung. derStandard.at zeigt, welche Wohn-Möglichkeiten Studierende haben.
Das Studierendenheim
Das Studierendenheim wird oft als „günstige Alternative" angepriesen. In Wien muss man für ein Zimmer mit etwa 250 Euro monatlich rechnen. Darin enthalten ist ein kleines, meist vollständig möbliertes Zimmer mit Einbauschrank und Linoleum-Boden. Das Bad wird meist mit einem weiteren Studierenden geteilt, die Großküche oft mit dem gesamten Stockwerk. Tür an Tür reihen sich die gleich aussehenden Zimmer aneinander, Platz für Individualität bleibt da kaum. Rund zehn Prozent der Studierende wählt diese Wohnform trotzdem. Denn sie bietet neben der etwas niedrigeren Miete auch viele soziale Kontakte. So sind beispielsweise im Kolping-Heim im sechsten Bezirk bis zu 30 Nationen unter einem Dach, vom Medizinstudenten aus Meidling bis zum Maschinenbau-Anwärter aus Finnland. Und um eine eigene Waschmaschine oder eine Fitness-Center-Mitgliedskarte muss man sich meist auch nicht kümmern, denn Waschküche und Sportmöglichkeiten bietet fast jedes Studentenwohnheim.
Die meisten Heime werden vom Bund und von den Ländern getragen, aber auch die Kirche oder private Träger bieten diese Wohnform für Studierende an. Die „Akademikerhilfe" betreibt beispielsweise 18 Heime in ganz Österreich. Eines davon findet man am Handelskai im 20. Wiener Gemeindebezirk. Für ein Einzelzimmer der Kategorie A (Bad/Dusche und WC wird mit dem Nachbarzimmer geteilt) sind 285 Euro zu berappen, hinzu kommt vor dem Einzug eine Reinigung um 70 Euro. Einmal jährlich wird eine Heimstatuspauschale von 30 Euro fällig. Das Rudolf-Kirchschläger-Heim von der „Österreichischen Jungarbeiterbewegung" verlangt zuzüglich zur Monatsmiete, die bis zu 290 Euro kostet, Bearbeitungsgebühr und Kaution von rund 450 Euro. Für's Internet sind 5 Euro im Monat fällig.
Ein Vertrag mit einem Verein wird jeweils auf ein Jahr abgeschlossen. Die Heimstatuten sind sehr unterschiedlich, in manchen Heimen sind „Heimfremde" über Nacht Tabu, andere Träger haben nichts dagegen, wenn der Freund oder die Freundin mal im Zimmer übernachtet. Das Studierendenheim empfiehlt sich für all jene, die gerne alles am gleichen Fleck haben. Nicht mal zum feiern muss man rausgehen, denn Parties finden in Studierendenheimen am laufenden Band statt. Wer nicht mitmachen will, kann einfach die Tür hinter sich schließen.
Die Wohngemeinschaft (WG)
In der großen fremden Stadt kann man sich schnell verloren fühlen, besonders, wenn man alleine in eine Wohnung zieht. Daher bietet sich eine Wohngemeinschaft für all jene an, die zusammen weniger alleine sein möchten und nicht vor fremden Menschen zurückschrecken. Rund 20 Prozent der österreichischen Studierenden lebt in einer Wohngemeinschaft. Jeder WGler hat in der Wohnung sein eigenes Reich in Form eines kleinen Zimmers, die anderen Räume werden aber gemeinsam genutzt. Diese Wohnform erspart Kosten, denn für weniger Geld gibt es mehr Lebensraum als in einer eigenen Wohnung. Viele WG-Wohnungen sind in nicht renovierten Altbauwohnungen untergebracht. Die Fenster sind oft undicht, die Miete aber billig. Ab 300 Euro all inclusive ist man dabei, es kann aber auch empfindlich teurer werden, sei es nun wegen einer zentralen Lage, einem besonders großen Zimmer oder einfach horrend hohen Hauptmieten.
Eine WG steht und fällt mit ihren Bewohnern. Manche Studierende legen viel Wert auf ihre Intimsphäre und können sich nicht vorstellen, ungeschminkt im Bademantel mit anderen Leuten am Frühstückstisch zu sitzen. Andere verbringen keine Minute im eigenen Zimmer, kochen für die gesamte WG auf und hocken dann bis spät abends plaudernd zusammen.
Das große Übel der WG ist meist die Hygiene. Denn irgendwann muss auch irgendwer putzen. Verschmutztes Geschirr in der Spüle und seit Tagen kein Klopapier mehr? Das Leben in der WG bedeutet Kompromisse eingehen und Abstriche machen, vor allem was Sauberkeit, Lärm und Intimsphäre angeht. Dafür sind WG-Parties die besten Parties der Studentenzeit.
Hotel Mama
„Hotel Mama" ist eher das Gegenteil von einem Neubeginn nach der Matura. Denn eigentlich bleibt alles beim Alten. Man lebt im Kinderzimmer, die Eltern füllen den Kühlschrank und meist fährt die Putzfrau auch noch mit dem Staubsauger eine Runde vorbei. Für viele Studierende ist diese Wohnform aus Kostengründen die einzige Wahl, selbst wenn man zum Studienort pendeln muss. Manche bleiben jedoch zuhause kleben. Zwar sind Menschenkinder Nesthocker, doch spätestens nach dem Studium sollte man „Adieu" vom „Hotel Mama" sagen. Manche Berufstätige genießen jedoch noch die Gratisdienste bei Mama und Papa. Zuhause lässt es sich bequem leben und auf Wunsch gibt's „Vollpension" und angenehme Dienstleistungen wie gebügelte Wäsche. Damit bringt man sich jedoch um einen wichtigen Neuanfang im jungen Leben und von Unabhängigkeit kann keine Rede sein.
Die erste eigene Wohnung
Freunde dürfen gerne auf Besuch kommen, aber wohnen will man lieber ganz ungestört und vor allem ganz alleine? Über die eigene Wohnung ist man sein eigener Herr. Die Wahl der Wohnung hängt von den finanziellen Möglichkeiten ab, die als Studierender meist sehr marginal ausfallen. Am günstigsten sind Mini-Wohnungen in windigen Gegenden, die aus einem einzigen (kleinen) Zimmer bestehen. Neben dem Bett reiht sich dann meist der Küchenblock, manchmal steht auch noch die Duschkabine daneben. Die Nachbarn hört man sogar, wenn sie nur im Flüsterton miteinander sprechen. Meist brüllen die jedoch nur.
Der eindeutige Vorteil in der eigenen Wohnung liegt in der Freiheit, die sie einem bringt. Denn hier kann man leben, wie man gerne lebt und muss keine einschneidenden Kompromisse eingehen. Die Haare im Waschbecken sind ganz sicher die eigenen und das Handtuch hat mit Bestimmtheit auch niemand sonst verwendet.
Diese Wohnform ist die teuerste für Studierende, da man für alles alleine zuständig ist. Selbstständig sind Rechnungen zu begleichen und Ordnung zu halten. Dafür kann man in Ruhe lernen oder auch mal fernsehen, ohne dass jemand einen zuquatscht. Aber die Decke kann einem so allein schon mal schnell auf den Kopf fallen. (Karin Jirku, derStandard.at, 14.9.2010)